„Selbstzerstörung der Kirche“ (die-tagespost.de)

„Selbstzerstörung der Kirche“

Zweck der Zelebration oft unbekannt – Kardinal Sarah übt scharfe Kritik an der nachkonziliaren Entwicklung.

Von Regina Einig

Der Präfekt der römischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Robert Kardinal Sarah. Foto: kna

Herzogenrath (DT) Robert Kardinal Sarah, Präfekt der römischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, hat die Umsetzung der nachkonziliaren Liturgiereform scharf kritisiert. Zugleich bescheinigte er der katholischen Kirche eine schwere Glaubenskrise. „Wir können unsere Augen nicht vor dem Desaster, der Verwüstung und dem Schisma verschließen, die die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie verursacht haben, indem sie die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten“, erklärte er in einem Referat, das aus Anlass des zehnten Jahrestags der Veröffentlichung des Motu proprio Summorum Pontificum am Freitag bei der Internationalen Liturgischen Tagung in Herzogenrath in seiner Abwesenheit verlesen wurde. Moderne Förderer der Liturgie haben Sarahs Darstellung zufolge vergessen, dass die liturgische Handlung nicht nur ein Gebet, sondern vor allem ein Mysterium ist. Dabei vollziehe sich etwas, das die Gläubigen „zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen müssen“.

Ursache der liturgischen Probleme ist aus Sicht des Präfekten der Gottesdienstkongregation eine schwere Glaubenskrise „nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“. Die Folge sei ein unzureichendes Verständnis des heiligen Geschehens. Kardinal Sarah zeigte sich besorgt über die Unfähigkeit, „die eucharistische Liturgie als ein Opfer zu begreifen, als die ein für alle Mal durch Jesus Christus vollbrachte identische Handlung, die das Kreuzesopfer auf unblutige Weise überall in der Kirche durch alle Zeiten, an allen Orten, Völkern und Nationen gegenwärtig setzt.“ Unwürdige liturgische Feiern sind nach Einschätzung des Kurienkardinals keine Seltenheit. „Oft neige man dazu, die heilige Messe frevelhafterweise auf ein einfaches Gastmahl zu reduzieren, auf die Feier eines profanen Festes und auf eine Selbstzelebration der Gemeinschaft.“ Als noch schlimmer empfindet der Präfekt der Gottesdienstkongregation liturgische Feiern, die ablenken sollen von der Angst vor einem sinnlos scheinenden Leben oder von der „Furcht, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, weil sein Blick entlarvt und uns dazu zwingt, die Hässlichkeit unseres Inneren in aller Wahrheit und unabgelenkt zu schauen“.

Viele Menschen, so Kardinal Sarah, wüssten nicht, worin der Zweck jeder Zelebration bestehe. Dass das Konzil gelehrt habe, dass Gott in der Liturgie vollkommen verherrlicht und die Menschheit geheiligt werde, sei den meisten Gläubigen – Priester und Bischöfe eingeschlossen – nicht bekannt. Auch wüssten viele nicht, „dass die wahren Gottesverehrer nicht diejenigen sind, die die Liturgie nach ihren Vorstellungen und nach ihrer Kreativität reformieren, um daraus etwas zu gestalten, was der Welt gefällt – sondern es sind diejenigen, die mit dem Evangelium die Welt gründlich umgestalten“. Als Ursache für die „schwerwiegende und tiefgreifende Krise, die seit dem Konzil die Liturgie und die Kirche selbst erschüttert“ sieht Kardinal Sarah, dass im Zentrum der Kirche nicht mehr Gott und seine Anbetung, sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit, etwas zu „tun“, stünden, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen.

Mit Nachdruck wendet sich der Präfekt der Gottesdienstkongregation gegen den mangelnden Realitätssinn vieler Geistlicher: Eine Vielzahl unterschätze auch heute noch die schwerwiegende Krise, die die Kirche durchmache. Als Symptome dieser Krise nennt Kardinal Sarah: den Relativismus bei der Vermittlung der Glaubens- und Morallehre, schwere Missbräuche, die Entsakralisierung und Banalisierung der heiligen Liturgie sowie die rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche. Wörtlich erklärte der Kardinal: „Viele Menschen weigern sich, dem Werk der Selbstzerstörung der Kirche durch sie selbst durch den geplanten Abriss ihrer dogmatischen, liturgischen, moralischen und pastoralen Fundamente ins Angesicht zu schauen. Obwohl sich die Stimmen der hochrangigen Kleriker häufen, die hartnäckig offensichtliche dogmatische, moralische und liturgische, doch schon hundertmal verurteilte Irrtümer behaupten, und damit an der Zerstörung des wenigen Glaubens, der noch im Volk Gottes verblieben ist, mitwirken – und obwohl das Boot der Kirche das stürmische Meer dieser dekadenten Welt durchpflügt und die Wellen so sehr auf das Boot einpeitschen, dass es bereits mit Wasser gefüllt ist –, schreit eine wachsende Anzahl von Geistlichen und Gläubigen: ,Alles klar (auf dem sinkenden Schiff)…“

Aus Sicht des Präfekten der Gottesdienstkongregation hat sich die Kirche nach dem Zweiten Vatikanum von ihren christlichen Wurzeln abgeschnitten: „Man wirft dem politischen Europa vor, seine christlichen Wurzeln aufzugeben oder zu verleugnen. Doch wer zuerst seine christlichen Wurzeln und seine christliche Vergangenheit aufgegeben hat – das ist mit Sicherheit die nachkonziliare katholische Kirche.“

Der Kardinal sieht auch die Bischöfe in der Verantwortung für die Missstände: „Manche Bischofskonferenzen lehnen es sogar ab, den lateinischen Originaltext des römischen Messbuches getreu zu übersetzen. Manche von ihnen nehmen für sich in Anspruch, dass jede Ortskirche das römische Messbuch nicht gemäß dem heiligen Erbe der Kirche und nach dem Verfahren und den durch Liturgiam authenticam angegebenen Richtlinien übersetze, sondern nach den Launen, den Weltanschauungen sowie den geeigneten kulturellen Ausdrucksformen, so heißt es, um vom Volk verstanden und akzeptiert zu werden.“ Das Evangelium und die Offenbarung selbst, so Kardinal Sarah, würden „neu interpretiert“, „kontextualisiert“ und der dekadenten westlichen Kultur angepasst (Siehe Bericht auf Seite 5).

So offen und schonungslos wie gerade noch für ihn möglich geht, der von mir sehr geschätzte, Kardinal Sarah im Ansatz an eine Ursachenanalyse heran. Als Missetäter benannte er „moderne Förderer einer lebendigen Liturgie“, als Ergebnis „Desaster, Verwüstung, Schisma“. Soweit, so korrekt.

Bemerkenswert übrigens, dass 50 Jahre nach „dem Konzil“ mit seinem, von seinen Verfechtern beinahe zwanghaft-neurotisch herbeigeredeten, Leitbild des mündigen, den Gottesdienst aktiv gestaltenden modernen Gläubigen“ „viele Menschen nicht wissen, worin der Zweck jeder Zelebration besteht“…

Als Ursache für die „schwerwiegende und tiefgreifende Krise, die seit dem Konzil die Liturgie und die Kirche selbst erschüttert“ sieht Kardinal Sarah, dass im Zentrum der Kirche nicht mehr Gott und seine Anbetung, sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit, etwas zu „tun“, stünden, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen.

In der Tat lautet die Schlüsselfrage für jeden einzelnen Gläubigen, ob der Glaube theozentrisch oder anthropozentrisch ist. Ist er ersteres, betet er Gott an (und fragt: was muß ich tun, um gerettet zu werden?), ist er letzteres, betet er den Menschen an (und fragt: Was kann Gott sonst für mich tun? Retten kann ich mich selbst). Wenn Gott dem Menschen offenbart hat, wie er von ihm verehrt werden will, dann hat der Mensch sich daran zu halten und nichts zu „gestalten“. Argumentiert man hingegen anthropozentrisch, sprechen wir von einer anderen Religion, nicht mehr vom katholischen Glauben.

Doch wo hat man die Ursache für die „schwerwiegende und tiefgreifende“ Krise zu suchen, welche „seit dem Konzil die Liturgie und die Kirche selbst“ erschüttert? Einen wertvollen Hinweis gibt er, indem er unterstreicht, die „nachkonziliare katholische Kirche“ habe ihre „christlichen Wurzeln samt christlicher Vergangenheit“ aufgegeben. Dem wird man objektiv zustimmen müssen: die erfolgreich „verheutigte“ Kirche hat kaum mehr Ähnlichkeit mit der Kirche aller Zeiten, weder liturgisch, noch pastoral. Richtigerweise konstatiert der Kardinal, „dass wahren Gottesverehrer nicht diejenigen sind, die die Liturgie nach ihren Vorstellung und nach ihrer Kreativität reformieren, um daraus etwas zu gestalten, was der Welt gefällt“.

Aber mit Verlaub, Eminenz, dürfen sich denn die kreativen Gestalter bei ihren Umtrieben nicht völlig zurecht auf mehrdeutige Konzilsdokumente berufen? Ja, sind diese denn nicht gezielt mit Blick auf ihre Mehrdeutigkeit genauso und nicht anders formuliert worden?

Sieht man sich beispielsweise die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ näher an, geht diese unbestreitbar von der regelhaft zu gebrauchenden lateinischen Kultsprache aus, in ihr ist weder etwas von der „Umgestaltung“ des Kirchenraums mit Volksaltar, herausgeworfener Kommunionbank etc. samt Mundkommunion und regelhaft in Landessprache gehaltenem Gottesdienst zu finden. Dies alles ist, wie bereits Kardinal Ratzinger 1998 klarstellte, „aus Geist und Buchstaben des Konzils keineswegs abzuleiten“ (Hitchcock, James: Kontinuität und Bruch in der Liturgie, in: Hauke, Manfred (Hrsg.) Papst Benedikt XVI. und die Liturgie, 2014, Seite 87).

Soweit, so gut, aber: im „Staudamm“ der besagten Konzilskonstitution sind gezielt „Haarrisse“ angebracht worden: die Zulassung der Muttersprache in der Liturgie und die Aufwertung der Wortverkündigung in der Liturgie (SC 36); die Forderung nach Vereinfachung der Riten (SC 34); Zulassung der Kelchkommunion (SC 55); die klare Bevorzugung der Feier in Gemeinschaft vor der privaten Feier (SC 27); die Forderung nach einem Konzelebrationsritus (SC 57 und 58); die Wiederbelebung der Fürbitten (SC 53), die zu beachtende „volle und tätige Teilnahme“ des ganzen Volkes (SC 14), die Charakterisierung der Tätigkeit von Ministranten, Lektoren, Kirchenchöre als „liturgischen Dienst“ (SC 29) oder die Darbringung der unbefleckten Opfergabe der Christgläubigen „nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm“ (SC 48).

Für mich kleide ich dies in das Bild eines Staudammes und sage mit dem brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho: „Lässt man nur den geringsten Haarriss zu, durch den das Wasser dann dringt, wird der Damm irgendwann brechen, und niemand wird die Gewalt der Wassermassen kontrollieren können“ (Quelle: http://natune.net/zitate/zitat/7970).

Wurde auch noch in den 70ern und 80ern die Messe würdig gefeiert, da sich sowohl Priester als auch die überwiegende Mehrzahl der Gottesdienstbesuchter unwillkürlich an der überlieferten Messe orientierten – und damit für sich persönlich die bequeme und ungemein beruhigende Fiktion „es ist ja eigentlich großartig nichts Neues passiert“ schufen – , so wurden bereits damals von den Bischöfen „liturgische Experimente“ geduldet und die Jugend gezielt mit der „Gestaltungsmöglichkeiten“ eines Gottesdienstes gelockt. Die vorkonziliar geprägten „Alten“ starben, standen verbittert abseits oder gingen gleich zur FSSPX; die „neugeformten“ Pfarrer begannen, mit den vormals (und nun ins mittlere Alter vorrückenden) Jugendlichen als unermüdliche Laienspielschar nunmehr als sonntäglichen Regelfall „Liturgie zu gestalten“.

Schlag nach beim profiliertesten Vertreter der nachkonziliaren Liturgiereform in Deutschland, Emil J. Lengeling (1916 – 1986): „Manches musste sicherlich in den Jahren vor dem Konzil und in den beiden ersten Konzilssessionen zurückhaltend, beinahe verklausuliert formuliert werden, wenn man die möglichst einmütige Zustimmung zum ganzen erhalten wollte. Dabei ist es in der Formulierung gelungen, Türen zu Entwicklungen offen zu halten, für die auch in der letzten Konzilssession sicherlich keine 2/3 Mehrheit erreichbar gewesen wäre“ (Lengeling, Liturgisches Jahrbuch, zit. nach Schüler, a.a.O., Bd.2, S. 1122).

Vor diesem Hintergrund hat Kardinal Sarah bisher wohl nur die ersten gedanklichen Schritte seiner Ursachenanalyse veröffentlicht

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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Eine Antwort zu „Selbstzerstörung der Kirche“ (die-tagespost.de)

  1. francomacorisano schreibt:

    Die größten Probleme hat die Katholische Kirche in Deutschland.
    Komisch, oder?!?

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