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Wie Theologen den Glauben verkürzen

Der Häresien sind nicht so viele, wie Georg May weiß, doch zahlreich sind die Wege der Wissenschaft ins doktrinelle Abseits. Von Urs Buhlmann

Georg May, emeritierter Mainzer Kirchenrechts-Professor, hat ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, das Zeugnis für seine leidenschaftliche Liebe zur Kirche ablegt. Darin nimmt er eine Sichtung der akademischen Theologie im vorwiegend deutschsprachigen Raum vor, die beklommen macht. Der Titel deutet es an: Ja, es gibt nicht nur gläubige, es gibt auch ungläubige Theologie, es gibt ein auf-, aber auch ein abbauendes Reden von Gott. May wird sich nicht überall beliebt machen – und das wird ihn ganz kalt lassen – wenn er im letzten Konzil einen Scheitelpunkt sieht: „Bis zu diesem Ereignis trugen die allermeisten Theologen die Lehre der Kirche korrekt vor. Die katholischen Christen konnten sich auf sie verlassen. Abweichungen und Verirrungen wurden fast unmittelbar bemerkt, gerügt und abgestellt.

Beginnend mit dem Konzil hat sich die Lage tiefgehend verändert. Positionen, die vorher undenkbar waren, werden von katholischen Theologen vorgetragen und bleiben in der Regel unbeanstandet.“ Was zu beweisen wäre. Der Professor tut es in mehreren Durchgängen. Für die drei letzten Jahrhunderte nimmt er sich protestantische und katholische Theologen vor – nicht alle, aber doch eine große Zahl von bekannten und auch weniger bekannten Namen – und klopft ihre Publikationen und Stellungnahmen auf Vereinbarkeit mit dem überlieferten Glaubensgut ab. Für die Theologen der neueren Zeit schaut er zusätzlich darauf, wie römische Kurie und lokale Bischöfe zu beanstandeten Aussagen standen und stehen. Wer das grundsätzlich für unangemessen oder inquisitorisch hält, muss sich sagen lassen, dass Professoren lehren und Bücher schreiben, um zu wirken und ihre Meinung auf den Marktplatz zu bringen. Da muss man es sich dann gefallen lassen, dass kritisch hingeschaut wird; die Frage nach der Erlaubtheit einer solchen Untersuchung kann sich nur auf die gründliche Kenntnis der überlieferten Lehre zu einem bestimmten theologischen Topos und auf eine ebensolche Lektüre des hierbei infrage stehenden Theologen beziehen.

Hier hat Georg May sich nichts vorzuwerfen. Fern davon, sich nur für kirchenrechtliche Fragen zu interessieren, absolvierte er ein gewaltiges Lesepensum, das ihm das Recht gibt, sich zu den geistigen Hervorbringungen der Kollegen zu äußern. Es ist auch gar nicht so, dass er ausschließlich verdammende Blitze vom akademischen Olymp wirft. Nein, es gibt auch viel Lob, und einer der Vorzüge von Mays dickem Band ist, dass man durch ihn auch auf ältere, unbedingt zu empfehlende, aber eben aus dem Blickfeld geratene Literatur aufmerksam gemacht wird, die auch ein theologisch Interessierter von heute mit Gewinn (wieder-)lesen kann. Doch liegt, angesichts der Ausgangslage, auf der Hand, dass der Mainzer Kanonist viel öfter den Daumen senken muss. Er tut dies mit wünschenswerter Klarheit, sodass am Ende ein Kompendium entstanden ist, das sich ein jeder – ob er mit dem Autor in allen Punkten übereinstimmt oder nicht – dem auch nur etwas an akademischer Theologie liegt, in den Bücherschrank stellen kann und sollte.

Der protestantische Erzketzer Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) macht den Anfang und der theologisch weniger unterrichtete Leser reibt sich bald die Augen: Was der Hamburger Gymnasialprofessor, offiziell Glied der lutheranischen Gemeinde, an Fehl-Interpretationen und Schmähungen des Christentums anzubieten hatte, wird einem auch heute noch gelegentlich als neueste Ware verkauft: Jesus war Jude und wollte nichts anderes sein, lehrte er, ein politischer, kein religiöser Messias und schon gar nicht der Sohn Gottes. Seine Jünger – „abgefeimte Betrüger und Taschenspieler“ (Reimarus) – stahlen seinen Leichnam, erfanden die Auferstehung und damit auch gleich eine neue Religion. Die diversen neueren Enthüllungsbücher und Zeitschriften-Titelstories zum Christentum arbeiten vielfach mit den gleichen Unterstellungen; es gibt auch hier nichts Neues unter der Sonne. Und so mag den geneigten Leser nach einigen hundert Seiten der Lektüre von Mays gelehrtem Werk dann und wann auch ein gewisser Überdruss ereilen – was aber nichts mit dem Darstellungsstil des Autors zu tun hat: Vieles an Häresien wiederholt sich, fast alles entzündet sich an der Jesus-Frage und an seinen zwei Naturen als Gott und Mensch. Man fühlt sich ein wenig an die Sexualpathologien des Marquis de Sade erinnert, die ganz rasch monoton werden: So viel an Variations-Möglichkeiten gibt es eben nicht. Etwas übrigens fiel May bei der Betrachtung des Lebens von katholischen Theologen auf: Die Frage nach der täglichen Messfeier, der Marien-Frömmigkeit und Zölibats-Disziplin ist bei den Theologen, die im Betrachtungszeitraum zum überwiegenden Teil Priester waren, ein guter Indikator dafür, wie es mit dem Gesamtverständnis von Glauben und Glaubenspraxis ausschaut. Nicht immer, aber doch oft kündigt sich ein Abfall von der Lehre durch Veränderungen im Andachts- und Lebensstil an.

Fast 500 Seiten sind dem 20. Jahrhundert gewidmet. Die Grundtendenz in der evangelischen Theologie, für die die Namen Barth und Bultmann stehen mögen, ist letztlich immer noch direkt Luther geschuldet: Es gibt „keinen unabhängig vom Menschen existierenden Gott“, man räumt ihm kein An-Sich-Sein ein „und kennt ihn nur im Sich-Ereignen“. Das ist ein Punkt, auf den May, auch bei der Betrachtung katholischer Positionen, immer wieder zurückkommt. Luthers Ausgangsfrage war: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das „Ich“ könnte man hier getrost großschreiben. Damit ist ein Element des Subjektivismus in die Religion eingebracht, das nicht mehr herauszukriegen ist. Gefährliche Abwege sind nicht in jedem Fall die notwendige, aber doch eine sehr häufige Folge.

Extrem-Beispiele für Theologen, die den Weg des Glaubens verlassen haben, sind Gerd Lüdemann für die evangelische und Gotthold Hasenhüttl für die katholische Seite. Hasenhüttl, hochbegabter Ex-Assistent von Hans Küng, wurde als Priester 2003 suspendiert, nachdem er beim Ökumenischen Kirchentag eine katholische Messfeier hielt und alle Anwesenden zur Kommunion einlud, verlor 2006 die Lehrerlaubnis als Hochschullehrer und trat 2010 formal aus der katholischen Kirche aus. Für seine 1962 erschienene Dissertation steuerte Rudolf Bultmann ein Vorwort bei und stellte fest, „dass zwischen ihm und Hasenhüttl weitestgehende Einheit in den Glaubensansichten bestehe“. Das bedeutet leider nichts Gutes: „Gott als Seiender ist ein ,Götze?“, schreibt Hasenhüttl, die Wahrheit des Glaubens ist „nur in Relation auf einen Menschen gültig“, Gott sei „keine für den Menschen relevante Wirklichkeit“. Der Weg vom Christentum zu einer mehr oder weniger vernunftgeleiteten Humanität ist damit gewiesen.

Was bei der Lektüre von Mays opus magnum auffällt: Die von katholischer Seite, vielerorts auch von höchster Stelle gepredigte und angemahnte ökumenische Offenheit tut der akademischen katholischen Theologie letztlich nicht gut. Um noch einmal den traurigen Fall Hasenhüttl anzuführen; zu ihm schreibt Georg May: „Wer die zeitgenössische protestantische Theologie kennt, begrüßt in den Aufstellungen Hasenhüttls alte Bekannte. Auf weite Strecken geht er mit Vorstellungen parallel, wie sie von protestantischen Theologen vorgetragen werden. Ich habe jahrelang die Bücher und Aufsätze protestantischer Autoren gelesen. Mir scheint, dass es nicht einen Gedanken in den voluminösen Schriften Hasenhüttls gibt, der mir nicht von daher vertraut ist“. Was unter dem Strich bleibt, ist ein ernüchternder, gelegentlich sogar deprimierender, stets mit dem hellen Licht der Wissenschaftlichkeit ausgeführter Blick auf die Lage und das Selbstverständnis der Hochschul-Theologie beider Konfessionen in der jüngeren Vergangenheit. Das stimmt, eingedenk der Tatsache, dass den Professoren nicht nur die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern vor allen Dingen auch die Ausbildung der Priester, Pfarrer und hauptamtlichen Laientheologen anvertraut ist, bedenklich. Die so oft dringend nötige und heilsame Korrektur von Seiten des Lehramtes bleibt zurzeit aus, wird als störend empfunden. Der ,begeisterte Selbstmord‘, von dem der Autor an einer Stelle spricht, geht also weiter. So klingt Georg Mays letzter Satz rabenschwarz: „Ich kann mir nicht denken, dass es Menschen noch gelingen könnte, die Lage zu wenden.“ Doch ist mit dieser Feststellung auch der Weg zu einer Lösung eröffnet, für die man beten kann und soll.

Georg May: 300 Jahre gläubige und ungläubige Theologie, Sarto Verlag, Stuttgart, 2017, 1115 Seiten, ISBN 978-3-943858-85-3, EUR 49,–

 

In der (übrigens erfrischend katholischen) Buchbesprechung bezeichnet in der Printausgabe der DT die Bildunterschrift Gotthold Hasenhüttls Aufforderung zur „offenen Mahlgemeinschaft“ 2003 korrekt als „Provokation des Unglaubens“. Im Text wird der mittlerweile abtrünnige Priester, der beim Ökumenischen Kirchentag alle Anwesenden zur Kommunion einlud, zu Recht als „Extrem-Beispiel eines Theologen“ genannt, welcher den Weg des Glaubens verlassen hat („Gott sei keine für den Menschen relevante Wirklichkeit“). Auf der nächsten Seite der Printausgabe findet der geneigte Leser nun unvermittelt die Forderung von Kardinal Kasper, die „Zulassung zur Kommunion zu erweitern“. Speziell die „Zulassung von Ehepartnern unterschiedlicher Konfessionen zu Abendmahl und Eucharistie“. Man erfährt dann noch, die Kirchen seien sich „sehr nahe gekommen“ (notgedrungen ohne Belege) und dass das Reformationsjahr als „Gnadenstunde“ sei (man fragt sich verwundert, warum bloß?), aber leider nicht, ob denn Gott für Seine Eminenz eine „für den Menschen relevante Wirklichkeit“ sei.

Schade eigentlich, die Antwort wäre doch interessant gewesen….

 

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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