„Eigentlich waren wir knallharte Egoisten“ (petrusbruderschaft.de)

Informationsblatt

der Priesterbruderschaft St. Petrus

März 2018

Eigentlich waren wir knallharte Egoisten.“

Der neomarxistisch-revolutionäre Kulturbruch von 1968 und seine Folgen

P. DR. DANIEL EICHHORN FSSP

 

Jüngst sprach Papst Franziskus von „sozialen Unruhen der 68er-Jahre“ und kritisierte, daß im Anschluß daran „die Interpretation einiger Rechte fortschreitend … verändert wurde“. Wenn sich die damaligen Ereignisse zum 50. Mal jähren, fordert uns das auf, die Jahre 1967-69 näher zu beleuchten. Was damals auf den Straßen und Universitäten, in Medien und Debattierclubs geschah, hat bis heute massive Folgen. Darauf gründet letztlich die heutige linkslastig-liberale „Spaßgesellschaft“, aber auch die Tatsache, daß es heute in Deutschland fast doppelt so viele Lehrstühle für sogenannte Genderstudien wie für klassische Sprachen gibt. Weder die heutige Bundesrepublik und ihre Gesellschaft(en) noch die Lage in Politik, Bildung und Kultur des „Westens“ überhaupt, sind ohne den Traditions- und Kulturbruch des Jahres 1968 tiefer verständlich. Ihre Prinzipien geben in praktisch allen öffentlichen Bereichen, in Rundfunk, Fernsehen, Internet, Bildungspolitik, Kultur etc., die öffentliche Meinung vor.

Die damaligen Ereignisse waren ebenso vielschichtig wie deren Ideengeber und Propagandisten: Amerikanische und britische Jugendsubkultur und Musik lockten. Sozialisten und „Antifaschisten“, Utopisten und existenzialistische Denker wie Rudolf Bultmann, Albert Camus, Jean-Paul Sartre verbreiteten ihre neuen Ideen. Geistig verwandt damit waren Feministinnen wie Simone de Beauvoir. Der propagierten „freien Liebe“ entsprach das geforderte „Recht“ auf Ehescheidung und Abtreibung. Ein Zentrum und zugleich ein Motor der Bewegung lag in den Studentenrevolten von San Francisco, Paris, Bologna, Göttingen und Frankfurt a.M. bis West-Berlin. Sie kritisierten den Muff unter den Talaren – die deshalb bis heute in Schränken verstauben. Erfolgreich legten sie den Universitätsbetrieb lahm und forderten weitgehende Hochschulreformen. Sie demonstrierten gegen den „Polizeistaat BRD“ und „Nazilehrer“, NATO und „Notstandsgesetze“. Die Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit wurde – teils zu Recht – als mangelhaft kritisiert, vor einem „neuen 33“ gewarnt und eine „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) aufgestellt. Ein kollektives Aufbegehren gegen Staat und Autorität, „Faschismus“ und „Diktatur der Gewalt“, Kapitalismus und Konsumwahn, „Herrschaft“ und Ordnung, „das System“ und „das Establishment“, Normen und Moral, „Spießertum“ und Elternhaus, Tradition und „Restauration“ sowie ein umfassender Zug zu Disziplinlosigkeit, Formlosigkeit und Demokratisierung überzog die nördliche Halbkugel. Nachweislich geschah all dies mit finanzieller und logistischer Unterstützung seitens der DDR.

Man war für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und gegen den Vietnamkrieg. Dagegen boten die Hippies ihre liberale Losung „Make love not war“ als vermeintliche Rettung des Weltfriedens feil. Solch simpler Logik entsprechend propagierte die „Reformpädagogik“ „Aufklärung“, „Lustgewinn“ und „Experimente“ für Kinder und Jugendliche. Von „Summerhill“ bis zur heute berüchtigten „Odenwaldschule“ stellte sich die „antiautoritäre Erziehung“ gegen die Erziehungspraxis der 1950er- und 60er-Jahre und forderte „Schülermitverwaltung“ (SMV). Berechtigt war sicherlich die Suche nach gewissen Alternativen zum „Frontalunterricht“. Später bekannte ein klassischer „68er“ die wahren Motive des Aufstandes, die in einem freieren Lebenswandel lagen: „Eigentlich waren wir knallharte Egoisten. Wie wollten eine Schule haben, die es uns leichter machte. Wir wollten uns gegen die Eltern durchsetzen. […] Wir wollten bessere Musik hören.“ Musik wie jene John Lennons: Dessen Song „Imagine“ verklärte melodisch getragen eine Welt ohne Krieg und – ohne Religion.

Nur die wenigsten „68er“, wie z.B. Ulrike Meinhof, beschritten den Weg in Illegalität und RAF-Terror. Aber die dahinterstehenden „linken“ Prinzipien speisen sich doch aus gemeinsamen Quellen. Gewaltbereit zeigte sich auch die Frankfurter „Sponti“Szene um Josef Martin „Joschka“ Fischer. Andere „68er“ sind bis heute dem Pazifismus verhaftet. Die Turbulenzen ließen Universitäten, Staaten und Kirche oft ratlos zurück. Der Kommandant der Kubanischen Rebellen Che Guevara wurde zur Ikone linker Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt. Innerkirchlich zeigte sich 1968 als theologischer und liturgischer Traditionsbruch. Rudolf Bultmann und Karl Rahner galten als theologische Leitsterne der Moderne. Theologen proklamierten gar den „Tod Gottes“. Wegen seiner traditionstreuen Enzyklika „Humanae Vitae“ sah sich der selige Papst Paul VI. als „Pillen-Paul“ diffamiert. Die Theologie wurde mit Jürgen Moltmann, Wolfhart Pannenberg und Johann Baptist Metz weiter politisiert; das „Prinzip Hoffnung“ begründete irdisches Glück und Wohlstand für alle als vorrangiges christliches Ziel. Über der Dominikanerhochschule Le Saulchoir zogen Studenten der hl. Gotteslehre die rote Fahne auf. In Tübingen verteilten sie blasphemische Flugblätter. Eilig verließ Prof. Joseph Ratzinger die brodelnde Atmosphäre der schwäbischen Uni und wechselte in das ruhigere Regensburg. Das einigende Band all dieser verschiedenen Strömungen bildet deren neomarxistisch geprägte Linkslastigkeit und damit verbunden Kritiksucht und Fortschrittsglaube: Weg vom Früheren, Los vom Bestehenden! Gleichheit aller (und besonders der Gesinnungsgenossen)! Was „links“ war und wofür es stand, blieb indes weitgehend vage und undefinierbar. Ursache wie Symptom der „68er“ war im deutschsprachigen Bereich die „Neue Linke“ um Rudi Dutschke, Ulrike Meinhof, Frantz Fanon, Dieter Kunzelmann oder Ernst Bloch (Tübingen) bzw. die neomarxistische „Frankfurter Schule“ (Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno). Der Marxismus wird als die Weltanschauung aller wahrhaft Denkfähigen betrachtet. Bald ging die Saat auf: Die bislang oft unpolitische und klar antikommunistische Einstellung schwand in der Gesellschaft.

Die entgegenkommende „neue Ostpolitik“ galt nicht mehr nur im Vatikan, sondern wurde nun auch deutsche Staatsdoktrin. Willy Brandts Slogan „Mehr Demokratie wagen“ revolutionierte förmlich viele Lebensbereiche. Der Geist von „68“ ging den „langen Marsch durch die Institutionen“. Heute beherrscht er praktisch alle Schalthebel der Macht. Vor allem die geistige Lufthoheit in Bildung und Medien wurde ebenso gezielt wie erfolgreich erobert. Seine Jünger wurden linksintellektuelle Journalisten, Schriftsteller, Künstler, Regisseure, Schauspieler, Lehrer, Professoren, Richter, Staatsanwälte, Politiker und Minister, ja Mönche und Nonnen, Priester und Bischöfe. Impulse der „68er“ kanalisierten sich in ökologischen und friedensbewegten Gruppierungen. Im Grunde geht es um das „New Age“. Falsch und ungerecht wäre es, alles von damals rundweg zu verdammen. Manches in den Bereichen Frauenbild und Vaterrolle, Autoritätsverständnis und Erziehungspraxis, Familie und persönliche Freiheiten, Staat und Obrigkeit, Polizei und Militär sowie Bildung war zweifellos zeitbedingt und verbesserungsfähig. Aufarbeitung der eigenen Geschichte und Überwinden der politischen Interesselosigkeit waren nötig. Solche Veränderungen hat es immer gegeben und nie läßt sich das Rad der Geschichte zurückdrehen. Daß der Vietnamkrieg ebenso fragwürdig wie fürchterlich war, war offensichtlich. Die Vermeidung von Krieg und Gewalt sowie die Wiederherstellung eines gerechten Friedens müssen jedem Christen brennende Anliegen sein. Prinzipiell entspricht der „Umweltschutz“ weitgehend der christlichen Sorge für die „Bewahrung der Schöpfung“ Gottes.Solche zum Teil positiven Aspekte im Kontext von „68“ festzustellen, bedeutet selbstverständlich keine Rechtfertigung. Sie sind nicht des Pudels Kern. „68“ war klarerweise keine christliche Bewegung. Ihre Ideen und Prinzipien, ihre Motive und Normen entstammen nicht dem jüdisch-christlichen Menschenbild, in dem der Mensch als Mann und Frau Schöpfung Gottes und als „Bild und Gleichnis“ (Gen 1,26) Gottes die Krone der Schöpfung ist. Die Prinzipien von „68“ hingegen entstammen der Emanzipation von der Schöpfungsordnung und dem daraus hervorgehenden Gesetz Gottes, entstammen dem unbeschränkten Streben des Menschen nach Freiheit und Autonomie, einer Art Selbstvergötzung des sich scheinbar selbst verwirklichenden Menschen. Es geht nicht mehr darum, Gott und der Wahrheit zu dienen, sondern letztlich sich selbst, dem je eigenen Ich, seinen Interessen, seinem Vorteil und insofern bestenfalls auch der Menschheit als solcher zu dienen.

Sie stammen aus einer Welt ohne Gott und führen noch tiefer hinein in eine Welt ohne Gott. Es gibt keine tiefere menschliche (metaphysische) „Natur“ und daher auch kein Naturrecht. Mittelpunkt ist im Grunde ein rein „weltliches“, gottloses, materialistisches, macht- und genußorientiertes Weltbild: „Eigentlich waren wir knallharte Egoisten.“ Der Mensch ist lediglich eine darwinistisch erklärte, triebgesteuerte Laune der Natur, ohne eine unsterbliche Seele und daher auch ohne letzte Verantwortung für sein Denken, Reden und Tun. Als trauriger Rest bleibt eine Haltung, die quasi alles als gleichwertig bewertet, solange es Menschen nicht nachweislich schadet. Im Namen der Toleranz wird Intoleranz betrieben, Meinungsfreiheit beschränkt und eine „Diktatur des Relativismus“ (Papst Benedikt XVI.) aufgebaut. Dabei ist die Sprache ein Instrument der Macht: Begriffe („Ehe“, „Familie“, „Heimat“, „Freiheit“, „Tradition“ etc.) werden ausgehöhlt, verändert und eine relativierende, neutralisierende, genderneutrale Sprechweise gefördert. Mit einem solchen Verständnis von Mensch und Staat, Kultur und Moral, ist die Gesellschaft auf Dauer in ihrem Bestand bedroht.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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2 Antworten zu „Eigentlich waren wir knallharte Egoisten“ (petrusbruderschaft.de)

  1. Stella schreibt:

    Keine Sorge,diese Gesellschaft schafft sich ab,liegt buchstäblich schon im Koma, auch und natürlich in erster Linie mangels Nachwuchs.
    Verödende Städte,überall alte und ältere Menschen (gehöre selber dazu),Rollatoren und Gehhilfen wohin das Auge schaut.
    Pflegeheime und Seniorenresidenzen wachsen wie Pilze aus dem Boden,werden aber über kurz oder lang wieder leer stehen.
    Siehe hier:
    https://dieunbestechlichen.com/2018/02/bevoelkerungsreduktion-deagel-liste-co-beinhalten-schlechte-prognosen-fuer-die-weltbevoelkerung/
    Wenn das seit den Sechzigern Absicht war, kann man nur sagen: Plan zu 100 % erfüllt!
    Aber als Trost einen Ausspruch von der sel.Anna Katharina Emmerick:
    “ wenn die Zahl der Seligen,die die Plätze der gefallenen Engel im Himmel einnehmen sollen vollendet ist, stirbt die Menschheit aus“.-

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  2. Gast auf Erden schreibt:

    Na ja, wir sind jetzt achtzig Millionen Bürgerinnen und Bürger hierzulande. Andere Länder haben bei deutlich mehr Platz, nur ein Zehntel dieser Bevölkerungsstärke; und das schon gaaanz lange. Die müssten, glaubt man der grassierenden Hysteriewelle, dchon seit Jahrhunderten ausgestorben sein. Sind sie aber nicht, sie begehen feierlich jedes Jahr den Todestag ihres berühmtesten Landsmannes und vergeben dabei die prominentesten Wissenschaftspreise die es auf dieser Welt gibt und einen Literaturpreis, den nicht wenige Deutsche schon erhalten haben, so zum Beispiel Heinrich Böll, Günter Grass und Elfriede Jelinek. Und ihre Nachbarn, auch nicht viel mehr an der Zahl, vergeben jedes Jahr den berühmtesten Preis für Friedensstifter. Auch der wurde schon von Deutschen empfangen, so zum Beispiel von Willy Brandt und Gustav Stresemann.

    Ich frage mich wirklich, wie diese Mini-Völker, gemessen an den Deutschen, überhaupt überleben können und dann auch noch die Vergabe dieser prominentesten Preise der Welt in so vielen Kategorien stemmen können.

    Entweder sind diese Völker einfach zehnmal besser als das deutsche Volk (was ich für unwahrscheinlich halte, weil ich dort Verwandte habe und das eine Land gut kenne), oder die hier dargebotene Hysterie ist völlig unbegründet.

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