Leitartikel: Ohne Leitbilder keine Leitkultur (die-tagespost.de)

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Leitartikel: Ohne Leitbilder keine Leitkultur

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT

Innenminister Thomas de Maiziere ist nicht der Erste, der in Deutschland Schiffbruch mit dem Versuch erlitt, eine Debatte über das, was eine Leitkultur ausmacht, zu entfachen. Vor ihm haben das schon Bassam Tibi (1996), Friedrich Merz (2000) und Norbert Lammert (2005) versucht. Auch ihnen war dabei allenfalls mäßiger Erfolg beschieden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von der nahezu reflexartigen Abwehr eines Teils der öffentlichen Meinung, der in jeder Rede von der Leitkultur sofort – und keinesfalls zu Unrecht – einen Angriff auf einen konturenlosen Multikulturalismus wittert, bis hin zur erstaunlichen Unbestimmtheit des Kulturbegriffs als solchem. Insofern ist, wer über Leitkultur reden will, gut beraten, zunächst über Kultur zu sprechen.

Kultur ist nicht Natur. Als das vom Menschen Gemachte und von ihm gestaltend Hervorgebrachte ist sie das Gegenteil des Naturwüchsigen. Und doch ist die Kultur eines Volkes oder gar einer Nation kein Produkt. Zumindest keines, für das es eine Blaupause gäbe. Nichts, das sich absichtsvoll am Reißbrett konstruieren ließe. Nichts, dass sich keltern, in Flaschen abfüllen und verkorken ließe. Kultur wächst vielmehr. Nicht organisch wie Lebewesen, nicht anorganisch wie Kristalle, sondern prozesshaft durch Pflege und nachträgliches Für-wert-halten. Gemäß dem paulinischen Motto „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess 5, 21) ist Kultur das Ergebnis fortlaufender kollektiver Selbstbefragung. Kultur ist, wie der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme einmal schrieb, daher „die Kunst, durch welche Gesellschaften ihr Überleben und ihre Entwicklung in einer übermächtigen Natur sichern“. So verstanden wäre eine „Leitkultur“ die Gesamtheit der für eine Gemeinschaft typischen und insofern identitätsstiftenden Arbeits- und Lebensformen, Wertvorstellungen sowie Denk- und Handlungsweisen.

Die Frage ist, ob ein solcher Vorrat an Gemeinsamkeiten überhaupt noch existiert? Einer, der über bloße Konventionen, wie die, dass Hände geschüttelt, Hecken geschnitten und Autos gewaschen gehören, hinausreichte? Die ehrliche Antwort fällt eher ernüchternd aus. Denn die Zeiten, in denen sich – abseits von Fußballwelt- oder Europameisterschaften – ein kollektives Wir-Gefühl aus einigen wenigen, dafür aber mehrheitsfähigen Leitbildern speiste, sind längst vorbei. Von Natur aus integrative Institutionen wie Familie oder Kirche werden nur noch von einem Teil der Bürger geschätzt, von einem anderen dagegen massiv angefeindet. Andere kämpfen – wie Sportvereine – ums Überleben, seit flexible Arbeitszeiten, hunderte Fernsehkanäle, Internet und Computerspiele die Vereinzelung fördern und schon Kindern antrainieren. Auch säkulare Tugenden wie Fleiß, Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit werden nur noch von einem Teil der Menschen für wichtig gehalten, von einem anderen dagegen verspottet. Ein jahrzehntelang gepflegter maßloser Individualismus und moralischer Relativismus haben uns eine fragmentierte Gesellschaft beschert. Eine, in welcher der Kosmos vieler Deutscher nur noch ihr eigens „Ich“ ist und in der selbst „Volksparteien“ nur noch rund 30 Prozent der Wähler – nicht einmal der Bürger – zu einem gemeinsamen Handeln bewegen können.

In Wahrheit ist Deutschland – auch ganz ohne Ausländer – längst zu Gast bei Menschen, die einander fremd geworden sind. Ein Volk, dass sich damit nicht zufrieden geben will, sollte sich um neue Leitbilder sorgen, oder aber die alten fachgerecht restaurieren. Um eine Leitkultur braucht es sich dann nicht sorgen. Die entstünde von ganz allein.

http://www.die-tagespost.de/politik/Leitartikel-Ohne-Leitbilder-keine-Leitkultur;art315,178372

Selten hat ein Leitartikel mir derart aus dem Herzen gesprochen! Völlig zu recht lenkt Stefan Rehder den Blick von kleinkarierten Zänkereien über den Begriff der „Leitkultur“ hin zur Kultur als solcher. Voraussetzung für eine kulturelle Entwicklung ist lebendiges, organisches Volkstum. Ein solches existiert nicht mehr in Deutschland, es ist verdunstet und versiegt – auch wenn kein einziger Nichtdeutscher hier leben würde. In Umkehrung des NS-Slogans „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ wurde hierorts seit Jahrzehnten (medial und schulisch) das Ideal ist des hedonistischen Egomanen mit dem Ziel der eigenen Triebbefriedigung proklamiert, sozusagen „Dein Volk ist nichts, du bist alles!“. Oder mit den treffenden Worten des Autors: Ein jahrzehntelang gepflegter maßloser Individualismus und moralischer Relativismus haben uns eine fragmentierte Gesellschaft beschert.

Da folgenloser Geschlechtsverkehr die Triebbefriedigung fördert, nahmen vorgeburtliche Kindstötung und Verhütung massiv zu. Als Ergebnis dieser egoistischen Sichtweise Oder der nur noch der das eigene Ich umfassende Kosmos.sind genau die Generationen abgetrieben oder verhütet worden, die heute zum Überleben des Volkes nötig wären.

Der Autor legt präzise den Finger in die Wunde, wenn er hier die kritische Frage nach dem „Vorrat an Gemeinsamkeiten“ stellt. Das „Deutsche Volk“ als Träger des Volkstums ist mittlerweile zur rechtlichen Fiktion geworden. Wenn die eigene Kanzlerin folgenlos (und rotzig) das Volk als „diejenigen, die schon länger hier leben“ umschreiben kann, ist es wohl bereits „fünf nach Zwölf“. Die unbedingte Voraussetzung einer „Leitkultur“, nämlich ein deutsches Volk mit gemeinsamer Geschichte und Erlebnissen im Generationengedächtnis, gemeinsamer Sprache und Kultur (natürlich mit regionaler Ausdifferenzierung) existiert heute höchstens noch fragmentarisch. Derzeitig gibt es lediglich eine (noch) größtenteils deutsch sprechende Wohnbevölkerung und damit fehlt das für die „fortlaufende, kollektive Selbstbefragung“ erforderliche Kollektiv.

Denn Stefan Rehder hat, wie selten zuvor, präzise den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er klar stellt: „In Wahrheit ist Deutschland – auch ganz ohne Ausländer – längst zu Gast bei Menschen, die einander fremd geworden sind.“ Die politisch – zuerst verdeckt als „Zusammenführung“ von sog. „Gastarbeiterfamilien“, dann – offen als „Multikulti“ und „Bereicherung“ geförderte Zuwanderung fremdstämmiger Völkerschaften führt lediglich zur Verschärfung der Krise, ist aber beileibe nicht deren Ursache.

Eine bürokratisch penibel ausgearbeitete Leitkultur, die „per ordre de mufti“ von oben mit Handlungsanordnungen umgesetzt wird, wäre nicht die Heilung, sondern lediglich das Symbol unübersehbaren Versagens einer innerlich zutiefst verunsicherten, weil kulturell degenerierten Gesellschaft. Die heute lebenden Bevölkerungsschichten ohne „Migrationshintergrund“ sind flächendeckend nicht in der Lage oder Willens, eine nennenswerte Kulturkomponente hervorzubringen. Sie begnügen sich in der Regel mit der politisch-medial geförderten Rolle eines kulturell sterilen Fernsehkonsumenten. Anders ist der Erfolg der berüchtigten Vierbuchstabenformate wie „DSDS“, „GNTM“, „GZSZ“ usw. nicht erklärbar. In der heutigen Zeit muss man nichts mehr können, um bekannt zu werden, meistens sind diese Personen nach mehreren Auftritten bei sog. „Castingshows“ oder „Doku-Soaps“ halt dafür bekannt, bekannt zu sein und werden vom „Normalbürger“ dafür kritiklos angehimmelt. Eine „Deutsche Kultur“ findet (bestenfalls) im Museum oder Geschichtsbuch statt, wird aber kaum mehr gelebt oder weiter entwickelt.

In Radio und Fernsehen sind täglich traurige Beispiele eines noch nie dagewesenen Wissens- und Kulturverfalls in allen Schichten und Altersstufen zu verzeichnen. Auch in älteren Jahrgängen ohne „Migrationswurzeln“ ist die in den 50er Jahren noch Allgemeinwissen genannte Bildung nicht mehr selbstverständlich. Und solange Deutschland seine Leitbilder aus dem Bereich seichter Unterhaltung wählt, wird sich daran auch sicherlich nichts ändern…

 
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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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