Einige Anmerkungen zu „Macht die Liturgie zum Zentrum Eures Lebens!“ oder Die Fiktion eines konzilstreuen Traditionalismus…

Leider kommt der – von vielen seltsamerweise als „neuer Levebvre“ apostrophierte – Kardinal auch in diesem Interview nicht auf den Punkt. Und der springende Punkt ist für mich das Konzil und sein Verständnis. Denn wenn vor dem Konzil (als sichtbaren Kulminationspunkt vorher unterschwelliger modernistischer Strömungen) ein Glaubensleben in Fülle und nachher Kargheit und Dürre herrschte, wird man das Konzil näher betrachten müssen, als lediglich hinsichtlich des Studiums der Kirchenväter. Zur Liturgiereform liest man Nebulöses, da ist mir der „alte Levebvre“ lieber, der sinngemäß sagte, die „Neue Messe“ stamme aus der protestantischen Denktradition und führe die Gläubigen unweigerlich zu ihr. Touché.

Vielleicht stellt ja die konziliare Denkungsart lediglich eine zeitbedingte Marotte heilsoptimistischer und kampfesmüder Kapitulanten aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts dar. Da sie jedenfalls liturgisch steril ist, bringt sie aus sich  selbst heraus keine Tradition hervor, sondern verdunstet zusehends zugunsten eines sich ausbreitenden Laienengagements und ungebremsten Einzugs der aktuellen Tagespolitik wie etwa Flüchtlingsunterbringung oder Sozialpolitik in den Gottesdienst. Kein Geringerer als Kardinal Sarah stellte jüngst offiziell fest, dass die Messe in „frevelhafter Weise auf ein einfaches Gastmahl, auf die Feier eines profanen Festes und eine Selbstzelebration der Gemeinschaft“ reduziert wurde – dies wird man problemlos in jeder diözesanen Pfarrgemeinde (mehr oder weniger) feststellen können.

Warum wird, zumindest nach meiner Erwartung, keine konzilstreue Traditionalistenbewegung á la Priesterbruderschaft auf der Grundlage des Konzils entstehen können? Weil auch das von den dubia-Kardinälen (plus Kardinal Sarah) repräsentierte „konservative Lager“ ebenso wie das „progressistische“ Lager den konziliar bis zur Unkenntlichkeit verdünnten Wein „im Angebot“ hat. Sicher: Man setzt andere Akzente, interpretiert die Konzilstexte zurückhaltender (präferiert beispielsweise Latein, sieht Frauen um den Altar kritischer). Man wünscht eine andere Zelebrationsrichtung und verteidigt seine letzten Bollwerke gegen Frauenordination und Zölibatsabschaffung. Bischof Fellay, der Generalobere der Priesterbruderschaft St. Pius X. ,beschreibt sie treffend als das „sogenannte konservative Lager, wo sich Vorkämpfer einer äußerst traditionellen Lesart des Konzils sammeln“ (Mitteilungsblatt der FSSPX Nr. 376, Mai 2010). Sicherlich missbilligen solcherart „konservative“ Bischöfe, Kardinäle und Priester auch die infantilen Harlekinaden des Papstes – mit gedämpfter Stimme und nur im vertraulichen Gespräch. Bezeichnenderweise wurden die vier dubia-Kardinäle ja nicht mehr, sondern durch Kardinal Meisners Tod noch weniger. Aber in der Regel sind auch die sog. „Konservativen“ meist in der Abneigung gegen die „vorgestrige“ Priesterbruderschaft St. Pius X. und die überlieferte Messliturgie mit den sog. „Progressiven“ vereint. Stellt das Konzil doch für die langsam abtretende Generation der Kirchenhierarchen doch schlichtweg das Ereignis ihres Lebens dar. Grundlage ihres Handelns und Wollens. Erst die nachwachsenden Priestergenerationen sehen das Konzil kühl und distanzierter – vor allem im Hinblick auf sich leerende Kirchen und Seminare.

Wenn man das Konzil als Dreh- und Angelpunkt betrachtet, muß man das Welt- und Gottesbild der „geistigen Väter“ des ominösen Geist des Konzils, nämlich die Jesuitenpatres de Lubac, Rahner und Teilhard de Chardin, in den Blick nehmen. Dieses war sowohl grundlegend für die Interpretation des Konzils als auch die Gestaltung der Liturgiereform und hat Generationen von Theologen geprägt (bei weiterführendem Interesse an fundierter Analyse empfehle ich die einschlägigen Vorträge von H.H. Pater Niklaus Pfluger, dazu bitte dessen Bild hier am Blog-Rand anklicken).

Nach Pater Teilhard de Chardin ist der Mensch das Zentrum, auf dass sich die Totalität der kosmischen Evolution richtet. Seine vollkommene Entwicklung als menschliche Person ist ein Teil dieses Fortschritts. Pater Karl Rahner konzipierte darauf fußend die Vorstellung eines anonymen Christentums. Der Mensch als anonymer Christ ist, bereits weil er als Mensch auf Gott bezogen ist, erlöst. Er mag im konkreten Fall auch Buddhist oder Atheist sein, er ist von Gott erlöst – er weiß es nur noch nicht. Gott denkt dem Menschen das Heil zu, sie gehört bereits zur Grundstruktur des Menschen. Demzufolge sind nach Rahner alle Religionen lediglich sog. „suchende Christologien“. Der Buddhist sucht z.B. als Buddhist im Buddhismus Christus und wird in den Himmel kommen. Ebenso der explizierte Gottesleugner – Gnade ist nicht mehr erforderlich. Er ist erlöst – sozusagen, ober will oder nicht.

Mit dem besagten Jesuiten-Dreigestirn und ihrer Nouvelle Théologie hat man sich vom überlieferten theozentrischen Glauben ab- und einem neuen, nunmehr klar anthropozentrischen, Glauben zugewandt. Ist der Mensch bereits erlöst und geht mit absoluter Sicherheit nach dem Tode zu Gott ein, kommt es ja in der Tat auf Gottesdienstbesuche, Beichte oder Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche nicht an. Dann wird auch klar, warum Papst Johannes-Paul II. die Moslems aufrief, gute Moslems zu bleiben und den Koran küßte, warum Papst Franziskus von Mission nichts hält, weder bei Moslems, noch bei Orthodoxen oder gar Juden. Diese sind erlöst, fertig. Faktisch schuf das Konzil durch die Allerlösungstheologie á la Rahner eine neue Religion, in welcher jeder Mensch ohne Erbsünde, Meßopfer und der Kirche als Heilsnotwendigkeit bereits erlöster anonymer Christ ist.

Der Katalysator dieser Grundhaltung ist die per Liturgiereform (Landessprache statt Latein, Zelebration zum Volk, fehlende Kommunionbank, Altartisch statt Hochaltar etc.) brachial aufgezwungene Neue Messe – sie ist nicht mehr eindeutig Opfer, sondern vielmehr Gemeinschaftsmahl der sich versammelnden Gemeinde. In ihr steht der Mensch mit seinen Problemen im Mittelpunkt, die diesseitige Welt, welche sozial verträglich und umweltgerecht gestaltet werden muß. Gott hat sich hier dem Menschen anzupassen, nicht umgekehrt. Logisch zu Ende gedacht landet man folgerichtig bei den lauwarmen Liberalala-Messen mit ihrer Sozialpolitik und Ökozentrik. Diese sind kein Auswuchs des Konzilsdenkens, sondern deren legitime Früchte. Und genau an diesem Punkt werden sich „konservative“ Kleriker wie die ecclesia-dei-Gruppen aufreiben: Man kann im konziliaren Treibsand keine glaubenstreue Festung bauen. Folgerichtig wird die theozentrische überlieferte Messe (und die sie bewahrende Priesterbruderschaft St. Pius X.) als natürlicher Todfeind der anthropozentrischen Nouvelle Théologie begriffen – vom sog. „progressistischen“ Klerus mit gleichsam „rattenhafter Wut“ (Heinrich Böll) bekämpft, vom sog. „konservativen“ Klerus instinktiv gescheut.

Denkt man dies logisch zu Ende, überrascht es nicht, dass diese Neue Theologie andere Priester hervorbringt – nicht mehr Opferpriester, sondern Pastoralteam-Moderatoren, gemeindetherapeutisch denkende Sozialarbeiter. Und natürlich andere Gläubige – und einen anderen Glauben. Dies bleib lange Zeit verborgen hinter den repräsentativen Fassaden, welche vor allem der konservative Flügel der Konzilsbefürworter (vor allem im langen Pontifikat des moraltheologisch „konservativen“ Papstes Johannes-Paul II.) für das Kirchenvolk geschaffen hatte: die Fiktion eines unverändert gepredigten und lediglich in die moderne Zeit adäquat übersetzten Lehramtes sowie einer etwas moderneren Liturgie. Die Fiktion blieb allerdings nur für den erhalten, der dies auch bewußt wollte, ähnlich dem „Zwiedenken“ aus Orwells „1984“ bedurfte es dazu eines Willensaktes. Hatte doch die in den 70er Jahren eingeführte neue Liturgie objektiv für jeden erkennbar mit dem überlieferten Messritus kaum etwas gemein (Landessprache statt Latein, Zelebration zum Volk, fehlende Kommunionbank, Altartisch statt Hochaltar etc.). Obgleich jeder selbst unschwer feststellen konnte, dass dies mit der Realität nicht übereinstimmte, redefinierte er dies, um den eigenen Bezugsrahmen des für „Wirklichkeit“ gehaltenen trotzdem weiter aufrechterhalten zu können. Er deutete also derart die von ihm erkannte Realität (um), auf dass sie weiterhin trotzdem in seine Interpretation von Ich, Anderen und Welt (also das, was für „Wirklichkeit“ gehalten wird) passte. So auch Kardinal Burke, der ja bereits früh die negativen Aspekte erkannt haben will, aber trotzdem in der nachkonziliaren Kirche eine formidable Karriere machte…

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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2 Antworten zu Einige Anmerkungen zu „Macht die Liturgie zum Zentrum Eures Lebens!“ oder Die Fiktion eines konzilstreuen Traditionalismus…

  1. Neukatholikin schreibt:

    Dabei frage ich mich, ob Kardinal Sarah nicht derselbe Fall ist. Er zieht sich zurück und schreibt Bücher über Wüstenväter. Ich will keinen schlechten Willen unterstellen, sind sicher beide tiefgläubige Männer.

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