Was sind Privatoffenbarungen? (http://petrusbruderschaft.de/media/Infoblaetter/alte_Ausgaben/2017_05.pdf)

Informationsblatt

der Priesterbruderschaft St. Petrus

Mai 2017

Was sind Privatoffenbarungen?

Wie beurteilt die Kirche Privatoffenbarungen? Welchen Verpflichtungscharakter haben solche Botschaften und welche Bedeutung spielen sie im kirchlichen Leben?

P. STEFAN REINER FSSP

 

Wenn wir in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum der Marienerscheinungen in Fatima feiern, dann ist es auch angebracht, einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, wie die Kirche solche „Privatoffenbarungen“ einordnet. Diese Einordnung mag in diesem Jahr auch deswegen von besonderer Wichtigkeit sein, weil sich 2017 bekannterweise noch ein anderes Ereignis zum 500-sten Mal jährt, nämlich der Thesenanschlag Martin Luthers. Die protestantischen Reformer verwarfen nämlich die Möglichkeit von Privatoffenbarungen grundsätzlich. Diese Ablehnung geschah nicht etwa aufgrund eines vielfältigen Missbrauchs solcher Phänomene, sondern aufgrund eines mangelhaften Verständnisses der Kirche. Sie verstehen die Kirche nur noch als Summe der Gläubigen und nicht mehr als mystischen Leib Christi, als eine gott-menschliche Wirklichkeit, als fortlebenden Christus unter der Führung des Heiligen Geistes. Daher ist es passend, einen kurzen Überblick zu geben, wie die kirchliche Lehre solche Phänomene wie Fatima grundsätzlich in das Leben des Glaubens einordnet. Die Lehre der Kirche unterscheidet zwischen der „öffentlichen Offenbarung“ und den „Privatoffenbarungen“. Zwischen beiden besteht ein wesentlicher Unterschied. Mit der „öffentlichen Offenbarung“ bezeichnet die Kirche jenes Offenbarungshandeln Gottes, das der ganzen Menschheit zugedacht ist und das seinen Niederschlag in der Heiligen Schrift gefunden hat sowie in der kirchlich lehramtlichen Überlieferung. „Offenbarung“ heißt es, weil Gott darin sich selbst Schritt um Schritt den Menschen zu erkennen gegeben hat, bis zu dem Punkt hin, dass er selbst Mensch wurde, um durch den menschgewordenen Sohn Jesus Christus die ganze Welt an sich zu ziehen und mit sich zu vereinigen. In Jesus Christus hat Gott alles, nämlich sich selbst mitgeteilt, und deswegen ist die Offenbarung mit der Menschwerdung Christi im Neuen Testament zu einem abschließenden Höhepunkt gelangt. Um diese Endgültigkeit und Vollständigkeit der göttlichen Offenbarung in Jesus Christus zu verdeutlichen, wird im Katechismus der katholischen Kirche (KKK) ein Text des hl. Johannes vom Kreuz († 1591) zitiert: „Seit er uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein Wort ist, hat Gott uns kein anderes Wort zu geben. Er hat alles zumal in diesem einen Worte gesprochen […] Denn was er ehedem nur stückweise zu den Propheten geredet, das hat er nunmehr im Ganzen gesprochen, indem er uns das Ganze gab, nämlich seinen Sohn. Wer demnach jetzt noch ihn befragen oder von ihm Visionen oder Offenbarungen haben wollte, der würde nicht bloß unvernünftig handeln, sondern Gott geradezu beleidigen, weil er seine Augen nicht einzig auf Christus richten würde, ohne jegliches Verlangen nach anderen oder neuen Dingen.“ (KKK 65) Diese Endgültigkeit bedeutet aber nicht, dass Gott mit den Menschen nicht mehr in Verbindung tritt und sich ihnen nicht mehr offenbart. Die Kirche hatte immer die Überzeugung, dass Gott sich auch in privaten Offenbarungen einzelnen Menschen zeigt und zu ihnen spricht. Nur haben solche Privatoffenbarungen einen ganz anderen Charakter. Sie vermitteln keine bisher unbekannte Lehre, noch können sie das kirchliche Lehrgebäude korrigieren oder inhaltlich verändern. Sehr wohl kann aber eine Privatoffenbarung eine vergessene kirchliche Lehre oder eine im praktischen Lebensvollzug in den Hintergrund geratene Wahrheit ins Gedächtnis rufen und das kirchliche Leben damit bereichern. Fronleichnam oder das Herz-JesuFest sind nur zwei Beispiele von solchen Bereicherungen durch Privatoffenbarungen. Im Gegensatz zur kirchlichen Lehre bzw. zur öffentlichen Offenbarung fehlt den Privatoffenbarungen die absolute Gewissheit, und zwar sowohl bezüglich ihrer Herkunft von Gott als auch bezüglich ihrer Inhaltlichkeit. Es obliegt wiederum der Kirche, und nur ihr, darüber zu entscheiden, ob eine Privatoffenbarung als echt einzustufen ist oder nicht. Die Regeln dieser Echtheitsprüfung gehen auf die Zeit Papst Benedikt XIV. († 1758) zurück, der mit erstaunlicher Umsicht und Nüchternheit Kriterien für diese Echtheitsprüfungen veröffentlicht hat. Die Kirche verpflichtet zwar mit der Approbation nicht zur Annahme der Privatoffenbarungen, so wie sie die Katholiken verpflichtet, die öffentliche Offenbarung Gottes anzunehmen. Aber es wäre doch recht merkwürdig, eine als übernatürlich echt anerkannte Offenbarung abzulehnen. Denn wenn eine Anerkennung aussagt, dass die betreffende Botschaft der Lehre und Frömmigkeit der Kirche entspricht, dann gibt es für einen Menschen, der seinen Glauben eifrig und treu praktiziert, keinen ernsthaften Grund zur Ablehnung, da ein Widerspruch von Privatoffenbarung und öffentlicher Offenbarung nicht mehr gegeben ist.

Andererseits mahnt uns diese sehr ernsthafte kirchliche Prüfung von Privatoffenbarungen zu einer nüchternen Haltung. Die sich ausbreitende Sucht nach Privatoffenbarungen in der Gegenwart, die Sucht nach dem Wunderbaren und Sensationellen, ist im Grunde ein Zeichen für das Fehlen echter Gläubigkeit. Die heute immer wieder auftretenden angeblichen Marienerscheinungen und Marienoffenbarungen haben nicht selten sektiererische Tendenzen. Verbunden mit Schwärmerei werden sie zu einer großen Gefahr für das christliche Leben. Die ungesunde Begeisterung für Privatoffenbarungen und Visionen ist eine Versuchung, die besonders in Umbruchzeiten zu finden ist. Und dass wir uns aktuell in einer Umbruch- bzw. Krisenzeit befinden, kann nicht geleugnet werden. Aber bei aller gebotener Nüchternheit darf der von Fatima ausgehende Ruf nach Buße und Bekehrung, nach Gebet und Opfer für die Sünder und für den Frieden, nach Anerkennung der Wahrheit, dass es eine Hölle gibt und dass die Welt in besonderer Weise dem unbefleckten Herz Mariens geweiht werden soll, in diesem Jubiläumsjahr nicht untergehen. Es wäre daher zu wünschen, dass im Jubiläumsjahr 2017 gerade im Mutterland der protestantischen Reformation die Botschaften von Fatima in der katholischen Kirche mehr Beachtung finden als das Gedenken an den Thesenanschlag Martin Luthers.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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4 Antworten zu Was sind Privatoffenbarungen? (http://petrusbruderschaft.de/media/Infoblaetter/alte_Ausgaben/2017_05.pdf)

  1. Neukatholikin schreibt:

    Bezogen auf Privatoffenbarungen hört man manchmal die aller-originellsten Äusserungen, nicht zuletzt in traditionallen Kreisen. Und wenn ich dann einwende, dass die Kirche diese und jene Privatoffenbarung aber nicht anerkennt, ist eine sehr häufige Antwort: „Ja, natürlich nicht, das kommt nur daher, dass die heutige Kirche kritisiert wird, darum wollen die das nicht hören.“ Oder auch: „Ja, das kommt, weil die heutige Kirche die Rolle der Heiligen Jungfrau mindern will.“ Mittlerweile will ich schon fast nichts mehr davon hören. Sogar bei den Erscheinungen von Fatima – hochgeschätzt von der Priesterbruderschaft Pius X – wird mir zu viel Wirbel gemacht um ganz oder halb oder gar nicht veröffentlichte Geheimnisse und ob nun Spanien oder Portugal aufgrund der Weihe ans Unbefleckte Herz vor den Wirren in den 30er und 40er Jahren bewahrt wurde oder wohl eher nicht…

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    • Sehe ich genauso. Für mich ist alles Relevante im Wort der Gottesmutter bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1–11) enthalten:

      Was er (der Herr) euch sagt, das tut

      . In meinen Augen ist damit genug gesagt.

      Ich halte es mit dem Hl. Paulus:

      Lasst euch durch niemand und auf keine Weise täuschen!

      (2 Thess 2,3 EU) Warum sollte ich Zeit und Mühe investieren, Marien-Erscheinungen kritisch auf ihre Anwendbarkeit auf mein Leben zu prüfen, sie auszulegen, nachzuforschen, wer warum die Echtheit bestreitet oder wer warum für deren Echtheit eintritt, wenn doch im zitierten Satz der Gottesmutter alles enthalten ist?
      Mag man aber halten, wie man will – deswegen keine Feindschaft nicht…

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      • Neukatholikin schreibt:

        Guter Punkt, das Zitat aus Joh 2,1–11.
        Feindschaft bringe ich den Leuten deswegen sicher nicht entgegen, aber meine Meinung andeuten tue ich schon, und dann sind sie leider gekränkt.

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      • Nein, „deswegen keine Feindschaft nicht“ ist nur eine Redensart, Feindseligkeit habe ich bei Ihnen natürlich nicht vermutet 😉
        Dass Sie Ihre Ansicht vertreten, ist absolut legitim. Leider gibt es bei Privatoffenbarungen eine gewisse Klientel, die zur Hysterie und zu Anflügen von Fanatismus neigt, daher vermeide ich solche Gespräche. Sie sind zu oft nervig, unangenehm und bringen nichts.

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