Hinweise zur Rechtfertigungslehre (http://petrusbruderschaft.de/media/Infoblaetter/alte_Ausgaben/2017_04.pdf)

Informationsblatt

der Priesterbruderschaft St. Petrus

April 2017

Hinweise zur Rechtfertigungslehre

Was meint „Rechtfertigung“ im Allgemeinen? Wie sehen diese Katholiken und Lutheraner? Einige Antworten auf diese Fragen.

P. DR. MARTIN LUGMAYR FSSP

Allgemein verstehen wir unter Rechtfertigung, dass wir uns mit Worten verteidigen, wenn uns jemand auf einen Fehler oder ein verkehrtes Verhalten aufmerksam macht. Wir erklären dem anderen, dass unser Verhalten durchaus sinnvoll ist und wir gute Gründe dafür haben. Oder wir erkennen, dass unser Verhalten nicht in Ordnung war, aber schildern dem anderen, warum wir in dieser Situation nicht anders konnten, und werben um Verständnis und Nachsicht bei dem anderen, indem wir unsere Entschuldigungsgründe darlegen. Im Verhältnis des Menschen zu Gott meint „Rechtfertigung“ das Geschehen, wodurch der Sünder vor Gott gerecht wird. Nicht der Mensch rechtfertigt sich, sondern Gott ent-schuldigt ihn. Wie dies sich ereignet, stand im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts. Beide Konfessionen, die katholische wie die evangelische, haben ihre Lehre schriftlich niedergelegt.

Erstere in den Lehren des Konzils von Trient (1545-1563), letztere 1580 in den „Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche“ (BSLK). Beide Konfessionen wollen der Schrift gerecht werden, insbesondere den Stellen: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16); das Evangelium als „Kraft Gottes für jeden Glaubenden“; „Gottes Gerechtigkeit nämlich wird in ihm offenbart, aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben“ (Röm 1,16f.); „Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist“ (Röm 3,21-24).

Wie geschieht nun nach katholischer Lehre die Rechtfertigung? Nach dem Sündenfall hatten alle Menschen die Unschuld verloren. Weder konnten die Heiden durch die Natur, noch die Juden durch das Gesetz sich aus diesem Zustand befreien. Aus Barmherzigkeit hat der Vater seinen Sohn gesandt und setzte ihn „als Versöhner ein, durch den Glauben, in seinem Blute zum Erweis seiner Gerechtigkeit (Röm 3,25), „für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1 Joh 2,2). Nicht aufgrund von Verdiensten des Sünders, sondern aus Gnade ergeht der Ruf Gottes an ihn, dass er sich auf die Rechtfertigung vorbereitet. Ablehnen kann er diese Gnade, positiv auf sie zugehen kann er nicht: „Wenn also Gott durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes das Herz des Menschen berührt, tut der Mensch selbst, wenn er diese Einhauchung aufnimmt, weder überhaupt nichts – er könnte sie ja auch verschmähen –, noch kann er sich andererseits ohne die Gnade Gottes durch seinen freien Willen auf die Gerechtigkeit vor ihm zubewegen“ (Denzinger-Hühnermann 1525).

In der Annahme dieser Gnade finden die Menschen zum Glauben, „dass wahr ist, was von Gott geoffenbart und verheißen ist, und vor allem dies, dass der Gottlose von Gott durch seine Gnade gerechtfertigt wird, »durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist« (Röm 3,24); ferner indem sie sich – wenn sie erkennen, dass sie Sünder sind, und sich von der Furcht vor der göttlichen Gerechtigkeit, durch die sie heilsam erschüttert werden, zur Besinnung auf die Barmherzigkeit Gottes bekehren“ (DH 1526). Der Sünder hofft auf diese, beginnt Gott zu lieben und seine Sünden zu hassen. Er nimmt sich vor, die Taufe zu empfangen und ein neues Leben zu beginnen, das die Beachtung der Gebote Gottes einschließt. Die Annahme der Gnade der Rechtfertigung geschieht durch den Glauben. Der Glaube ist „der Anfang des menschlichen Heiles, die Grundlage und Wurzel jeder Rechtfertigung“ (DH 1532). Nichts, was dieser an eigenem Tun vorausgeht, „verdient die Gnade der Rechtfertigung selbst; »wenn sie nämlich Gnade ist, dann nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre Gnade nicht mehr Gnade« (Röm 11,6)“ (ebd.). „Die so also Gerechtfertigten und zu »Freunden Gottes« sowie »Hausgenossen« (Joh 15,15; Eph 2,19) Gewordenen »schreiten von Tugend zu Tugend« (Ps 84,8) und »werden (wie der Apostel sagt) von Tag zu Tag erneuert« (2 Kor 4,16) … durch die Beachtung der Gebote Gottes und der Kirche; in dieser durch Christi Gnade empfangenen Gerechtigkeit wachsen sie – wobei der Glaube mit den guten Werken zusammenwirkt“ (DH 1535).

Christus lässt dabei „in die Gerechtfertigten selbst immerdar Kraft einströmen, eine Kraft, die ihren guten Werken immer vorangeht, sie begleitet und ihnen nachfolgt, und ohne die sie auf keine Weise Gott gefällig und verdienstvoll sein könnten“ (DH 1546). Daher sei es „ferne, dass ein Christenmensch in sich selbst sein Vertrauen setze oder sich in sich selbst rühme und nicht im Herrn (vgl.1 Kor 1,31; 2 Kor 10,17), dessen Güte gegenüber allen Menschen so groß ist, dass er will, dass ihre Verdienste seien, was seine eigenen Geschenke sind“ (DH 1548), d.h. nur als Geschenk können sie Verdienste sein. Wie ereignet sich die Rechtfertigung nach evangelisch-lutherischer Lehre? Der Mensch nach dem Sündenfall kann sich bemühen, irgendwie den Geboten der zweiten Tafel zu entsprechen, eine Erfüllung des ersten Gebots, Gott vollkommen zu ehren und zu lieben, ist ihm unmöglich. Melanchthon formulierte dazu eine Art Gewissensspiegel: „Wer nämlich liebt oder fürchtet Gott vollkommen? Wer erträgt vollkommen geduldig die ihm von Gott auferlegten Bedrängnisse? Wer zweifelt nicht häufig, ob das menschliche Geschick durch den Ratschluss Gottes oder durch Zufall geleitet wird? Wer zweifelt nicht häufig daran, ob er von Gott erhört wird? Wer ärgert sich nicht oft darüber, dass die Gottlosen ein besseres Schicksal als die Frommen haben, dass die Frommen von den Gottlosen bedrängt werden? Wer entspricht denn vollkommen seiner Berufung?“ (BSLK 194, 167).

Das Ziel der Rechtfertigung ist letztlich, dass der Mensch wieder allein Gott die Ehre gibt (soli Deo gloria). Möglich wird dies allein durch Christus. In der Rechtfertigung bekommt der Mensch Anteil an der Gerechtigkeit Christi, die nur aus Glauben, nicht aufgrund eines Werkes, empfangen werden kann. Glaube ist hier verstanden als vertrauende Annahme einer Verheißung, nämlich der Vergebung der Sünden durch Christus. „Die Gerechtigkeit des Glaubens besteht allein in der Sündenvergebung (aus reiner Gnade, wegen des Verdiensts Christi allein)“ (BSLK 927,25-27). Der Mensch kann sich dieses Glaubens nicht rühmen, weil dessen Annahme nur möglich wird durch das Wirken des Heiligen Geistes. Heiligung des Menschen, Tugenden und gute Werke sind innerlich mit der Rechtfertigung verbunden. „Weil der Glaube den Heiligen Geist herbeibringt und ein neues Leben in den Herzen gebiert, ist es notwendig, dass er geistliche Bewegungen in den Herzen gebiert. Welche das sind, zeigt der Prophet, wenn er sagt: ‚Ich werde mein Gesetz in ihre Herzen geben‘ (Jer 31,33). Nachdem wir also durch den Glauben gerechtfertigt und wiedergeboren sind, fangen wir an, Gott zu fürchten, zu lieben, zu bitten und Hilfe von ihm zu erwarten, Dank zu sagen und zu preisen, ihm in den Trübsalen zu gehorchen. Wir fangen an, den Nächsten zu lieben, weil die Herzen geistliche und heilige Bewegungen haben“ (BSLK 185,23-35).

Daher erfolgt die Mahnung: „Tut gute Werke, dass ihr bei dem Evangelio, bei eurem himmlischen Berufe bleibet, dass ihr nicht wiederum abfallet, kalt werdet, verlieret Geist und Gaben, die euch aus Gnaden durch Christum widerfahren sind“ (BSLK 316,18-22). Auch wenn der biblische Begriff „Lohn“ dem des „Verdienstes“ vorgezogen wird, steht fest: „Wir lehren, dass die guten Werke verdienstlich sind … für den Erhalt körperlichen und geistlichen Lohns in diesem Leben und nach diesem Leben“ (BSLK 198,13-15). Fazit: Die Darlegungen beschränken sich auf den „Moment“ der Rechtfertigung selbst. Die damit zusammenhängenden Fragen, wie Heilsgewissheit, Sündersein des Gerechten, Gnade und freie Mitwirkung, Gnade und Sakramente sowie Gnade und Kirche, müssten eigens bedacht werden.

Auch waren damals die gegenseitigen Verurteilungen nicht völlig gegenstandslos. Und doch kann man erahnen, dass nach vielen Gesprächen es möglich wurde, dass die Katholische Kirche und der Lutherische Weltbund am 31.10.1999 die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet ha- ben. Der von der Glaubenskongregation approbierte Anhang dazu stellt klar, „dass die früheren wechselseitigen Verurteilungen die katholische und die lutherische Rechtfertigungslehre, wie sie in der Gemeinsamen Erklärung dargestellt sind, nicht treffen“. So ist der Weg für weitere Gespräche eröffnet, die helfen können, die Spaltung der westlichen Christenheit zu überwinden.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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