Paradoxe Botschaften aus „Tradistan“

Vor dem Hintergrund des lesenswerten Beitrages „Minenfelder in Tradistan“ (https://maryofmagdala.wordpress.com/2017/05/03/minenfelder-in-tradistan/) auf dem Blog Katholisch ohne Furcht und Tadel habe ich mir meine Kontaktversuche zu traditionstreuen Gruppen oder Zeitschriften mal durch den Kopf gehen lassen. Vorweg der Hinweis, dass ich die vom genannten Blog mit dem Kunstbegriff Tradistan umschriebene katholische Tradition natürlich nicht als monolitischen Block sehe. Auch sehe ich mich nicht als Traditionalisten (wer etwas Interesse und zuviel Zeit hat, mag mal in die Unterkategorie Traditionalistisch, konservativ oder einfach nur … katholisch hinein schauen) sondern einfach als Katholiken.

Tradistan ist ein, meines Erachtens nach, gut gewählter Kunstbegriff, legt er doch durch die orientalisch anmutende Endung „-stan“ schon eine gewisse Fremdheit nahe. Gewiss sind nicht alle, welche die überlieferte Messe aufsuchen, nicht alle Anhänger der FSSPX, der actio spes unica, der FSSP usw. quasi automatisch „Einwohner“ von Tradistan. Aber ein Reaktionsmuster möchte ich mit Tradistan in Verbindung bringen, da es mir derart oft begegnete, dass ich mir die Mühe machte, es etwas näher anzuschauen: die sog. paradoxe Botschaft oder auch Doppelbotschaft“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Doppelbindungstheorie). Diese übermittelt sich widersprechende Informationsinhalte, d. h. das objektiv wahrnehmbare Verhalten stimmt mit der mitgeteilten Information nicht überein.

So erkennt man in Tradistan zwar beispielsweise die objektive Notwendigkeit, neue Leser oder Interessenten anzusprechen, weil die „biologische Uhr“ nun mal unerbittlich tickt und die aktuelle Generation irgendwann einmal in das Grab sinken läßt. Daher betreibt man  vernünftigerweise Werbung und signalisiert damit Interesse an neuen Mitstreitern. Gleichzeitig läßt man aber oft konkrete Nachfragen nach Mitwirkungs-Möglichkeiten unbeantwortet oder durch passives Verhalten „im Sande verlaufen“. Konkrete Nachfragen werden – soweit in den Grenzender Höflichkeit möglich – übergangen, Hinweise werden schlicht ignoriert. Man überläßt dem anderen, immer wieder das persönliche Gespräch zu suchen und weist ihm damit von vornherein die Rolle des Bittstellers zu, der sich stetig um die Aufrechterhaltung des Kontaktes bemühen muß. Ob der Einseitigkeit der Kommunikation wird sich dieser wohl schnell selbst als lästiger Bittsteller empfinden und sich „irgendwie blöd“ vorkommen, denn es überwiegt von der anderen Seite lediglich passives Abwarten. Durch den Verzicht auf eigene Gesprächsbeiträge wird ja unterschwellig signalisiert, das an der Fortführung des Gesprächs eigentlich kein Interesse besteht. Bestätigt wird dies im konkreten Fall spätestens, wenn ein Brief mit Vorschlägen zur Öffentlichkeitsarbeit und dem Signal des Interesses an Mitarbeit keinerlei Reaktion auslöst…

  • Eine kleine christliche Partei ließ beispielsweise meine Mails unbeantwortet. Der an den Bundesvorsitzenden per Post geschickte Brief wurde von diesem nach einigen Wochen mit dem knappen Hinweis an die Zuständigkeit der (hauptamtlich besetzten) eigenen Bundesgeschäftsstelle „beantwortet“. Weder wurde die Anfrage von ihm weiter geleitet noch Hinweise auf Gliederungen der Partei gegeben oder zu einem Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen eingeladen. Die nunmehr an die Bundesgeschäftsstelle geschickten Mails wurden ignoriert.
  • Meine Intention, mit anderen Privatpersonen vor ein paar Jahren einen gemeinsamen traditionstreuen Blog aufzubauen, wird teils mit unverbindlichem Interesse, teils sogar mit Bereitwilligkeit aufgenommen. Bevor jedoch die Schritte wirklich konkret wurden, wurde der Mailkontakt jedoch kommentarlos abgebrochen.
  • Meine Anfrage bei einer traditionstreuen Zeitschrift, ob ihre Beiträge auf meinem Blog publiziert werden sollen, wurde mit Interesse entgegengenommen. Probeweise wurde mir ein Artikel geschickt, welchen ich veröffentlicht habe. Danach wurde auch hier der Mail-Kontakt kommentarlos abgebrochen. Die postalische Zulieferung der Zeitschrift wurde auch eingestellt. Als ich nach einem halben Jahr zufälligerweise die Zeitschrift woanders ausliegen sah, bat ich per Mail um erneute Zusendung. Ohne Reaktion. 

Interessanterweise wird die Gefahr eines zunehmenden Sektenverhalten, nämlich die komplette Abschottung der eigenen Gemeinde, von verschiedenen Oberen der Priesterbruderschaft St. Pius X. deutlich benannt und kritisiert. Man hat – ganz menschlich – kein Interesse an neuen Gesichtern und neuen Ideen. Das gäbe doch nur ein Aufschrecken der Altgetreuen und am Ende gerieten gar noch eigene Pöstchen und Aufgaben in Gefahr. Ist doch alles bestens geregelt: man hat seine Alte Messe, seine Geistlichen, seine bekannten Gesichter und Abläufe. Sollen doch die anderen bleiben, wo sie sind. Und überhaupt – wo waren die denn damals, als es hoch herging in den 70ern und 80ern? (Nun, vermutlich nicht geboren oder noch in den Kinderschuhen…)

Alles menschlich und sicherlich auch verständlich. Wer Jahrzehnte lang vom offiziellen Raum der Kirche geschnitten, als Schismatiker verleumdet, als unkatholisch gebrandmarkt wird, der ist immer in hoher Gefahr, sich in seine vertraute Gruppe zurückzuziehen und unbesehen alles „von draußen“ abzublocken. Schnell ist man zudem verleitet, aus dem eigenen – allen Widerständen zum Trotz – standhaften Bekenntnis zum traditionellen Glauben einen Auserwähltenstolz herzuleiten und sich unbewußt als eine Art „Gläubigen-Adel“ zu betrachten. Bereits die dritte Generation wächst in der anormalen Situation auf, von der diözesanen Kirchenstruktur getrennt zu sein. Wie Pater Nikolaus Pfluger berichtete, antworteten Schülerinnen einer Schule der FSSPX auf die Frage, wie der Papst heiße: Bernard Fellay. Wie viele Bischöfe es gebe: Vier. So ist der Mensch, er richtet sich in seiner Umgebung ein, mit der Zeit wird eine Ausnahme-Situation als Normalzustand erlebt. Ablehnung wird mit Ablehnung beantwortet, der kirchliche Geist geht zunehmend verloren. Wie Pater Pfluger 2006 am spes-unica-Sonntag monierte, fehlt der missionarische Geist.

Aber: Wer würde über diese Menschen kurzerhand den Stab brechen wollen? Vielleicht belasten die älteren Jahrgänge nach wie vor schmerzhafte Erinnerungen an die abrupte Einführung der neuen Meßliturgie in der bislang vertrauten Heimatpfarrei in den 70er Jahren? An persönliche Zerwürfnisse, zerbrochene Freundschaften? Aus der Mitte der Kirche wurden sie gleichsam an deren Rand gedrängt, zum Paria erniedrigt. Wer lange genug als Sektierer behandelt und bezeichnet wird, der entwickelt sich auch zu einem solchen.

Allerdings sind derzeit auch objektiv sektiererische Tendenzen, beispielsweise bei katholischen Blogs, zu beobachten. Merkmale sind hier ein zwanghaftes Bedürfnis nach dem rechtgläubigen Inhalt und übersteigerte Maßstäbe an (doch allzu oft) menschlich-allzu-menschliche Vereinigungen. Da wird hoffärtig schon das Brevier von 1962 scheel über die Schulter betrachtet, man greift lieber auf die vorherigen Ausgaben zurück nach dem Motto: Je zeitraubender und anstrengender, desto katholischer.

Wenn jemand selbst für sich zum Letztentscheidenden in Glaubensdingen wird, dann geht der kirchliche Halt verloren und die Gefahr der Hysterie nimmt zu. Subjektive Maßstäbe werden an Entscheidungen angelegt, mangelhafte Informationen führen zu falschen Einschätzungen der Lage. Dann wird die FSSPX zu lasch und ein renommiertes Kloster der Tradition plötzlich unzuverlässig. Jeder ist verdächtig, ein „Abweichler“ vom (höchstpersönlich definierten) wahren Glauben zu sein. Die Bunker-Mentalität des niemanden-mehr-trauen-könnens führt bei Priestern zur Ich-AG, bei verstörten Gläubigen in das selbst gewählte Ghetto.

Eine düstere Bunkermentalität beginnt Platz zu greifen, man orientiert sich an der damaligen priesterlosen Untergrundkirche in Japan und das Rosenkranzgebet als „letzte Zuflucht“ bei den ganzen ungültigen Messen und unwürdigen Priestern und überhaupt… Sogar alltägliche Widrigkeiten werden neurotisch als Heimsuchungen des Gehörnten persönlich gedeutet.

Pater Niklaus Pfluger brachte es in einer Rede auf den Punkt: „Jeder weiß es besser. Jeder sein eigener Papst, jeder sein eigener Generaloberer – katholisch ist das nicht…“

 

Advertisements

Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
Dieser Beitrag wurde unter Katholischer Glaube, Spirituell eigenwillig... abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Paradoxe Botschaften aus „Tradistan“

  1. maryofmagdala schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel! Er spricht mir aus der Seele. Zwar kenne ich selbst die Umgebung der FSSPX so gut wie gar nicht (bzw. da kenne ich nur jene, die ich nach meinen unerheblichen Maßstäben als „normal“ bezeichnen würde 😉 ), aber besonders das Auflaufenlassen von Interessenten und von Engagement ist bezeichnend. Das beginnt schon da, wo man zu sehr auf SEINE Andacht bedacht ist um mal kurz einem Neuling das richtige Gesangbuch in die Hand zu drücken und ihm vielleicht noch ganz kurz zu erklären, wo er den Messablauf findet – da muss ich ja raus aus der Komfortzone! Und ein leidvolles Thema ist für mich auch die Reduzierung des Katholischen auf die spezifische (farnzösische) Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts und die Angst vor Neuem und Anderem. Was ich mir schon alles anhören musste, was angeblich NICHT KATHOLISCH sei, dabei ist es bloß nicht zentraleuropäisch oder kulturkampfgesteuert…ich habe auch großes Verständnis für die Verletzungen und Wunden derer, die den Bruch erlebt haben, aber ich denke, die junge Generation sollte sich davon emanzipieren und beherzt die neue Gemengelage nutzen. Es gibt in Tradistan so viele unterschiedliche Neurosen, die müssen nicht alle tradiert werden;).

    Gefällt mir

    • „Es gibt in Tradistan so viele unterschiedliche Neurosen, die müssen nicht alle tradiert werden“
      Der Kommentar ging „voll auf die 12…“
      Dabei ginge es viel smarter. Es muß ja nicht jeder dort ein Seniorenausflug-Heizdeckenverkäufer sein, der alle mit rhetorischer 1a-Performance um den Finger wickelt. Eine Ansprechperson für Interessierte würde ja absolut reichen…

      Gefällt 1 Person

      • maryofmagdala schreibt:

        Haha. Der Kommentar sollte nicht suggerieren, dass wir uns in ein PR-Ressort umstrukturieren sollten. Eigentlich sollte es mehr liebevoll sein. Ich sage nicht, dass alle Neurosen weg sollen.

        Gefällt mir

  2. Neukatholikin schreibt:

    Da kann ich folgende Anekdote beisteuern: Ich persönlich bin bei der FSSPX ganz freundlich aufgenommen worden. Aber eine Dame, mit der ich einmal ins Gespräch kam, verschwand kurz danach auf Nimmerwiedersehen. Auf Nachfrage sagte mir eine andere Dame aus der Gemeinde: „Die ist wieder zurückgegangen zu den Zen-Buddhisten, weil hier bei uns die Leute so abweisend seien.“ Das nenne ich experimentierfreudig 🤔. Originell sind die FSSPX- Leutchen schon. Wenn jemand gleich als ersten Satz im ersten Gespräch zu mir sagt: „Wissen Sie, der jetzige Papst ist ein Atheist!“ – da fiel mir erstmal nichts ein. Allerdings gibt es auch genug schräge Vögel in der „Normal“-Gemeinde, bei der ich ab und zu mitmache, wobei da noch eine gewisse Arroganz hinzukommt, nach dem Motto „Ich bin Akademiker und im Stadtrat und du ja wohl nicht.“

    Gefällt mir

    • „Glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben!“ 😉
      Auf den CD’s mit den Reden des 1. Assistenten der FSSPX, Pater Niklaus Pfluger, vor der actio spes unica hört man übrigens eine ebenso realistische wie unverkrampfte Einschätzung unseres argentinischen Oberhirten – während „vor Ort“ der eine oder die andere noch nach dem Bocksfuß unter der päpstlichen Soutane Ausschau hält…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s