Und noch ein offenes Wort…

Katholik sein, dies hieß für mich: etwas anderes, sogar mehr zu sein als ein Deutscher. Der Katholik war Oberbegriff, dem die Volkszugehörigkeit sich unterordnete. Mit dem Katholischsein trat ich aus meinem Deutschersein einen wichtigen Schritt heraus. Das Schimpfwort der Bismarck-Kulturkämpfer, die Katholiken seien keine treuen Untertanen des preußischen Königs, sondern pflegen eine Mentalreservation gegen den Staat, sie seien “Ultramontane“, die in ihrer Loyalität jenseits der Berge gebunden seien, dem fernen römischen Papst ergeben – wie zutreffend fand ich dies Wort für mich. Mußte ein katholischer Deutscher aus seiner ganzen Geschichte heraus nicht ultramontan sein?“

Martin Mosebach

[zit. nach Kirchliche Umschau, März 2017, Seite 57]

 

Ein Zitat, welches vielleicht nicht nur in konservativen Kreisen des deutschen Katholizismus für Stirnrunzeln sorgt. Man könnte sich im Nationalstolz verletzt fühlen, als nur halber Deutscher wahrgenommen. Auf Vorfahren verweisen, eine lange Kette von Generationen, „die schon länger hier waren„… Die ihre Pflicht erfüllten, früher an der Front, ihre Kinder dann nach 1945 im Beruf. Deutschland aus Trümmern wieder aufbauten und trotzdem gute Katholiken waren. Mag jeder seine Gefühle und Gedanken zu diesem Zitat selbst prüfen.

Mich spricht das Zitat gleichwohl aus mehreren Gründen an. Zum einen lautet der Wappenspruch meiner Familie Ultra Montes und verweist so dezidiert auf den tief verwurzelten katholischen Glauben, dem nicht wenige Ordensberufungen zu verdanken waren. Dass unsere Wappenfarben daher weder schwarz-weiß-rot noch schwarz-rot-gold, sondern Weiß und Gold sind, rundet das Bild ab.

Zum anderen erschien mir das kleindeutsche Hohenzollernreich bereits seit Kindertagen zu enggeistig-protestantisch, um von mir gemocht zu werden und der Kulturkampf hat es mir beileibe nicht sympathischer gemacht… 😉 Mein Herz schlug schon immer eher für das katholisch geprägte, entspanntere Österreich. Keine knallenden Hacken und schnarrende Kasino-Stimme, sondern eher warme, weiche Töne und kommodes Mensch-Sein – vielleicht die besseren Deutschen…

Wie auch immer: wie könnte man in der Kirchenbank neben Glaubensbrüdern– und –schwestern anderer Nation, Kultur und Hautfarbe knien, wenn man zuerst Deutscher wäre? Sollte mir wirklich der esoterik-spinnerte Öko-Veganer näher stehen, nur weil er deutsch spricht und mit mir dieselben Kultur- und Abstammungswurzeln teilt? Näher als beispielsweise der dunkelhäutige Kardinal Sarah? Muß ich „als Deutscher“ begeistert sein, wenn sich in Nationaltrikots gepresste Fanmeilen-Besucher und schwarz-rot-gold kostümierte Public-viewer sich oberflächlich amüsieren?

Ich kann einer speziellen Klientel unter meinen Landsleuten offen gesagt wenig abgewinnen und fühle mich unter diesen zunehmend fremd. Oberflächlich eingestellt, finden sie alles „supi“, die unverschämteste Zumutung ist noch eine „spannende Herausforderung“, ihre Pleiten reden sie sich als „wahnsinnig intensive Erfahrung“ schön. Grundlos dauerkichernde Frauen mit lauter Quäk-Stimme und seit 30 Jahren im 15. Lebensjahr stecken gebliebene Männlein. Hangeln sich beruflich und privat von „Projekt“ zu „Projekt“: Geburt der Kinder, Hausbau, Burn-Out.

Momentan ist richtig, momentan ist gut.

Die meisten schließen, von der selbstverschuldeten Lebensgestaltung völlig überfordert, vor Problemen die Augen und „denken positiv“ („Ich gehe einfach mal davon aus, dass das klappen wird!“). Das Leben ist auf Konsum abgestellt, alles relativ, alles im Fluß. Auch der Begriff der „Familie“ ist augenblicksgebunden: meist die Kinder vom augenblicklichen Lebensabschnittspartner.

Wie fragil überhaupt der Begriff „deutsch“ ist, mag man anhand der historischen Brüche sehen: da gab es Reichs-, Volks-, West-, Ostdeutsche usw. Wäre ich, mütterlicherseits, eher „Sudetendeutscher“ oder väterlicherseits „Bundesdeutscher“ in der Form des „Westdeutschen“? Ab 1990 dann „Gesamtdeutscher“ oder doch nur „West/Mitteldeutscher“, weil „Ostdeutschland“ aus Sicht von 1937 ja fehlt? Oder besser global gleich Europäer? Oder regional Hesse?

Dazu mag jeder stehen, wie er meint. Für mich möchte ich ein Wort von Hermann Hesse abwandeln: Ich bin Katholik und Deutscher. Wenn beides nicht zusammengehen will, gebe ich eher dem Katholiken in mir recht…

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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