Haken am Kreuz (http://www.die-neue-ordnung.de/)

Nr. 3/2017 Juni                71. Jahrgang

Editorial

 

Haken am Kreuz

Politik trennt – Religion eint“. Dieser Satz, dem großen Papst Leo XIII. zugeschrieben, galt im konfessionsgetrennten Deutschland seit der Reformation nur sehr eingeschränkt. Heute hat es bei uns den Anschein, als ob erst eine parteipolitisierte Religion zu einer konfessionellen Einigung führen könnte. Aber der Schein trügt. Es könnte sein, daß es – in Abwandlung des berühmten Diktums des Militärstrategen Helmut Moltke darauf hinausläuft: Vereint marschieren, vereint geschlagen werden. Demnach führt die politische Ökumene beider Konfessionen wohl kaum zum gewünschten Erfolg einer öffentlichen Aufwertung des christlichen Glaubens. Eher wird der Islam als lachender Dritter davon profitieren, daß sich beide Kirchenleitungen in der Merkelschen Einwanderungspolitik lobpreisend treffen und dafür immer mehr Kirchenaustritte ernten. Der rechtliche Unterschied zwischen Asylanten, Flüchtlingen und Migranten wird kaum noch beachtet. Man ist eher geneigt, aus der allgemeinen Menschenwürde einen Rechtsanspruch jeder einzelnen menschlichen Kreatur auf Einwanderung in das gelobte europäische Land abzuleiten. „Kein Mensch ist illegal“, „auch Terroristen sind Ebenbilder Gottes“: Solche und ähnliche gefühlstheologischen Phrasen beherrschen heute den interreligiösen Dialog, aus dem das „Recht auf Heimat“ fein säuberlich getilgt ist. Sie fordern eine „Politik der Bergpredigt“ in Abgrenzung zu einer Realpolitik als „Kunst des Möglichen“, die demokratisch zu legitimieren wäre. Da kann es sein, daß die Bürger bei Wahlen andere Vorstellungen über die politischen Wünschbarkeiten und Möglichkeiten äußern als die Regierenden. Das hat die linksgrüne Regierung in Nordrhein-Westfalen jüngst bei den Landtagswahlen zu spüren bekommen.

Ihren Sieg hat die CDU vor allem einer realpolitischen Wahlkampfstrategie zu verdanken, die auf das konservative Thema „Sicherheit“ setzte. Groß plakatiert wurden Sprüche wie: „Offene Grenzen, Asylchaos? Mit Sicherheit nicht! Uns reichts, wir wählen CDU!“ Oder: „Ich fühl mich hier nicht sicher! Warum tun die nichts?“ Besser hätte es auch die AfD nicht formulieren können. Ihr den „Wind aus den Segeln zu nehmen“ oder „das Wasser abzugraben“, um es nicht „auf die Mühlen“ dieser verrufenen „rechtspopulistischen“ Partei fließen zu lassen, dazu war sich die CDU nicht zu schade: Realpolitik als plumpes Plagiat. Schon wagt es kaum einer mehr, diesen Gottseibeiuns AfD beim unheiligen Namen zu nennen. „Dialoge“ mit ihr sind inszenierte Tribunale. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover berichtet vom Evangelischen Kirchentag in Berlin, dort habe die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann die AfD angegriffen, und zwar im Kontext des familienpolitischen Programms dieser Partei. Dazu sagte sie unter „tosendem Beifall“: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht.“ Nicht gerade sehr biblisch im Rahmen einer „Bibelarbeit“. Dazu bemerkte Henryk M. Broder in seinem Internet-Blog, ohne den und ohne „Tichys Einblick“ heute kaum mehr eine umfassende politische Realitätserkennung in Deutschland möglich erscheint, mit Blick auf Frau Käßmann: „Das ist Rassismus pur, die Fortsetzung der Nürnberger Gesetze, diesmal nur andersrum. Brauchte man früher zwei jüdische Eltern und vier jüdische Großeltern, um als ‚Volljude‘ eingestuft zu werden, wird jeder, der zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern hat, automatisch zum Vollnazi.“ Es ist an der Zeit, sich kirchlicherseits und im Rahmen einer christlichen Feindesliebe mit den beachtlichen lebensrechtlichen und familienpolitischen Positionen der AfD seriös und unpolemisch zu befassen.

Aber was heißt hier unpolemisch? Alles ist heute dem semantischen Kampf um Begriffe und Phrasen ausgeliefert. Man ist erst einmal „konservativ“ und beruft sich auf Tradition und Erfahrung. Dann landet man plötzlich „rechts“, sogar am „rechten Rand“, weil es Frau Merkel nicht gefällt. Dann ist man als genderkritischer Lebensrechtler auf einmal „homophob“, „xenophob“ und „frauenfeindlich“, also „rechtsradikal“ oder sogar „rechtsextrem“, weil es den Linkslinksgrünen nicht behagt. Schließlich landet man in der Kategorie der „Menschenfeinde“, der „Staatsfeinde“, der „Nazis“, denen der Verfassungsschutz auf die Schliche kommen möge. Eine hysterische Situation der Hexenjagd. Alice Weidel, eine liberale AfD-Politikerin, „darf“ nach einem Gerichtsbeschluß als „Nazi-Schlampe“ tituliert werden. Hier wurde sehr schlampig mit einem unsäglichen Vorwurf umgegangen, ähnlich wie bei dem gerichtlich erlaubten Vorwurf, bei der katholischen Kirche handle es sich um eine „Kinderf***sekte“, ein Vorwurf, der viel eher zu jenen Politikern gepaßt hätte, die den Kindesmißbrauch straffrei stellen wollten. In der digitalen Huffington-Post (12.5.2017) protokollierte Hugo Müller-Vogg: „22. April: In Frankfurt demonstrieren Christen verschiedener Konfessionen gegen Christenverfolgung im Nahen Osten. Organisatoren sind unter anderem die Evangelische Allianz und die koptisch-orthodoxe Kirche. Die Katholische und die Evangelische Kirche gehörten nicht dazu. Am gleichen Tag gehören die beiden christlichen Amtskirchen zu den Mitveranstaltern einer großen Demonstration gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln. Katholiken und Protestanten marschieren Seit‘ an Seit‘ mit SPD, Grünen, Linken, linksradikalen Gruppen, Gewerkschaften und Karnevalisten.“

Das sind zwei Meldungen, die aufrechte Katholiken, Protestanten und Karnevalisten aufhorchen lassen. Bischöfe scheinen diesmal nicht mitgemacht zu haben. Übrigens stand die besagte Kölner Demonstration unter dem Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“. Aber da hakte es gewaltig. Theodor Haecker, ein Widerstandsphilosoph par excellence, bezeichnete das Hakenkreuz schon vor 1933 als „Symbol des Antichrist“, es sei „das Zeichen des Tieres, die Karikatur des Kreuzes“. 1940 notierte er in seinen Tag- und Nachtbüchern: „Aber warum sollte ihr Unternehmen nicht auch einen Haken haben, an dem es hängen bleibt, wenn ihr Kreuz allein schon deren vier hat: den Haken der Apostasie, den Haken der Lüge, den Haken der Gier, den Haken der Hybris.“

Sehr aktuell, oder?

Wolfgang Ockenfels

 

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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