Gauland: Publizist, Populist, Politiker (die-neue-ordnung.de)

Nr. 1/2017 Februar         71. Jahrgang

Ansgar Lange

Gauland: Publizist, Populist, Politiker

 

Als Staatssekretär in Hessen Ende der 1980er Jahre galt Alexander Gauland als Mann für den Hintergrund, für die erste Reihe nicht geeignet. „Walter Wallmann hatte ihm gesagt, er sei ein guter Beamter, aber leider könne er nicht auf Menschen zugehen, werde nie Wahlkampfreden halten können. Als Politiker wäre er deshalb ungeeignet“, so Markus Wehner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Mittlerweile scheint Gauland seinen früheren Mentor widerlegt zu haben. Nach 40 Jahren kündigte er seine Mitgliedschaft bei der CDU und war Gründungsmitglied der Euro-kritischen Wahlalternative 2013. Heute ist er Stellvertretender Sprecher der Alternative für Deutschland (AfD) und Landesvorsitzender der AfD in Brandenburg. Mit 75 Jahren steht er auf dem Zenit seines politischen Erfolges und gilt als Grandseigneur der Bewegung, die rechts von CDU und CSU entstand. Flirts mit anderen rechtspopulistischen Parteien in Europa ist er nicht abgeneigt. Doch wer ist dieser „freundliche Scharfmacher“ (Der Tagesspiegel), der ja seit Beginn der 1970er Jahre als politischer Publizist und seltener Fall eines konservativen Intellektuellen tätig war, der über Jahrzehnte auch vom politischen Gegner geschätzt wurde? Gibt es in seinem journalistischen Werk Indizien dafür, warum sich dieser ehemalige CDU-Vordenker „vom Publizisten zum Populisten“ (Die Zeit) mauserte? Gaulands Tätigkeit als Autor begann mit seiner 1971 erschienenen völkerrechtlichen Dissertation „Das Legitimitätsprinzip in der Staatenpraxis seit dem Wiener Kongreß“. Fortan verfaßte er verschiedene Bücher mit Titeln wie „Gemeine und Lords. Porträt einer politischen Klasse“, „Helmut Kohl. Ein Prinzip“, „Das Haus Windsor“ und „Anleitung zum Konservativsein“. Nach seiner Zeit als Staatssekretär in der hessischen Staatskanzlei unter dem konservativen Ministerpräsidenten Walter Wallmann (CDU) war er Herausgeber und Geschäftsführer der Märkischen Allgemeinen in Potsdam.

Auch bei den Linken wohlgelitten

Der anglophile Gauland (mit einer Schwäche für Tweed-Jackets und britische Autos) brachte das Kunststück fertig, in den unterschiedlichsten Medien zu publizieren. Er war ein konservativer Publizist, „den auch die Linken lobten“ (FAZ). Seine Artikel, Aufsätze, Porträts und Kommentare erschienen in der linken tageszeitung und im Sponti-Magazin Pflasterstrand genauso wie im rechtskonservativen Criticón von Caspar von Schrenck-Notzing. Auch in der Frankfurter Rundschau, in der FAZ, in der Welt und im Tagesspiegel wurden seine nonkonformistischen und süffig geschriebenen Beiträge gedruckt.

In den 1989 bei Suhrkamp erschienenen Porträts englischer Denker und Politiker der vergangenen drei Jahrhunderte äußert sich Gauland stellenweise auch zur aktuellen Politik. Geistige Führung sei „keine politische Phrase“, schreibt er in „Gemeine und Lords“, während er sich von „jener öden Funktionärsherrschaft“ abgrenzt, „die sich im 20. Jahrhundert in allen Parteien breitgemacht hat“. Eine gewisse antikapitalistische Grundhaltung und Wendung „gegen die Ökonomisierung des Politischen“ wird damals schon deutlich. Heute scheut sich der AfDMann nicht, im Wählerlager der Linkspartei zu fischen. Mit einer gewissen gutsherrlichen Attitüde widmet er sich inzwischen als Politiker den „kleinen Leuten“, so wie er früher als Publizist ein besonderes Augenmerk auf sie hatte, sozusagen aus der Sicht der englischen Oberschicht.

Im Porträt Churchills könnte man auch ein verstecktes Porträt des AfD-Anführers entdecken, der seit seinem 72. Lebensjahr seinen ersten richtigen politischen Frühling erlebt und öffentliche Auftritte sichtbar genießt: „Doch Churchills Stärke war zugleich seine Schwäche. Seine Lust an der theatralischen Aktion, am großen Abenteuer mehrte bei Freunden wie Gegnern den Verdacht, daß es ihm nicht um Prinzipien, sondern allein um den Auftritt gehe.“ Wenn es Gauland vor allem um Prinzipien ginge, dann würde er sich schärfer vom Front National und der allzu platten, zugespitzten und pauschalisierenden Islam-Kritik seiner Partei distanzieren. Denn mit der Aussage, daß es keinen Euro-Islam gebe und diese Religion nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei, ist letztlich eine Kampfansage an alle in Deutschland lebenden Muslime ausgesprochen – egal, wie sie ihre Religion ausüben. In seinem 2002 erschienenen Essay „Anleitung zum Konservativsein“ äußerte sich der wendige Denker noch anders: „Mit dem Islam steht uns nach der Säkularisierung des Westens und dem Untergang des Kommunismus die letzte geschlossene geistige Kraft gegenüber, die wir in ihrem Eigenwert respektieren und der wir ein Recht auf autonome Gestaltung ihres Andersseins zugestehen müssen“.

Konstanten im Denken

Das Denken Gaulands weist aber durchaus Konstanten auf. Damals wie heute sind die Feindbilder seines Konservatismus „die zunehmende Ökonomisierung“, der „Multikulturalismus“ und „die Globalisierung von Markt und Menschenrechten“. Daß die AfD so erfolgreich gerade im Lager der Modernisierungsverlierer fischt (im Osten Deutschlands, bei der Linkspartei und bei der SPD), hängt auch mit Gaulands Denken zusammen, der sich schon als noch wohlgelittener Publizist gegen eine reine Marktideologie wandte: „Denn die Eine-Welt-Ideologie, der Traum von einer durch die Globalisierung demokratisch wiedervereinigten Menschheit, ist nicht weniger utopisch und keine geringere Gefahr für die historische Existenz von Staaten und Völkern als der untergegangene sozialistische Wahn.“ Reinen Verfassungspatriotismus findet der Autor blutleer. Halt fänden die Menschen in gemeinsamen Glaubensüberzeugungen, ethischen Bedenklichkeiten, Tabus und kulturellen Traditionen, in nationalen Vorurteilen und ethnischen Begrenzungen, traditionellen Lebenswelten und religiösen Tabus. Zuwanderung, so Gauland schon 2002, müsse der „kulturellen Verdauungsfähigkeit einer Gesellschaft“ angepaßt werden. Auch Gaulands Amerikakritik ist eine wichtige Konstante.

Der Putin- und Rußland-Versteher kritisiert einen vermeintlich imperialen Anspruch der amerikanischen Außenpolitik, die multiethnische und multikulturelle Gemeinschaften in Europa durchsetzen wolle. Viel Verständnis zeigte der westdeutsche Konservative schon in seinem Konservatismus-Büchlein für die Menschen in den neuen Bundesländern, die sich nach der „Heimat DDR“ sehnten. Davon profitiere die PDS, die nicht die Schattenseiten des Regimes in der DDR mit Mauer und Schießbefehlt erwähnt, sondern daran erinnere, daß die DDR auch „auf ihre autoritäre Weise eine neue Heimeligkeit und Übersichtlichkeit produziert habe“. Genau dies will Gaulands AfD heute all denen in Ost- und Westdeutschland bieten, die sich nach der vermeintlich guten alten Zeit sehnen. Alexander Gauland mag über die Jahrzehnte politisch radikaler geworden sein, was aber auch damit zusammen hängen mag, daß er bis zu seinem 70. Geburtstag mehr oder weniger das eher geruhsame und kontemplative Leben eines Intellektuellen führen konnte, während er seitdem wahrscheinlich mehr Zeit in Talkshows und bei Parteiveranstaltungen als am heimischen Schreibtisch verbringt. Aber die Grundzüge seines Denkens haben sich nicht gewandelt.

Es macht eben einen Unterschied, ob man sich als freischwebender Intellektueller oder als verantwortlicher Politiker zur Tagespolitik äußert. Als CDU-Intellektueller – einer Spezies, die ja nicht unbedingt häufig anzutreffen ist – genoß Gauland eine gewisse Narrenfreiheit, weil er auch in linken Publikationen zur Feder griff und zum Beispiel mit dem verstorbenen Generalsekretär der brandenburgischen SPD, Klaus Ness, einen Politischen Salon betrieb, in dem er politische Bücher vorstellte. Schon als Publizist war Gaulands Konservatismus rückwärtsgewandt. Rezepte für die Zukunft: eher Fehlanzeige. Daran hat sich nicht viel geändert, denn die Zukunftskonzepte der AfD sind allerhöchstens vage. Und wenn sie nicht vage sind, dann erscheinen sie mitunter gefährlich. In seinem Buch „Die Deutschen und ihre Geschichte“ hat Gauland geschrieben, daß die Schlüsselworte der westdeutschen Gesellschaft Stabilität und Konsens gewesen seien. Die Geschichte der Bundesrepublik sei historisch gesehen „eine ununterbrochene Erfolgsgeschichte“ gewesen. Der Berufspolitiker Gauland und seine Bewegung laufen nun Gefahr, diese bundesrepublikanische Stabilität zu gefährden. Doch schuld daran sind nicht nur die Lust an der politischen Provokation und der großen Bühne, die einem Mann weit jenseits der 70 geboten werden. Schuld an dieser Entwicklung tragen auch weite Teile der Politik und der Medien, die immer weniger zu wissen scheinen, was „die Menschen da draußen im Lande“ wirklich bewegt. Und schuld daran trägt natürlich auch nicht unwesentlich der von Angela Merkel bestimmte Kurs der CDU, die Gauland in einem Artikel für die Welt als Ruinenpartei deklarierte:

Die Union hat ihre Inhalte verloren. Sie wirkt wie eine antike Ruine – von außen noch prächtig anzuschauen, aber innen wüst und leer.“ Gauland, der sich jüngst im Interview mit Christ & Welt als nicht gläubig im Sinne eines Kulturchristentums bekannte, verortet seine Partei dezidiert als nicht christliche Partei: „Wir sind eine deutsche Partei, die sich bemüht, deutsche Interessen wahrzunehmen.“ Die AfD verteidige nicht das Christentum, „sondern das traditionelle Lebensgefühl in Deutschland, das traditionelle Heimatgefühl“. Schaut man sich die Äußerungen an, die Gauland als geachteter Publizist und als geächteter Politiker getätigt hat, fallen außer einer gewissen Radikalisierung im Denken keine allzu großen Unterschiede auf. Sein Konservatismus war schon immer mehr oder weniger aufs Bewahren beschränkt. Die Praxistauglichkeit seines Denkens ist begrenzt. Früher galten seine Artikel als konservative Duftmarken, die man auch in liberalen oder linken Blättern tolerierte. Heute wirken seine Äußerungen, garniert mit einer Prise Populismus und Radikalität, nicht nur weniger charmant, sondern unverändert nicht gemacht für den politischen Praxistest. „In Deutschland hat sich ein Hang zur Intoleranz breitgemacht. Denn bei allen demokratischen Debatten geht es immer wieder darum, die vom Mainstream abweichende Position ins moralische Aus zu drängen“, schrieb Gauland 2012 im Tagesspiegel. In dieses moralische Aus hat sich der Politiker und Jaguar-Fahrer selber manövriert. Wäre er Publizist geblieben, gälte er vielleicht heute noch als „konservativer Achtundsechziger“, der wie wenige „die etablierten Links-Rechts-Koordinatensystem zugleich“ (Michael Stürmer) verachte und transzendiere.

Ansgar Lange ist CDU-Fraktionsgeschäftsführer in Remscheid und wirkt als freier Publizist in Bonn.

 

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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