„AfD, Pegida und Co.“ (die-neue-ordnung.de)

Nr. 2 / 2017 April         71. Jahrgang

Stefan Hartmann

AfD, Pegida und Co.“

Mit Mühe und Not haben sich die Präsidien von CDU und CSU Anfang Februar in München nach einem scheinbar harmonischen Grillabend auf Angela Merkel als gemeinsame Kanzlerkandidatin geeinigt. Freudlos und ohne eine Sieger-Euphorie wie beim SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz kam die Zwangsehe der Schwesterparteien zustande.

Die Entscheidung war „alternativlos“, mögliche Mitbewerber für das Kanzleramt (Friedrich Merz, Roland Koch) wurden vor Jahren schon weggedrängt. Konservative Gemüter und bekennende Christen fühlen sich nicht erst nach einer öffentlichen Abkanzelung Papst Benedikts XVI. durch Merkel in der Piusbruderschaft-Affäre 2009 in der CDU heimatlos.1 Der beliebte rheinische Bundestags-Abgeordnete und gern gesehene Talk-Show-Gast Wolfgang Bosbach resigniert in Loyalität, die verdiente Vertriebenen-Politikerin Erika Steinbach trat im Januar 2017 unter Protest gegen die in der Flüchtlingsfrage das Parlament mißachtende Kanzlerin aus der CDU aus. Weil verordnete Alternativlosigkeit auf Dauer kein Weg ist, suchen jüngere und ältere bisherige Sympathisanten der christlichen Unionsparteien nach anderen Wegen, organisieren sich in konservativen Kreisen etwa als „Konrads Erben“ (Ralf Höcker) und sogar „Katholiken in der CSU“ (Thomas Goppel). Die bisherige Erfolgsgeschichte der neuen Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD), die von eher liberalen Professoren als Anti-Euro-Partei gegründet wurde und als solche 2013 knapp den Einzug in den Bundestag verpaßte, hat verständlicherweise bei anderen Mitbewerbern, aber auch bei Gewerkschaften und Kirchen, für Beunruhigung und Verunsicherung gesorgt.

Im Zuge von Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ (2010), der Dresdener „Pegida“-Bewegung und der Flüchtlingskrise seit September 2015 verlagerte sich der Protestschwerpunkt der AfD. In den Medien lange mit dem Adjektiv „rechtspopulistisch“ versehen, hat man vor lauter „postfaktischer“ Reaktion noch nicht zu einem gelassenen und sachorientierten Umgang mit der Herausforderung durch die AfD gefunden. Ihre jeweils gesondert zu betrachtenden Spitzenpolitiker (Alexander Gauland, Frauke Petry, Beatrix von Storch, Jörg Meuthen, Alice Weidel, Björn Höcke) haben einen bundesweiten Bekanntheitsgrad erreicht und werden häufig zu Talk-Runden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eingeladen – auch wenn sie oft erklären, selbst keine GEZ-Gebühren mehr zahlen zu wollen. Mit polarisierenden und zugespitzten Äußerungen haben sich AfD-Vertreter außerhalb des allgemeinen politischen Konsenses, des so genannten „mainstreams“, gestellt. Eine durchaus demagogisch zu nennende Dresdener Rede des Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke fand auch innerhalb der AfD Kritik und Distanzierung. Tabuverletzungen scheinen aber eine bewußte Strategie zu sein, um Aufmerksamkeit zu finden und andere vor sich her zu treiben. Ähnliche Bewegungen gegen die bisherigen politisch-kulturellen „Eliten“ gibt es in England, das den Austritt aus der EU bereits beschloß („Brexit“), in Frankreich (Marine Le Pen) und in den Niederlanden (Geert Wilders). Die AfD organisierte in Koblenz ein Treffen der in diesem Jahr zu einer Wahl antretenden europäischen Kandidaten. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA im November 2016 wurde dort ausdrücklich begrüßt und als Auftakt weiterer politischer Veränderungen im Wahljahr 2017 angesehen. Vertreter der katholischen Kirche haben auf die AfD, die in ihrem Programm eine deutliche Islamkritik artikuliert und sich auch explizit gegen „Gender“Tendenzen wandte, bisher meist ablehnend kritisch reagiert. Ein Christ könne bei „Pegida“ (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) nicht mitgehen, meinte schon kurz nach dem Beginn der wöchentlichen Dresdener Montagsdemonstrationen im Oktober 2014 ein oberfränkischer Erzbischof. Die Tatsache, daß ein mehrfach vorbestrafter Redner auftrat und über die sozialen Netzwerke Pegida-Kritiker öfter „shitstorms“ ausgesetzt waren, mag zum vor allem im Westen negativen Image der Pegida-Bewegung beigetragen haben. Aber auch die bundesweit agierende AfD wurde sogar von Kardinälen namentlich kritisiert, Vertreter/innen der AfD waren beim Leipziger Katholikentag 2016 explizit ausgeladen, eine Entscheidung, die nachträglich bedauert wurde und genau das Gegenteil des Intendierten bewirkt hat.

Oft wurden in Leitmedien trotz des islamistischen Antisemitismus Parallelen zum Judenhaß des Nationalsozialismus gezogen und sehr laut ein „Wehret den Anfängen“ ausgerufen. Nun hat in Band 2 der Freiburger Reihe „Edition Herderkorrespondenz“2 auch das katholisch-deutsche Mainstream-Milieu mit dem irritierenden Untertitel „Angriff auf die Religion?“ einen Sammelband vorgelegt. Mehrere katholische Professoren und Publizisten, ein ehemaliger und der gegenwärtige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ein Stadtdekan und ein Kardinal widmen sich der Thematik aus ihrer je eigenen, aber untereinander nicht immer kompatiblen Sicht:

Stefan Orth, Volker Resing (Hg.), AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion? (Edition Herderkorrespondenz), Freiburg 2017, 203 Seiten

Nach dem Vorwort der Herausgeber (Stefan Orth, Volker Resing) beginnt der Wiener Pastoralsoziologe und eher zeitgeistige Zeitgeistanalytiker Paul M. Zulehner mit Überlegungen zu allgemeinen Gründen und konkreten Gegenstrategien zum „Rechtspopulismus in Europa“ (9) die Aufsatzsammlung. Er diagnostiziert eine „Angstgesellschaft“, in der rechte Populisten bei zurückgebliebenen „Modernitätsverlierern“ Anklang finden. Einer „Politik der Angst“ müsse eine „Politik des Vertrauens“ durch Bildungsangebote und Integration antworten. Angela Merkel sei mit ihrem Grundmotiv „Wir schaffen das“ und ihrem Stehvermögen dafür eine Leitfigur (22). Kirche solle anders als in der Vergangenheit Ängste der Menschen lindern, für die Menschen eine Art „Feldlazarett“ (Papst Franziskus) und gegenüber Flüchtlingen solidarisch sein. Religiös gilt: „Nicht der glaubensstarke Islam ist das Problem Europas, sondern das glaubensschwache Christentum ist sich selbst das Problem“ (24). Für Nächstenliebe könne es keine Obergrenzen geben. Gesinnungs-und Tugendethik wird wie in den meisten kirchlichen Stellungnahmen einer Verantwortungs- und Ordnungsethik vorgeordnet. Der große Soziologe Max Weber sieht es allerdings etwas anders: „Ob man als Gesinnungsethiker oder als Verantwortungsethiker handeln soll, und wann das eine oder das andere, darüber kann man niemandem Vorschriften machen […] Gesinnungsethik und Verantwortungsethik [sind] nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen.“3

In einem manchmal sehr pauschalen Freund-Feind-Denken nähert sich der katholische Publizist Andreas Püttmann (Bonn) dann der Frage „Was ist die AfD?“ Sie versammle nach einem eher bürgerlichen Beginn als Euro-Kritiker-Partei seit 2015 nun „destruktive Charaktere“ (Walter Benjamin muß dafür herhalten) und positioniere nationalistisch, völkisch und rassistisch das Eigene gegen das Fremde. Anders als die mittlerweile gezähmten Grünen oder Roten stelle die AfD mit ihrer Kritik am politisch-medialen Kartell der parlamentarischen Demokratie die „Systemfrage“. Daher sei sie nicht bloß eine „konservativere CDU“ (42). In Anspielung an die Zeitschrift des „identitären“ Publizisten Götz Kubitschek spricht Püttmann von einer „rechtskonservativen Sezession“ (46). Dabei werden konservative Katholiken in argwöhnischen Augenschein genommen, wird eine Verbindung zur „konservativen Revolution“ der Weimarer Republik gezogen und mit der AfD-Kritikerin Liane Bednarz nicht nur die bürgerlich-konservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“, sondern auch die liberale Monatszeitschrift „Cicero“ in die rechte Ecke gestellt (45). Für den mörderischen Amoklauf im Juli 2016 in München wird in antirechter Haßliebe ein „ausländerfeindlicher AfD-Verehrer“ (48) benannt – obwohl es sich um einen iranisch-stämmigen Verehrer des norwegischen Amok-Terroristen Anders Breiwik handelte. Es wird eine „Pathologie der Religion“ (54) bei angeblichen katholischen Rechtspopulisten diagnostiziert und mit dem VulgärAtheisten Richard Dawkins sogar von „Gotteswahn“ (55) gesprochen.

Wenn Christen die AfD unterstützen, verdunkelt sich das christliche Zeugnis und das sei „beschämend“ (56). Diese inquisitorische Ausgrenzung und Anprangerung könnte kaum fundamentalistischer und intoleranter sein. Welche Komplexe und Intentionen hinter dem ehemals unduldsam konservativ-katholischen Publizisten stehen, verrät folgende Bemerkung: „Die neuen politischen Fronten bieten die Chance, den traditionellen Soupçon bei Linken und Liberalen gegen eine im Zweifel immer rechtsstehende Kirche weiter abzubauen und Religion nicht nur als schmückendes Beiwerk eines bürgerlichen Konservativismus erlebbar zu machen“ (52). Dem wird moralüberlegen hinzugefügt: „Papst Franziskus hat für diese notwendige Klarstellung Meilensteine gesetzt, und es gereicht den deutschen Bischöfen zur Ehre, daß sie in den derzeitigen aufgeregten Debatten menschenrechtlich Kurs gehalten und eine Lanze für den humanitären Auftrag Europas gebrochen haben“ (52). Daß dem ein häufiges „diplomatisches“ Verdrängen der weltweiten Christenverfolgung und der systematisch bedingten Menschenrechtsverletzungen in islamischen Staaten (nicht nur im „IS“)4 entspricht, wird bei solchen kirchlichen Selbstverklärungen leider außer acht gelassen. Ähnlich kritisiert dann Sonja Angelika Strube, katholische Theologin am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, „Christliche Unterstützer der AfD“, ihre Milieus und Allianzen. Die innerparteiliche Gruppierung „Christen in der AfD“ ist nicht ohne Einfluß. Als Unterstützer Erwähnung finden die Linzer Internetseite „kath.net“, die evangelikale Nachrichtenagentur „idea e.V.“ und vor allem die Stuttgarter Familienschutzinitiative „Demo für alle“, die u.a. vom CDU-Mitglied Hedwig von Beverfoerde verantwortet wird. AfDVorstandsmitglied Beatrix von Storch und die Gender-Kritikerin Gabriele Kuby seien mit diesen christlichen Initiativen vernetzt.

Die Autorin sieht diese Verbindungen und Koalitionen als problematisch an, obwohl hier genuin christliche und katholisch-kirchliche Positionen vertreten werden. Der im Anti-AfD-Kampf sehr engagierte Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes widmet sich besonders Entwicklungen in Baden-Württemberg, wo die AfD unter der Führung des bürgerlichen Professors Jörg Meuthen bei der Landtagswahl 2016 auf 15 Prozent der Wahlstimmen kam. Er berichtet über seine eigenen Wortmeldungen (auch auf Facebook) und die Partei-Kritik des Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Maria Woelki: „Solche Alternativen für Deutschland brauchen wir nicht“ (80). Anläßlich des Stuttgarter Bundesparteitages 2016 fragt Hermes aufgrund vorgebrachter Islamkritik im Parteiprogramm nach der Stellung der AfD zum Grundgesetz. Seine polemischen Verallgemeinerungen führten zu Gegenpolemik bis hin zu „shitstorms“ in sozialen Medien. Da kein Vertreter der beiden Großkirchen bereit war, anläßlich des Stuttgarter AfD-Parteitages einen ökumenischen Gottesdienst zu halten, tat dies der Baden-Badener anglikanische Bischof Frederick Haas, der kein „Pseudo-Bischof“ (84) ist, sondern in anerkannter und nachweisbarer apostolischer Sukzession steht (seinen Hauptsitz allerdings auf Malta hat). Nach Ansicht des Stuttgarter Stadtdekans darf die Kirche nicht schweigen, „wenn eine politische Bewegung Angst und Haß gegen Menschen schürt, die als Flüchtlinge um Asyl nachsuchen, weil sie von fundamentalistischen und militanten Islamisten verfolgt werden“ (86). Letzteres scheint nun aber angesichts der Fakten doch eine eher blauäugige Sicht des politisierenden Klerikers zu sein, der sich für sein medial gefördertes Auftreten relativ unbescheiden auf den seligen Pater Rupert Mayer und den Märtyrer Eugen Bolz beruft (91).

Es gibt biblisch und in der Lehre der Kirche nicht nur das Gebot der Nächstenliebe, das einige populistisch und pauschal für alle „Flüchtlinge“ (die oft eher „Eindringlinge“ waren) einfordern, sondern auch das Gebot der unbedingten Gottesliebe, dem die Gleichsetzung mit dem Islam widerspricht, und der geordneten Selbstliebe für sich und die Seinen. Nach diesen drei stark mit Ressentiments beladenen Beiträgen folgen nun aber auch drei konstruktive und sachlich-hilfreiche Analysen. Der aus Westdeutschland stammende Dresdner systematische Theologe Karlheinz Ruhstorfer vermag es, sich in die anderen Lebenssituationen der Menschen in Ostdeutschland und speziell in Dresden, wo die Pegida-Bewegung ihren Anfang nahm, einzufühlen. Dresden lag nicht nur vierzig Jahre hinter dem Eisernen Vorhang, sondern hatte im Elbtal auch keinen Empfang des Westfernsehens. Pegida und AfD verweisen als „signifikante Randphänomene beim Übergang in eine neue Zeit“ (114) besonders im Osten auf ein neues Bedürfnis nach Identität, auch in der Differenz, um so „auch noch im Anderen sein Eigenes zu entdecken […] besonders aber in den Schwachen, Vertriebenen, Obdachlosen und – in den Feinden“ (115). Hans Joachim Meyer, der ehemalige Präsident des ZdK, ist gebürtiger Ostdeutscher und war sächsischer Staatsminister im Kabinett Biedenkopf. Sachsen hat damals der Einführung des Euro im Bundesrat nicht zugestimmt (116). Er beginnt seine sehr lesenswerten Beobachtungen mit dem Satz: „In einer Gesellschaft von Freien ist Alternative ein notwendiger Begriff. Ohne Alternativen gäbe es keine Möglichkeit zur Entscheidung“ (116). Meyer schildert seine DDRErfahrungen, die Rolle der Kirchen dabei, den Gegensatz der Erfahrungen und Lebensläufe. Das betrifft besonders die Einstellung zum Nationalen: „Auch wenn man es im Westen Deutschlands verschweigt oder vergessen hat, so bleibt doch wahr, daß die linksgestimmte öffentliche Meinung der alten Bundesrepublik, mit wenigen Ausnahmen, noch bis in den Herbst 1989 hinein jeden Gedanken an die deutsche Einheit als revanchistisch und friedensgefährdend betrachtete und auf den Zusammenhalt der geteilten Nation wenig Wert legte“ (128). N

och ein Zitat des ehemaligen Wissenschafts- und Kunstministers: „Wer fordert, Deutschland müsse ‚bunt’ werden, der instrumentalisiert die zu uns Flüchtenden für sein Ziel, dieses Land zu verändern, damit es nicht mehr ‚so deutsch‘ ist. Wer die kulturelle Identität dieses Landes verächtlich macht, der überläßt einen lebenswichtigen Begriff den Rechtsextremisten und zerstört geflissentlich jede Voraussetzung von Integration“ (132). Ähnlich nüchtern und frei von polemisch-antirechten Ressentiments ist der Beitrag „Was ist so schlimm am Rechtspopulismus? Pegida, AfD und die Folgen“ der Dresdener Politikwissenschaftler Joachim Klose (Konrad-Adenauer- Stiftung für den Freistaat Sachsen) und Werner J. Patzelt (Universität Dresden), der zur Thematik öfter auch im Fernsehen befragt wurde. Populismus scheint ein Gespenst zu sein, das in der Europäischen Union umhergeht, hat aber seine Wurzeln und sein natürliches Revier in Lateinamerika, der Heimat des gegenwärtigen Papstes (134). Charakteristika von Rechtspopulismus sind „die Betonung identitäts- und demokratiepolitischer Themen“, „das Herausstellen der Gefahr eines drohenden kollektiven Identitätsverlustes“ und „das Anstreben einer ethnisch kulturell homogenen Gemeinschaft, was sich leicht mit völkischen und rassistischen Vorstellungen verbindet“ (136). Aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit ist Rechtspopulismus in Deutschland bisher eine Randerscheinung geblieben. Wahlergebnisse der NPD, der DVU oder der Republikaner blieben marginal. Mit dem Entstehen von „Pegida“, das die beiden Autoren in einer umfänglichen Publikation auch genauer analysierten5, reicht ein rechtspopulistisches Phänomen, das sich auch christlicher Symbole bedient, bis in die Mitte der Bevölkerung.

Den Ertrag ihrer Untersuchungen präsentieren die Verfasser in sieben Pegida-Thesen. Es handelt sich danach um Gemeinschaftserlebnisse abseits rechtsextremistischer Gruppen, nicht bloß um ein Dresdener Lokalphänomen, sondern um Ausdruck der Unzufriedenheit mit Deutschlands Einwanderungs- und Integrationspolitik schon vor der seit September 2015 bestehenden Flüchtlingskrise: „Pegida und AfD konnten aufkommen, weil die etablierten Parteien zwischen CDU und rechtem Narrensaum eine Repräsentationslücke hatten entstehen lassen“ (146). Vielen wohl unpassend sind die Beobachtungen: „Mit Pegida kamen politisch-mediale Klasse und Zivilgesellschaft nicht zurecht, weil sie anhand von irreführenden Narrativen zu falschen Einschätzungen Pegidas kamen und an ihnen festhielten“ (147). „Tatsachengetreues Verstehen Pegidas scheiterte am Unwillen der Pegida-Kritiker zum Perspektivenwechsel und zur Empathie“ (149). Diese Versäumnisse hätten Pegida „verstetigt“ (150) und speziell ostdeutsche Befindlichkeiten nach der Wiedervereinigung oft tief verletzt. Die Dresdener Autoren kommen zu dem Urteil: „Im auf Pegida und die AfD gemünzten ‚Kampf gegen rechts’ haben wir unsere Demokratie nicht gestärkt, sondern den ohnehin aufkommenden Rechtspopulismus nur gemästet“ (162). Stattdessen gelte es ernst zu nehmen, „was an Sorgen und Anliegen hinter den – nicht selten ungehobelten und mißratenen – Aussagen von Rechtspopulisten steht“ (162). Die Dämonisierung politischer Gegner helfe nicht weiter.

Als ob ihnen dieser aufschlußreiche Aufsatz ostdeutscher Beobachter nicht bekannt sei, wird abschließend von den Kirchenvertretern Thomas Sternberg (Zentralkomitee der deutschen Katholiken) und Kardinal Rainer Maria Woelki (Erzbischof von Köln) weitgehend ins übliche Horn der von den realen Problemen abgehobenen Schwarzweißmalerei geblasen. Sternberg bezieht sich in seinem Text „Das Christliche im Abendland. Europas Zukunft aus christlichem Geist gestalten“ zwar auf die Karlspreisrede von Papst Franziskus, auf Äußerungen von Rémi Brague (Paris) und Joseph Weiler (Florenz), zeigt aber keinerlei Verständnis für die durch den expandierenden Islam und seine diskriminierenden Tendenzen entstandene Beunruhigung6. Aufgrund der Kritik der AfD an staatlichem Islamunterricht wird ihr unterstellt, „die Axt an die Wurzel der bewährten religionsfreundlichen Ordnung in Deutschland“ (173) zu legen. Das ist wohl der gemutmaßte „Angriff auf die Religion“ in der Titelfrage des Buches. Ansonsten ist sicher nichts dagegen zu sagen, wenn als Kern europäischchristlicher Traditionen benannt werden: „Offenheit, Hilfe für Jedermann, Integration, Sozialverantwortung, Menschenwürde und ein Glaube, der nicht ausgrenzt, sondern sich öffnen kann für die Anderen; der Stürme übersteht, weil er selbst fest wurzelt“ (180). Dem pflichtet auch der Kölner Kardinal bei, für den selbstverständlich (anders als für die AfD) „der Islam zu Deutschland gehört“(185). Rechtspopulistischen Programmatiken und Positionen „widerspricht die Kirche entschieden und ächtet sie“ (184). Das Bestreben der CSU, die Zahl der Asylsuchenden zu begrenzen, ist ein „rechtspopulistischer Politikstil“ (186), auch wenn sie noch keine rechtspopulistische Partei sei.

Ob das O-Ton des Kardinals oder der seines Ghostwriters ist, kann offenbleiben. Kardinal Joseph Höffner, ein Vorgänger im Amt, hat noch die Parteien selber ihre Nähe oder Ferne zur Kirche bestimmen lassen, jetzt dagegen sind selbst christliche Politiker und Parteien zu Freiwild für klerikal-bischöfliche Bevormundungen geworden – allerdings nur in eine Richtung. Zwar sieht Woelki die Unterschichten- und Armutsproblematik, zeigt aber inquisitorische Härte gegenüber der AfD. Er selbst bestimmt, was Diskriminierung ist. Die Ausgrenzung, die er der AfD bezüglich des Islam vorwirft, betreibt er ihr gegenüber mit seinen Pauschalurteilen und seiner Gesprächsverweigerung7 selbst. Es ist schade, daß ausgerechnet ein hoher kirchlicher Amtsträger der bei unterschiedlichen Standpunkten informativen Debatte des Aufsatzbandes ein so rigoros-unbarmherziges Ende gibt. Anders hat der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer dagegen Bischöfe und Priester kürzlich ermahnt, sich von politisierenden Ausgrenzungen fernzuhalten und Menschen mit „kruden Auffassungen“ durch geduldige Überzeugungsarbeit zurückzugewinnen, ihnen nicht „durch die Verurteilung ganzer Parteien noch einen Fußtritt zu geben“8. In seinem Essay „Kirche als Moralagentur?“ hat auch der renommierte Berliner Soziologe Hans Joas zu bedenken gegeben: „Wichtiger als eine ausdrückliche oder stillschweigende Akzeptanz der Rolle als Moralagentur wäre es, wenn in den Kirchen ein anderer, brüderlicher oder geschwisterlicher Umgang auch und gerade mit den unvermeidbaren Differenzen in den politischen Einschätzungen herrschen würde. Die caritativen Leistungen der Kirchen können ebenso wie die Arbeit ihrer Bildungseinrichtungen und Schulen stärkere Wirkungen haben als demonstrative politische Präsenz.“9 Die Wählbarkeit von Parteien mit freiheitlich-demokratischen Grundsatzprogrammen (wer kennt sie schon?) liegt in der freien Entscheidung christlicher Laien, ist nicht eine Angelegenheit, die Kleriker oder kirchliche Verbände vorzugeben hätten. Man mag sie mögen oder nicht, gemessen an ihrem Grundsatzprogramm und vor dem Hintergrund aktueller Probleme ist die „Alternative für Deutschland“ (AfD) für überzeugte evangelische und katholische Christen eine durchaus sozialethisch mögliche Wahloption, auch wenn das – nicht nur im besprochenen Sammelband mit meist ablehnenden Stellungnahmen – kaum jemand zu äußern wagt.

 

Anmerkungen

1) Vgl. die schon nach der ersten Kanzlerschaft Merkels veröffentlichten CDU-kritischen Titel: Wolfgang Ockenfels, Das hohe C. Wohin steuert die CDU, Augsburg 2009; Martin Lohmann, Das Kreuz mit dem C. Wie christlich ist die Union?, Kevelaer 2009. Lohmann, der sich besonders im Lebensschutz engagiert, ist im September 2013 aus der CDU ausgetreten.

2) Band 1 war ein Streitgespräch zwischen dem islamkritischen Deutschägypter Hamed Abdel-Samad und dem liberalen Münsteraner Islamtheologen Mouhanad Khorchide „Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren“ (Freiburg 2016), besprochen in „Die Neue Ordnung“ 70, 3/2016, 237-239.

3) Max Weber, Der Beruf zur Politik, in: Ders. Soziologie, Universalgeschichtliche Analysen, Politik, Stuttgart (Kröner 229) 1973, 183f.

4) Vgl. dazu grundlegend Heiko Heinisch, Nina Scholz, Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?, Wien 2012 (besprochen in „Die Neue Ordnung“ 69, 1/2015, 77-79).

5) Werner Patzelt und Joachim Klose, Pegida. Warnsignale aus Dresden (Social Coherence Studies, Band 3), Dresden 2016.

6) Vgl. dazu auch Stefan Hartmann, Der Islam aus christlich-kritischer Sicht, Berlin (epubli) 2016 (Lit.!).

7) „Gespräche mit Personen, die Pegida-Demonstrationen organisieren oder auf ihnen sprechen, sind daher auszuschließen ebenso wie Gespräche mit AfD-Vertretern, die mit Bezügen zu extrem rechten diskriminierenden Positionen in Erscheinung getreten sind. In dem Maße, wie sich die AfD noch weiter radikalisiert, kommt ein Gespräch mit AfD-Vertretern immer weniger in Frage“ (188).

8) Voderholzer führte anläßlich des 4. Jahrestages seiner Bischofsweihe am 29.Januar 2017 im Regensburger Dom in einer Vesperpredigt, in der er sich auch zum Islam äußerte, u.a. aus: „Die Bischöfe und Priester sollten nicht zu schnell bestimmte politische Positionen in den Rang von Glaubenssätzen erheben und andere zu Häresien erklären. Gerade in der gegenwärtigen Debatte bezüglich der Herausforderungen durch die großen Migrationsbewegungen ist eine Pluralität von Positionen nicht von vorneherein verwerflich. Diejenigen, die sie dann auch öffentlich verantworten und sich auch wieder zur Wahl stellen müssen, sollten sie gut begründen können. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vaticanums sagt in Art. 43 ausdrücklich, daß es bei der Beurteilung konkreter politischer Entscheidungssituationen verschiedene legitime Auffassungen geben kann auch unter Christen, unter Katholiken. Und dies haben auch die Geistlichen zu respektieren. Sie dürfen nicht neutral sein, sondern so reden und das Evangelium mit seinem Anspruch vertreten, daß sie bei allen Parteien Gehör finden. Mein philosophischer Lehrer Jörg Splett spricht in diesem Zusammenhang von Utraquität. Zuständigkeit für alle, Hirte sein für alle, auch für die, die sich verirrt haben in krude Auffassungen. Sie zurückzugewinnen versuchen, wie Werner Patzelt es jüngst ausgedrückt hat, ihnen nicht durch die Verurteilung ganzer Parteien noch einen Fußtritt geben“ (http://www.bistumregensburg.de/news/bischof-voderholzer-islam-ist-eine-postchristliche-erscheinung-5196/ Abgerufen am 10.02.2017).

9) Hans Joas, Kirche als Moralagentur?, München 2016, 90.

 

Dr. theol. Stefan Hartmann wirkt nach langjähriger Tätigkeit in der Kranken-, Universitäts- und Pfarrseelsorge als freier Redner, Publizist und Dozent in Bamberg

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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