„Hybride“ Kommunikationsmuster im kirchlichen Raum?

Den Maßstab des bislang doch eher im Bereich der internationalen Sicherheitspolitik verorteten Begriffs der Hybriden Kriegsführung (zum Begriff umfassend: https://www.bpb.de/apuz/232962/der-neue-unsichtbare-krieg?p=all) auf innerkirchliches Geschehen anzuwenden, mag auf den ersten Blick vielleicht verwundern.

Daher zuerst ein Blick auf den Begriff:

Der Begriff beschreibt eine „flexible Mischform der offen und verdeckt zur Anwendung gebrachten, regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen, militärischen und nicht-militärischen Konfliktmittel mit dem Zweck, die Schwelle zwischen den insbesondere völkerrechtlich so angelegten binären Zuständen Krieg und Frieden zu verwischen“. So hat es der Politikwissenschaftler Florian Schaurer vom Zentrum Informationsarbeit der Bundeswehr definiert. Dabei werden nicht in erster Linie militärische Mittel – also Armeen und Waffen – eingesetzt, um die eigenen politischen Ziele zu erreichen. Ein zentrales Element ist „die Verschleierung eigener Absichten, Fähigkeiten und Handlungen“ mit Hilfe von Propaganda und Desinformation. „Hybride Kriegsführung operiert auf höchst kreative Weise größtenteils unterhalb juristisch bestimmbarer Intensitätsschwellen“, erklärte Schaurer. Das macht die Abwehr so schwierig, denn es „nimmt dem Verteidiger die Eindeutigkeit eines Reaktionsgrundes“1.

Nimmt man jetzt die objektiv zu beobachtende Vorgehensweise des Papstes und ausgesuchter Helfershelfer, nicht durch kodifizierte Rechtsakte, sondern durch (zwar nur schwer klassifizierbare, aber gleichwohl) reale Handlungen wie etwa Gesten oder Reden die (kirchliche) Wirklichkeit zu verändern, in den Blick, werden die Übereinstimmungen etwas deutlicher werden.

Drei (sicherlich nicht trennscharfe) Gesichtspunkte scheinen mir dabei – zumindest eingeschränkt – auf die derzeitige Lage wie folgt durchaus übertragbar:

  1. die Verwischung der Schwelle zwischen den (kirchenrechtlich/dogmatisch) angelegten binären Zuständen Rechtgläubigkeit und Häresie,
  2. das zentrale Element der „Verschleierung eigener Absichten, Fähigkeiten und Handlungen“ mit Hilfe von Propaganda und Desinformation sowie
  3. das höchst kreative operieren unterhalb juristisch bestimmbarer Intensitätsschwellen, welches die Eindeutigkeit eines Reaktionsgrundes nimmt.

Bereits Punkt 1 hat seinen Ursprung schon in den Konzilsdokumenten des 2. Vatikanums. Neben orthodoxen Aussagen stehen dort häretische oder zumindest zweifelhafte. Sieht man sich beispielsweise die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ näher an, geht diese unbestreitbar von der regelhaft zu gebrauchenden lateinischen Kultsprache aus, in ihr ist weder etwas von der „Umgestaltung“ des Kirchenraums mit Volksaltar, herausgeworfener Kommunionbank etc. samt Mundkommunion und regelhaft in Landessprache gehaltenem Gottesdienst zu finden. Dies alles ist, wie bereits Kardinal Ratzinger 1998 klarstellte, „aus Geist und Buchstaben des Konzils keineswegs abzuleiten“2. Gleichwohl wurde dies bekanntlich unter Berufung auf das Konzil durchgeführt.

In besagter Konzilskonstitution befinden sich zuhauf gezielt verdeckte Hintertürchen für die zeitgenössischen „gestalteten“ Gottesdienste: die Zulassung der Muttersprache in der Liturgie und die Aufwertung der Wortverkündigung in der Liturgie (SC 36); die Forderung nach Vereinfachung der Riten (SC 34); Zulassung der Kelchkommunion (SC 55); die klare Bevorzugung der Feier in Gemeinschaft vor der privaten Feier (SC 27); die Forderung nach einem Konzelebrationsritus (SC 57 und 58); die Wiederbelebung der Fürbitten (SC 53), die zu beachtende „volle und tätige Teilnahme“ des ganzen Volkes (SC 14), die Charakterisierung der Tätigkeit von Ministranten, Lektoren, Kirchenchöre als „liturgischen Dienst“ (SC 29) oder die Darbringung der unbefleckten Opfergabe der Christgläubigen „nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm“ (SC 48).

Die hier (bekanntlich mit durchschlagendem Erfolg) angewandte Methode läßt sich durchaus analog zum militärwissenschaftlichen Satz

ein Vorgehen, dass die Zuschreibung einzelner Gewalthandlungen und Beiträge zur Kriegführung im Unklaren lässt3

auf die Kirche so formulieren: ein Vorgehen, dass die Zuschreibung einzelner Handlungen und Beiträge zur Häresie im Unklaren lässt.

Gerade im Pontifikat des (zumindest schein)heiligen Papstes Johannes-Paul II. setzte sich dies nahtlos in dessen Gesten und Aussagen fort: der Kuss des Korans, die Aufforderung an Moslems, dem Islam treu zu bleiben, die Anrufung des Hl. Johannes des Täufers, den Islam zu schützen etc. Auch hier gilt es, „im Zusammenspiel verschiedener, auf den ersten Blick womöglich nicht zusammenhängender Komponenten“4 den hybriden Kontext zu erkennen. Durch seine (innerhalb des hybriden Spektrums durchaus übliche) „experimentelle und innovative Methode“5 schaffte der damalige Papst zumindest bezüglich des klar formulierten missionarischen Auftrages des Herrn (Mt 28,18-206 bzw. Mk 16,15f.7) eine diffuse Grauzone.

Diese wird in unseren Tagen nach Kräften weiter ausgeweitet, verkündete doch der Apostolische Präfekt von Aserbaidschan, Pater Vladimir Fekete, wer überzeugter Muslim sei, solle dies auch bleiben, denn: „Wir taufen nur Leute, die nie in eine Moschee gehen“8. Bereits vorher schränkte – der dem Vernehmen nach ideologisch sehr flexible – Kardinal Koch ein: „Wir haben eine Mission, die Menschen aller nicht-christlichen Religionen außer dem Judentum zu bekehren.“9 Nimmt man dann die Äußerung von Papst Franziskus im September 2013 in einem Interview in einer antiklerikalen Zeitung hinzu:

Proselytismus ist eine Riesendummheit, er hat gar keinen Sinn. Man muss sich kennenlernen, sich zuhören und das Wissen um die Welt um uns vermehren… Die Welt ist durchzogen von Straßen, die uns voneinander entfernen oder die uns näher zusammenbringen, aber das Entscheidende ist, dass sie uns zum Guten hinführen… Jeder von uns hat seine Sicht des Guten und auch des Bösen. Wir müssen ihn dazu anregen, sich auf das zuzubewegen, was er als das Gute erkannt hat… Das würde schon genügen, um die Welt zu verbessern… Die Liebe zum Anderen, die unser Herr gepredigt hat, ist kein Proselytismus, sondern Liebe. Liebe zum Nächsten, ein Sauerteig, der auch dem Gemeinwohl dient,10

wird die Verwischung des göttlichen Missionsauftrages vollends deutlich. An der Streuung diffuser, häresieverdächtiger Aussagen durch Teile der Hierarchie kristallisiert sich zudem „die für hybride Bedrohungen typische Attributionsproblematik, also die gezielte Verschleierung der Urheberschaft eines Angriffs, die die Mechanismen der Verteidigung nicht grundsätzlich unmöglich macht, aber doch stark verzögern und dadurch schwächen kann“11. Signifikant hierzu das nur sehr zögerliche Vorgehen der vier Kardinäle, welche ihre dubia vorgebracht haben.

Bei Punkt 2 kann einem die Vorgehensweise einfallen, „heikle“ Aussagen unkommentiert durch kirchenferne bis -feindliche Gesprächspartner in den Medien wiedergeben zu lassen. Ein Beispiel ist unter der Fußnote 10 wieder gegeben. Zur entstehenden Verwirrung unter Gläubigen und Nichtgläubigen nimmt der Vatikan nicht offiziell Stellung, mit dem Ergebnis, dass die Ansichten des Papstes vieldeutig und diffus erscheinen. Und damit wird die Unklarheit bewußt hergestellt und aufrecht erhalten – gerade dies ein Charakteristikum der Hybriden Kriegführung12.

Dieses Resultat wird auch erreicht, wenn offizielle, sorgfältig vorbereitete Stellungnahmen weggelegt und stattdessen durch spontane Stehgreifansprachen buchstäblich „im gehen und stehen“ (oder fliegen) ersetzt werden. Informell, halt „so dahingesagt„, wenig greifbar. In jede beliebige Richtung interpretierbar – vor allem gegen die Glaubenslehre, wie man bei dem saloppen „wer bin ich, um zu urteilen?“ sehen konnte.

An dieser Stelle wird eine weitere Analogie zur hybriden Kriegsführung augenfällig:

Großangelegte Desinformationskampagnen und die Nutzung der sozialen Medien zur Beherrschung des politischen Diskurses oder zur Radikalisierung, Rekrutierung und Steuerung von Stellvertreterakteuren (‚proxy actors‘) können als Vehikel für hybride Bedrohungen dienen“13.

Punkt 3 ist insbesondere bei Amoris laetitia feststellbar. Die Vorgehensweise ähnelt auffallend der, welche erfolgreich beim 2. Vaticanum angewandt wurde: dieses wurde zuerst als „lediglich pastoral“ bezeichnet, um einen untergeordneten, nicht dogmatischen Status zu bezeichnen, der alarmierte konservative Kräfte beruhigen und einlullen sollte. Später mutierte es in der allgemeinen Wahrnehmung schleichend zum „Super-Dogma“ (so kritisch der damalige Kardinal Ratzinger), welches auf einmal aller Dogmen Maßstab wurde.

Amoris laetitia oszilliert derzeit in der Wahrnehmung zwischen einer normalen Meinungsäußerung des Papstes und einem Paradigmenwechsel – je nach Standort des gerade Kommentierenden. Da konservative Konzilsbefürworter in der Regel sehr norm- und textfixiert sind, erreichen bloße Meinungsäußerungen des Papstes bei diesen durchgehend nicht die Intensitätsschwelle, eindeutig zu reagieren, siehe das schleppende Vorgehen bei den dubia. Zudem weist der Papst die Rolle des authentischen Interpreten seiner Worte flexibel zu, unabhängig vom eigentlichen Amt (z.B. des Präfekten der Glaubenskongregation).

Wendet man die politikwissenschaftliche Erkenntnis, wonach die plausible deniability, also die Möglichkeit, die Verantwortung für bestimmte militärische Aktionen bis hin zu einer Kriegsbeteiligung insgesamt mit einiger Plausibilität abstreiten zu können14, Bestandteil der hybriden Kriegführung ist und liest in analoger Anwendung: die Möglichkeit, die Verantwortung für bestimmte Aktionen bis hin zur offenen Häresie mit einiger Plausibilität abstreiten zu können, dann wird die Übereinstimmung der angewandten Methoden für jedermann erkennbar.

Gilt im internationalen Raum der Sicherheitspolitik der Satz: „Die hybride Methode löst die Dichotomie von Krieg und Frieden zugunsten eines Kontinuums zwischen beiden Zuständen auf“15,wird man derzeit im kirchlichen Kontext sagen können, dass sich die Zweiteilung von Glaube und Nichtglaube zugunsten eines diffusen Kontinuums zwischen beiden Zuständen auflöst.

2Hitchcock, James: Kontinuität und Bruch in der Liturgie, in: Hauke, Manfred (Hrsg.) Papst Benedikt XVI. und die Liturgie, 2014, Seite 87

3Schreiber, Der neue unsichtbare Krieg? Zum Begriff der „hybriden“ Kriegführung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 35-36/2016, Seite 13; http://www.bpb.de/apuz/232962/der-neue-unsichtbare-krieg

4Schauer/Ruff-Stahl, Hybride Bedrohungen – Sicherheitspolitik in der Grauzone, in: Aus Politik und Zeitgeschichte,43-45/2016, Seite 9; http://www.bpb.de/apuz/235530/hybride-bedrohungen-sicherheitspolitik-in-der-grauzone?p=all

5Schauer/Ruff-Stahl, Hybride Bedrohungen – Sicherheitspolitik in der Grauzone, in: Aus Politik und Zeitgeschichte,43-45/2016, Seite 9; http://www.bpb.de/apuz/235530/hybride-bedrohungen-sicherheitspolitik-in-der-grauzone?p=all

6„Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

7„Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“

8Tagespost vom 5. Oktober 2016

10Papst Franziskus: Interview mit Eugenio Scalfari, La Repubblica, 1. Oktober 2013

11Schauer/Ruff-Stahl, a.a.O., Seite 13

12Schreiber, Der neue unsichtbare Krieg? Zum Begriff der „hybriden“ Kriegführung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 35-36/2016, Seite 12; http://www.bpb.de/apuz/232962/der-neue-unsichtbare-krieg

13Schauer/Ruff-Stahl, a.a.O., Seite 11

14a.a.O. Seite 13

15Schauer/Ruff-Stahl, a.a.O., Seite 14

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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