Zeit im Licht der Ewigkeit (http://petrusbruderschaft.de/media/Infoblaetter/alte_Ausgaben/2017_07.pdf)

Informationsblatt

der Priesterbruderschaft St. Petrus

Juli 2017

 

Zeit im Licht der Ewigkeit

 

Der Barock wird oft nur als eine Epoche der Kunstgeschichte gewürdigt. Eigentlich ist er ein vielschichtiger Ausdruck katholischer Weltsicht.

P. LIC. SVEN LEO CONRAD FSSP

 

Am Barock scheiden sich die Geister. So manch eine schlichte Pfarrkirche in neubarocker Ausschmückung wertet man kunstgeschichtlich schnell ab. Sofern man geisteswissenschaftlich gebildet ist, schließt man sich unreflektiert dem Urteil der Aufklärung über den Barock an. Er sei eine Zeit der absolutistischen Unterdrückung, des Wunderglaubens, der Herrschaft der Kirche. Zu schnell denkt man bei Barock auch an Schnörkel, Zierrat und äußere, gleichsam unwesentliche Spielerei. Dabei übersieht man eine ganz erstaunliche Tatsache, nämlich, daß hier „eine einzige große Bewegung auch noch die letzte Dorfkirche erfaßt hatte.“ (Benno Hubensteiner). Dies war nur möglich, weil es sich hier eben nicht nur um einen Kunststil, sondern vor allem um einen unverfälschten Ausdruck katholischer Weltanschauung handelt, der das Geistesleben in all seinen Formen zu prägen vermochte. Die theologischen Diskurse der Barockscholastik etwa bezeugen eine Höhe der Spekulation, die man heute leider nur der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts zugestehen möchte. Barock, das bedeutet aber auch Jesuitentheater und ein Teil der Weltliteratur. Barock ist noch der (zeitlich spätere) berühmte „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, der alljährlich hunderte Menschen vor dem Dom zu Salzburg in seinen Bann zieht.

Eine barocke Kapuzinerpredigt ist bis in unsere Tage sprichwörtlich gewesen. Benno Hubensteiner sieht in ihr „das geistvolle Zuspitzen der »Konzepten«, das großartig durchformte Auseinanderfallen des Ganzen, das geradezu an die Kunst der Fuge erinnert.“ Kurzum: War das Mittelalter bis Luther noch Ausdruck der einen Christianitas, so ist der Barock in einem konfessionellen Sinne katholisch wie keine andere Epoche. Dies bedeutet einerseits eine Kontinuität zum Mittelalter und andererseits dessen geistesgeschichtliche Vertiefung als Reaktion auf die Reformation. Kontinuität besteht in der prinzipiellen Weltsicht, die noch vom abendländischen Blick auf das Ganze bestimmt war. Was macht die Geistigkeit des Barock aus? „Die ganze, bunte, tausendfältige Welt des Barock wird … übergriffen von einem Denken, das nach der Theologie hin ausgerichtet ist, wird durchschaudert von einer Geistigkeit, die ihr Maß von den Letzten Dingen nimmt.“ (Hubensteiner). Die hier genannte Theologie war im wesentlichen jene des Konzils von Trient, das die Irrtümer der Reformation klar zurückgewiesen, das Anliegen einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern aber aufgegriffen und in vielen Fächern eine theologische Vertiefung gebracht hat. Auch mit Blick auf die Frömmigkeit hat dieses Konzil spätmittelalterliche Formen geläutert, aber keineswegs verworfen. Der Barock hat die beim Konzil von Trient bekräftigte und deutlicher umschriebene Lehre über das hl. Meßopfer und die bleibende sakramentale Gegenwart des Herrn unter den Gestalten von Brot und Wein gewissermaßen architektonisch übersetzt. Dies zeigt sich etwa daran, daß nun Allgemeingut wurde, den Tabernakel auf dem Hochaltar aller Pfarrkirchen anzubringen. Der hl. Erzbischof Karl Borromäus war ein besonders eifriger Verfechter des Tridentinums.

Die Akten des Konzils waren ihm Maßstab für viele Anordnungen im Detail. Seine Mailänder Synodenbeschlüsse über die Seelsorge und auch die konkrete Ausstattung der Kirchen wirkten beispielgebend für viele Diözesen. Der Barock ist eine so vielschichtige Epoche, daß man ihm als Zeitalter des Katholizismus nur zu unrecht Verengung vorwerfen konnte. Im Barock blühte die Wissenschaft, und zwar noch ohne die neuzeitliche Engführung hin auf den Bereich der Naturwissenschaften. Klöster waren führend in allen Bereichen der Geistes- und Naturwissenschaften und erstellten umfangreiche Sammlungen (etwa auch von Steinen oder Tieren). Im Barock entstand der repräsentative Bibliothekssaal, wie er noch heute in manchen Klöstern bewundert werden kann. In einem umfassenden Sinne könnte man den Barock als „Freude am Katholischen“ definieren. Es ist eine positive Weltsicht, die um die Schätze der hl. Religion weiß, die bei aller Lebenslust aber zugleich geprägt ist vom Wissen darum, daß unsere Lebenszeit wie eine Sanduhr verrinnt. Der barocke Mensch wendet sich so bewußt dieser Welt zu und sucht sie im Licht des Letztgültigen zu verstehen. Kirchen werden zu Festsälen des Himmels auf Erden, Ewigkeit scheint in der Zeit berührbar geworden. In barocker Manier gestalten sich Kirchen und Welt, die nahe aneinanderrücken. Hier ist dann auch der Ort barocken Zierrates.

Aber der Barockprälat wußte, daß sein schönes Gewand mit all seinen Würdezeichen gewissermaßen einst von einem Skelett getragen werden wird, wie wir an Grabplatten aus dieser Zeit ersehen können. Barocke Frömmigkeit sucht immer wieder, den Himmel im Alltag, das Ewige in der Zeit zu greifen. Ein Ausfluß barocker Frömmigkeit besteht noch heute, wenn wir von Wallfahrtsorten Andenken mit nach Hause nehmen, seien es Medaillen, Bilder oder sogar Reliquien. Man möchte den Himmel berühren und so bereit sein für das Ende der Zeit. Vielleicht ist es hilfreich, den Barock angemessen zu würdigen, sich kurz einer Charakterisierung eines bekannten Würdenträgers der Zeit zu widmen. Hubensteiner schreibt über den Prälaten des Stiftes Lambach, Abt Maximilian Pagl (Amtszeit 1705-1725) nach Sichtung seiner Tagebücher: „Über Seiten hin der Alltag eines Barockprälaten: Reisen, Besuche, Geschäfte, Wetternotizen und Ökonomika, dazwischen Unterhandlungen mit Künstlern und Kunsthandwerkern oder die üblichen Haupt- und Staatsaktionen. Daß Abt Maximilian Pagl auch ein großer Beter war, ein Mann der durchwachten Nächte, ein Asket mit Geißel und Bußgürtel in der Prunkschatulle – das erfahren wir erst aus der Trauerrede auf den Dahingegangenen. Von seinem Grübeln, Sinnen, Meditieren über das Geheimnis der Trinität, von seinem kindlichen Dank und seiner überschwenglichen Verehrung für den dreieinigen Gott aber erzählt uns keine einzige geschriebene oder gedruckte Zeile, sondern nur ein großes, erschütterndes Werk barocker Kunst: die Dreifaltigkeitskirche von Paura bei Lambach, deren Bau und Zier ihn bis zum letzten Atemzug beschäftigt hat.“

Diese Kirche formt das Dreifaltigkeitsdogma in Stein! Selbstverständlich gilt, daß die Kirche (abgesehen vom Gregorianischen Choral als ihrer eigentlichen Kultmusik) niemals einen einzigen Kunststil kanonisiert und sich eine Offenheit für alle legitimen Entwicklungen bewahren muß. Der Barock nimmt allerdings als Ausdruck einer infolge des Tridentinums präzisierten katholischen Weltanschauung auch künstlerisch eine gewisse Sonderstellung ein. Wenn in den 1970er Jahren davon die Rede war, daß in dieser oder jener Diözese mit dem Tod des jeweiligen Bischofs der Barock sein Ende fand, dann bedeutete „Abschied vom Barock“ leider sehr oft auch „Abschied von Trient“. Als Kunststil ist der Barock kein Absolutum. Wenn man aber seine Gewänder verbrennt, dann läuft etwas schief. Heute können wir unbefangener als die Nachkriegsgeneration barocke Meßgewänder verwenden oder uns an barocken Kirchen erfreuen, die immer noch die Verbindung von Zeit und Ewigkeit, von Kirche und Welt in der Perspektive des Letztgültig-Bleibenden, vermitteln wollen. Schmerzlich vermissen wir heute vor allem eine frohe und überzeugte (freilich nicht ideologische) katholische Weltanschauung.

Advertisements

Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
Dieser Beitrag wurde unter Kath. Vereinigungen, Katholischer Glaube abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s