Muß eine neue Kirchenspaltung sein? (http://www.die-neue-ordnung.de/)

Nr. 3 / 2017 Juni                71. Jahrgang

 

Hans-Bernhard Wuermeling

Muß eine neue Kirchenspaltung sein?

 

Vor fünfhundert Jahren führte Martin Luthers Reformation zu einer großen Kirchenspaltung. Heute glauben viele Menschen, daß eine neue Reformation, geradezu eine Revolution stattfinde und bejubeln sie. Andere befürchten sie. Droht deswegen eine neue Kirchenspaltung? Und weswegen? Von Amoris Laetitia, der Freude der Liebe, ist in einem „postsynodalen Schreiben“ von Papst Franziskus die Rede. Doch in der Öffentlichkeit fand diese Freude kaum ein Echo. Vielmehr interessierten die Äußerungen des Papstes über den Kommunionempfang von Geschiedenen und Wiederverheirateten, weil weitgehend verbreitet und geglaubt wird, die katholische Kirche rücke damit von ihrem rigorosen Festhalten an der Unauflöslichkeit der Ehe ab. Wenn man will, kann man den entsprechenden Text aus dem Kapitel 8, insbesondere eine darin enthaltene Fußnote, allerdings so verstehen.

Nicht nur kirchenferne Menschen, sondern auch Bischöfe aus Kasachstan, Malta und Gozo tun das und begrüßen diese vermeintliche Wende. Vier Kardinäle, darunter der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner, haben dann den Papst in aller Ehrerbietung, aber unmißverständlich aufgefordert, sich verständlich und eindeutig zu seinen Äußerungen zu erklären. Der Papst folgt dieser Aufforderung bisher nicht und scheint ihr auch nicht folgen zu wollen. Aber der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ließ dann verlautbaren, daß die Unauflöslichkeit der Ehe, ein zentrales Glaubensgut der Kirche, nicht durch eine Gewissensentscheidung unterlaufen werden könne. Nahezu gleichzeitig veröffentlichte der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz eine Erklärung unter dem etwas umständlichen und eher harmlos klingenden Titel „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche.“ Ausführlich wird darin den Gedanken des Papstes in seinem postsynodalen Schreiben Amoris Laetitia zugestimmt und deswegen die Pflege der Ehevorbereitung, der Ehebegleitung und der Familie als Lernort des Glaubens gefordert. Auch dieser Text wird in der Öffentlichkeit aber fast nur seines vierten Abschnittes wegen mit Interesse gelesen, weil es darin um den Umgang mit Zerbrechlichkeit (gemeint von Ehen) geht, wozu Begleiten, Unterscheiden und Eingliederung gehöre. Letztlich geht es darum, in schwierigen Situationen einer Entscheidung des gut gebildeten Gewissens des Einzelnen den Vorrang vor einem Gebot oder Verbot zuzugestehen, im hier einschlägig gegebenen Fall die Zulassung von Geschiedenen und Wiederverheirateten zum Kommunionempfang.

Die Bischöfe zitieren dabei die Worte im postsynodalen Schreiben des Papstes: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“ Der Papst und die Bischöfe verstehen sich damit in Übereinstimmung mit Kardinal John Henry Newman (1801-1890), der sich, in einer Gesellschaft, gefragt, ob er lieber auf den Papst oder auf das Gewissen einen Toast ausbringen würde, für das Gewissen entschied. Die letztliche Vorrangstellung des (gebildeten!) Gewissens vor Norm und Gesetz ist aber nicht nur ein christliches Prinzip, sondern gehört zu den sittlichen Grundvorstellungen nahezu aller Kulturen. Sich darauf zu berufen, wird als Epikie (Angemessenheit im Ausnahmefall) bezeichnet. Darunter versteht man, daß Jedermann gegen ein Gesetz oder eine Norm handeln darf und sogar muß, wenn die jeweilige Situation das erfordert oder wenigstens zuläßt. Damit wird dem Rechnung getragen, daß Gesetze und Normen nie ausnahmslos auf alle etwa eintretenden Situationen anwendbar sind. Deswegen ist ein Handeln, das dem Sinn und Zweck solcher Vorschriften entgegensteht, sittlich vertretbar. Voraussetzung ist dafür allerdings die sorgfältige Schulung und Prüfung des Gewissens, das nicht als Rechtfertigung von subjektiver Willkür verstanden werden darf. Vielmehr hat es sich am Wohl der Beteiligten und am Gemeinwohl auszurichten.

Schließlich darf ein Handeln nach den Grundsätzen der Epikie kein Ärgernis hervorrufen. Es muß sogar diskret erfolgen, wenn die Gefahr besteht, daß es als Präzedenzfall verstanden und mißbraucht wird. Charakteristisch für Epikie ist, daß die Regel oder Norm nicht als falsch angesehen und ihre Verbindlichkeit dadurch vermindert wird, sondern daß ihre Anwendbarkeit im für den Norm- oder Gesetzgeber nicht voraussehbaren Ausnahmefall unpassend ist. So darf man, um ein einfaches Beispiel für eine Epikie zu nennen, wenn kein Verkehr herrscht und gegenüber ein Mensch überfallen wird, die Straße auch bei „rot“ überqueren, um Hilfe zu leisten. Epikie wandte ferner Antigone an, als sie ihren Bruder gegen den Befehl ihres Königs Kreon begrub. Umstritten war die Epikie bei den Männern des 20. Juli. Sie entschlossen sich schließlich, Hitler entgegen dem Tötungsverbot zu töten, um einem sinnlosen Morden und Krieg ein Ende zu bereiten. Zunächst betrachtet, sind die jüngsten päpstlichen und bischöflichen Äußerungen deshalb letztlich nichts anderes als Umschreibungen von Epikie – und keineswegs revolutionär (die Süddeutsche Zeitung vergleicht sie gar mit einer Mondlandung der Bischöfe). Doch schon Platon beschäftigte sich damit, duldete Epikie allerdings nur als das kleinere Übel. Aristoteles und nach ihm Albertus Magnus hielten dagegen Epikie für ein Mittel zur Verbesserung der Gerechtigkeit, weil Gesetze und Normen diese nie vollkommen herstellen können. Für Thomas von Aquin galt Epikie gar als Tugend, weil sie dem Naturrecht und nicht den unvollkommenen Gesetzen und den unvollkommen formulierten Normen Vorrang einräumte. Ohne an ihrem Prinzip etwas zu ändern, scheint Amoris Laetitia dem Praktizieren von Epikie und damit der Gewissensentscheidung allerdings mehr Raum zu geben.

Für die Frage des Kommunionempfangs der Geschiedenen und Wiederverheirateten wird darin das Begleiten, Unterscheiden und Eingliedern den Seelsorgern an der Basis anvertraut. Damit entfallen höhere Instanzen, die allzu großzügige Entscheidungen vermeiden sollten. Erschwert ist die Lage dadurch, daß es keine eindeutigen Kriterien gibt, denn Epikie ist dadurch gekennzeichnet, daß sie für den Ausnahmefall keine Regeln kennt. Die normierte Regelung von Ausnahmefällen würde ja die Ausnahme zur Regel machen. Man möchte sich damit zufriedengeben und hoffen, daß der Dissens in der Kirche durch Einsicht in das Wesen der Epikie beendet und damit die drohende Spaltung der Kirche verhindert wird. Ob diese Einsicht auch genügt, jenen Paaren ein Handeln nach der Epikie zuzugestehen, die sich nicht oder noch nicht zur Ehe entschließen, aber wie Eheleute zusammenleben? Der Papst nennt sie ausdrücklich unter den irregulär Lebenden, also denen, die bisher als Sünder bezeichnet wurden. Hier bedarf es weiterer Klärungen. Schwerer wiegt dagegen für Katholiken die Frage, ob nicht die Ehe als Sakrament die Anwendung von Epikie verbietet, der Ehebruch also ein Sakrileg ist. Es wird doch das „Ja“ der Eheleute füreinander als Versprechen vor Gott gegeben, einem Eid vergleichbar, mit dem Gott als Zeuge angerufen wird. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Erklärung von Kardinal Müller verständlich, der einen Vorrang des Gewissens vor der Achtung des Ehesakramentes ausnahmslos ablehnt.

In aller Härte wird damit die Wiederverheiratung Geschiedener nur dann geduldet, wenn sie nicht wie Eheleute zusammenleben. Es mag als ein billiger und winkelzügiger Rat erscheinen, in einschlägigen Fällen zunächst zu prüfen, ob die erste Ehe tatsächlich gültig war und nicht etwa von vorneherein defekt, so daß sie als ungültig angesehen und als solche von der Kirche festgestellt werden muß. Das ist immer dann der Fall, wenn Partner die Tragweite eines Eheversprechens und/oder seine Sakramentalität nicht kennen oder für sich nicht akzeptieren. Dann sind sie nicht an ein unter falschen Voraussetzungen gegebenes Eheversprechen gebunden. Dem trägt die Kirche Rechnung und muß es, auch auf die Gefahr hin, daß hier Mißbrauch möglich ist. Angesichts der Tatsache, daß heute immer mehr katholisch geschlossene Ehen wegen fehlender Voraussetzungen ungültig sind, ist die von Papst und Bischöfen geforderte bessere Ehevorbereitung unabdingbar. Sie muß den Eheleuten die Heiligkeit der Ehe als ein Sakrament und den Ehebruch deswegen als ein Sakrileg erklären. Sie muß die Unauflöslichkeit der katholischen Ehe, ein zentrales Glaubensgut der Kirche, als Voraussetzung für Amoris Laetitia, für die Freude der Liebe, verständlich machen. In jedem Fall ist daran festzuhalten, daß im Hinblick auf ein Sakrament, so auch auf das Ehesakrament, Epikie unzulässig ist. Allenfalls bei einem nicht behebbaren Zweifel an der Gültigkeit einer ersten Ehe mag der Gewissensentscheid eine gewisse Rolle spielen.

Die Härte, mit der die katholische Kirche – scheinbar unbarmherzig – an der Unauflöslichkeit einer gültig geschlossenen sakramentalen Ehe festhält, ist der Preis dafür, daß sich eine Mehrheit christlicher Eheleute wahrer und dauerhafter Liebe erfreuen darf. Eine Minderheit von Menschen, deren Ehe gescheitert ist, muß diesen Preis allerdings leidvoll zahlen. Ihnen muß die Kirche klarmachen, daß ihr Leid nicht sinnlos ist, sondern letztlich solidarisch dem Gelingen stabiler Ehen dient und in diesem Sinne von ihnen verstanden und hingenommen werden kann. Es bleibt zu hoffen, daß die Streitenden aus dieser Sicht zu einer verbindenden Einsicht gelangen und eine Spaltung der Kirche vermeiden werden.

Prof. em. Dr. Hans-Bernhard Wuermeling leitete das Institut für Rechtsmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg und ist Experte für bioethische Fragen.

 

 

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

 

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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