Europa und die Einwanderung: Eine Asymmetrie der Menschenbilder (die-neue-ordnung.de)

Nr. 1/2017 Februar         71. Jahrgang

 

Astrid Meyer-Schubert

Europa und die Einwanderung

Eine Asymmetrie der Menschenbilder

Da Europa in den Bereichen der Kultur und seiner Geschichte nicht mit den Vereinigten Staaten von Amerika verglichen werden kann, ist es unmöglich, von einem Einwanderungskontinent zu sprechen. Staaten und Nationen wie England, Frankreich, Deutschland, Polen, Italien u.v.a., kurz: Nord- West-, Mittel-, Ost- und Südeuropa haben über lange Zeiten hin gewachsene Kulturen, die schließlich ihren Zusammenhalt über die Religion des Christentums fanden. Das Christentum gab diesem Kontinent seine Wertigkeit, aus ihr heraus bekam der europäische Humanismus seine ganz eigene Note. Aus diesem Grund sind die sogenannten ‚Europäischen Werte‘ ohne die christliche Religion nicht denkbar. Zielen gewisse Artikel der Europäischen Menschenrechtskonvention (1950) im Gefolge der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) auf die Würde des einzelnen Menschen ab, auf seine Denk-, Meinungs- und Religionsfreiheit, so befürworten sie ein Menschenbild, dem die Vorstellung einer Selbstverantwortlichkeit und Entscheidungsfreiheit als Individuum zugrunde liegt. Das Recht der einzelnen menschlichen Existenz ist zu würdigen, der Einzelne von und vor dem Staat zu schützen, vorausgesetzt es schadet weder der Gemeinschaft noch der Gesellschaft.1 Um diese Rechte zu wahren und zu verteidigen, müssen andere Kulturen, die sich in Europa verbreiten wollen, genauer betrachtet werden. Dabei zeigt sich immer wieder, daß der Islam das Abendland bzw. Europa zusehends bekehren möchte. Die Kairoer Menschenrechtserklärung, welche im Jahre 1990 aus der Taufe gehoben wurde, hat den Anspruch, eine weltweite Führung bezüglich der „verwirrten Menschheit“ zu übernehmen: „Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen die kulturelle und historische Rolle der islamischen Umma, die von Gott als die beste Nation geschaffen wurde und die der Menschheit eine universale und wohlausgewogene Zivilisation gebracht hat, in der zwischen dem Leben hier auf Erden und dem im Jenseits Harmonie besteht und in der Wissen mit Glauben einhergeht; und sie betonen die Rolle, die diese Umma bei der Führung der durch Konkurrenzstreben und Ideologien verwirrten Menschheit und bei der Lösung der ständigen Probleme dieser materialistischen Zivilisation übernehmen sollte; (Absatz) sie möchten ihren Beitrag zu dem Bemühen der Menschheit leisten, die Menschenrechte zu sichern, den Menschen vor Ausbeutung und Verfolgung zu schützen und seine Freiheit und sein Recht auf ein würdiges Leben in Einklang mit der islamischen Scharia zu bestätigen.“2

Umma und Scharia sind dem europäischen Rechts- und Staatsempfinden völlig konträr. Erstere bezeichnet eine Gemeinschaft mit religiösem Fundament, das durch die Worte Mohammeds, des Koran und der Hadithen begründet wurde. Das arabische Stammes- bzw. Clandenken ist Auffangbecken der religiösen Inhalte, während die Scharia das islamische Recht benennt, welches sich ebenfalls aus dem Koran ableitet. Das Leben des einzelnen wird gesetzlich geregelt, Gesetze werden von der Scharia bestimmt, die Trennung zwischen Religion und Staat gibt es nicht. „Auf der einen Seite wird vom Gläubigen nicht ein Verzicht auf weltliche Güter und Freuden verlangt, auf der anderen Seite aber wird nichts in dieser Welt sich selbst überlassen, nichts ist unter religiösem Gesichtspunkt neutral. Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Es gibt keine Zwei-ReicheLehre, keine Trennung von geistiger und weltlicher Herrschaft, und ebenso im Leben des Einzelnen: Es gibt keine Trennung von Gottesbeziehung und weltlichem Leben. Das bedeutet aber, daß jeder einzelne Lebensvollzug einen religiösen Aspekt hat und folglich einer religiösen Regelung unterliegt.“3 Dagegen sind die europäischen Menschenrechte geprägt von einer liberalen Haltung, von einem Humanismus, der, vom Christentum beeinflußt, der Trennung von Staat und Religion den Vorrang gibt.4 Hier wird der Mensch, gleichgültig aus welchem kulturellen und religiösen Raum er stammt, als Mensch anerkannt. Die primären Rechte jedes einzelnen sind Freiheit und Gleichheit, kein Mensch ist dem anderen gegenüber von höherem Wert und vor allem sei die Würde des Individuums, gleich welchem Kulturkreis es angehört, nicht anzutasten, weder durch den Mitmenschen noch durch die Gesellschaft oder den Staat. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, unter deren Einfluß die EMRK steht, stellt also den einzelnen Menschen als Menschen in den Vordergrund, und zwar in seiner Würde und Freiheit. Alles, was menschliches Antlitz trägt, ist mit gleichen Rechten ausgestattet. Dieses Denken setzt die Auffassung der Aufklärung voraus, daß alle Menschen mit Vernunft begabt und deshalb zu Eigenverantwortlichkeit und sozialem Handeln fähig sind. Es liegt hier ein liberales Menschenbild vor, das dem Einzelnen in seinem Welthaben eine rücksichtsvolle Behandlung zugesteht. Die Einzigkeit des jeweiligen Individuums wird vorausgesetzt, mit „Vernunft und Gewissen begabt … sollen (die Individuen) einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“5 Formuliert werden diese Menschenrechte im Geiste eines formalen Liberalismus, der dem einzelnen seinen Freiraum lassen will und davon ausgeht, daß die Rücksichtnahme gegenüber dem Mitmenschen seiner Natur eingepflanzt ist. Der Islam hingegen stellt die Person in den Dienst Allahs, eines strengen und patriarchalen Gottes, welcher den Menschen nur im Rahmen seines Glaubens anerkennt. Gerichtet wird der einzelne im Namen Allahs, das Leben bis in die Intimität hinein geregelt. Das diesem Glauben zugrundeliegende Menschenverständnis wird von den Vorstellungen und Vorgaben des Religionsgründers Mohammed geformt. Ohne die Ausrichtung seines Verhaltens nach den Vorschriften des islamischen Rechts hat der Mensch sein Menschenrecht verloren. Der Mensch ist also nur ein solcher, wenn er Muslim ist, als Atheist, Christ oder Jude kann er als Mensch nur geduldet werden. Der islamische Mensch ist nur bedingt Mensch. Sein Menschsein wird durch religiöse Inhalte bestimmt, das menschliche Antlitz allein genügt nicht. Er hat der Lehre Mohammeds zu folgen. Das in einem ‚Regelkanon‘ aufgehende Leben in dieser Religion (egal welcher Strömung) verhindert die Freiheit der Person ebenso wie es mit der Trennung zwischen Religion und Staat nicht umgehen kann. Der Mensch ist nicht nur Allahs Produkt, sondern muß sich in seinem Tun durch Belohnung und Strafe beherrschen lassen. Der soziale und biologische Druck auf das Clandenken unterbindet ein kritisches Nachdenken des Einzelnen, wobei hervorzuheben ist, daß der Clan die existentielle Grundbedingung der Menschheit, nämlich das Individuum, so wie es die europäische Geschichte hervorgebracht hat, nicht kennt. Der Formalismus des abendländischen Menschenbildes hat aber auch seine Schattenseiten. Wegen seiner Inhaltslosigkeit nimmt europäisches Mainstreaming eine einladende Haltung an und begrüßt ‚alle Menschen‘, die nach Europa wollen. Diese Offenheit und Grenzenlosigkeit in der Begegnung Europas mit außereuropäischen Lebensformen gerät zur Absurdität, wenn das Insistieren auf Einhaltung der eigenen Spielregeln ins rechtsnational faschistoide Eck gedrängt und damit diskriminiert wird.

Es ist nämlich genau dieses Menschenbild, das als Einfallstor von anderen Kulturen, in diesem Fall der islamischen, genutzt wird, um Rechte durchzusetzen, welche die europäischen Rechtsgrundlagen kippen könnten. Die Gefahr kultureller Selbstauflösung bleibt dadurch ebenso unerkannt wie die Verwechslung demokratischer Offenheit für Multikulturalität mit Selbstaufgabe. Die Tür zum europäischen Haus kann, wenn um Einlaß gebeten wird, unter der Bedingung einer wahrhaftigen Anerkennung unserer rechtsstaatlichen Institutionen geöffnet werden. Die Wahrhaftigkeit zeigt sich aber erst in einer ‚Anähnlichung’ an unser Denken und Fühlen und nicht in der Beibehaltung des islamischen Menschenbildes, das für Europa inakzeptabel ist. Unsere gesamte Rationalität und Sinnlichkeit grenzt sich scharf gegen eine orientalisch sozialisierte Leiblichkeit ab. Menschliches Handeln äußert sich körperlich. Gleichzeitig wird alle Idealität aber auch über den Körper verwirklicht, der körperliche Habitus entsprechend geformt. Die jeweilige Körperlichkeit einer Gesellschaft bzw. Gemeinschaft gibt Aufschluß über deren Idealität und Sinngehalt bzw. religiöse Beschaffenheit. Durch das Übergewicht einer islamfreundlichen Migrationspolitik, die im medienpolitischen Opportunismus mit scheinbarem rechtsstaatlichen und demokratischen Anspruch die eigene Bevölkerung nicht mehr zu vertreten weiß, wird es zur Pflicht des verantwortungsvollen Intellektuellen, sich über kompromißloses Schreiben und Reden als ein Sprachrohr der bisher schweigenden Mitte zu definieren. Um in einer Welt des oberflächlichen Wortes, einer medialen Diktatur und eines aus Gutmenschen bestehenden politischen Mainstreams Gehör zu finden, sind neue intellektuelle Anstrengungen vonnöten. Der europäische Humanismus, der die Grundlage der Menschenrechte bildet, ist ohne die christliche Religion undenkbar – wir befänden uns sonst noch im alten Rom. Dank des Christentums und seiner Vertreter wurde Europa um einen humanen Aspekt reicher. Doch gedankt wurde es nicht. Denn die Wurzeln unserer heutigen Menschenrechte liegen im Christentum. Um der anhaltenden Beerdigung christlicher Werte ein Ende zu setzen, ist ihr Einfluß auf bestehende Lebensregeln ins Gedächtnis zu rufen. Angesichts der Konfrontation mit dem Islam sind die Europäer dazu verpflichtet, die oben genannten Begriffe neu zu durchdenken und sie in ihrem traditionsprägenden Sinn herauszuarbeiten. Unter anderem ist hier die Philosophie gefordert. Hat sie sich im Gefolge Hegels und nach dem Schock des Nationalsozialismus in den letzten Jahrzehnten zentral mit der negativen Dialektik Adornos beschäftigt, erwächst ihr nunmehr die Aufgabe, sich dem Identitätsbegriff erneut in seiner stabilen Bedeutung zuzuwenden.

Bei Adorno steht jegliche Identität unter Ideologieverdacht und wird mit dem Schlagwort ‚faschistoid‘ denunziert. Sich auf ihn zu berufen, kann für vorliegende Zwecke nicht weiterführen. Wie soll sich das Christentum beispielsweise als nicht-relativistischer, d.h. durch ein Absolutes definierter Glaube, in seiner Identität ausweisen können, wenn ihm permanent Identitätszwang unterstellt wird. So sagt Adorno: „Das Absolute jedoch, wie es der Metaphysik vorschwebt, wäre das Nichtidentische, das erst hervorträte, nachdem der Identitätszwang zerging.“6 Es versteht sich, daß jede Selbstfindung nicht nur über die unmittelbare Identität, sondern auch über die Rezeption des Anderen erfolgen muß. Der andere Mensch bedeutet jedoch zweierlei. Einmal ist es der Andere derselben Kultur, ein anderes Mal der Andere eines fremden Kulturkreises. Für uns heute ist die Bedeutung des Fremden im Anderen wesentlich, und zwar dort, wo das Fremde im Sinne des Unverfügbaren für die Eigenheit oder das Selbst bedrohlich werden kann, wo es um die Untergrabung der eigenen Existenz geht. Für jedes Ich ist gewiß das andere Ich ein Anderer. Das Du entsteht in der sozialen Annäherung an die andere Person, auch das schon mit unserer Zeugung gegebene Selbst formt sich in der Auseinandersetzung mit dem Anderen, was aber normalerweise innerhalb einer gesamtgesellschaftlichen Identität geschieht. Durch diese ist das Andere verstehbar, weil die Hauptmomente jeder Kultur verbindlich wirken, selbst wenn das andere Individuum zum Rätsel wird. Das Eigene, das Selbst interpretieren wir als letzten Punkt des Individuums, als Zentrum seines inneren psychischen und geistigen Raumes, in dem schon ein Telos vorgegeben ist, das sich in der Begegnung mit dem Anderen und in der Auseinandersetzung mit vorherrschenden kulturellen Werten je nach Eigenheit zeigt. Jedes Ich innerhalb einer Gruppe, die zu einer Nation heranwachsen kann, ja zu einem kontinentalen Gebilde, gibt ein Eigenes in der Formung dieser Gruppierung mit ihrer jeweils eigens geprägten Geistigkeit her. Für das Abendland, hier speziell Europa, ist es der humanistisch-aufgeklärte und christliche Gedanke, der seine Identität bestimmt, erworben durch jahrhundertelange Kämpfe, in der jeder einzelne zu jener Identität individuell beiträgt. Sein Denken und Fühlen ist über diese Kultur sozialisiert worden, hier hat sich das Individuum bis heute sein Recht und seine Freiheit erarbeitet, die es jetzt auch verteidigen muß. Das Fremde, das ebenfalls im eigenen Kulturkreis existiert, wird aber durch die kulturelle Identität diszipliniert, d.h. mit Hilfe der Sprache, einer speziellen Lebensform und der gemeinsamen Geschichte bzw. Religion und dadurch mit dem sozialen Leben verträglich. Dies Problem ist in der europäischen Menschenrechtskonvention nur indirekt (EMRK, Art.17) impliziert, weil sie selbstverständlich vom europäischen bzw. abendländischen Kulturkreis ausgeht. Im Art. 14 der EMRK wird zwar die gleiche Würde für alle Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Sprache, Geschlecht, etc. betont, doch wird nicht bedacht, daß es Kulturen gibt, welche der europäischen Rechtskultur völlig verständnislos gegenüber stehen. Dies trifft auf den sich ausbreitenden Islam in Europa zu, der in seiner Denk- und Glaubenshaltung von der unsrigen vollkommen verschieden ist. Vor allem die oben erwähnte Trennung von Staat und Religion und ein gleichberechtigtes Verhältnis der Geschlechter ist dem orientalisch-islamischen Denken fremd. Die Semantik im Islam bleibt für europäische Verhältnisse vielfach unklar und die darauf aufbauende Kultur erweist sich als nicht integrierbar in das europäische Wertesystem. Jedes kritische Denken muß unweigerlich auf dieses Faktum stoßen. Daß eine öffentliche Diskussion darüber mit einem unvergleichlichen Tabu belegt wird, verdanken wir u.a. einer rhetorischen Strategie, die den deutschen Sprachraum wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit, den englischen, französischen etc. aufgrund des Kolonialismus zum Schweigen verurteilt. Vor allem aber wird dabei der falsch verwendete Begriff des Rassismus für den Europäer in der Islamdebatte ebenso zur Falle wie das Recht der Religionsfreiheit, das vor allem die Muslime im politischen Durchsetzungskampf für sich nutzen. Im Folgenden wird auf diese beiden Momente das Augenmerk gelegt.

Zur falschen Gleichsetzung der Begriffe Rasse und Kultur

Natur von lat. „natus“, von Geburt an, stellt den Inbegriff dessen dar, wofür der Mensch nichts kann, was er nicht gemacht hat, mit dem er aber trotzdem umgehen muß, was er pfleglich zu behandeln hat. Mit dem, was von Natur vorgegeben ist, setzt sich der Mensch kulturell auseinander. Aus dieser dialektischen Bewegung zwischen Natur und kulturellem Bewußtsein, aus der Pflege und Aufrechterhaltung des daraus resultierenden Wissens entstehen Traditionen, d.h. das jeweilige Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben. Es entwikkeln sich gesellschaftliche Spielregeln, Sprachen, Sitte und Moral, deren Vorhandensein sich religiösen Wurzeln verdankt. Damit fällt auch der Islam in den Bereich der Kultur, er ist demnach ein kulturelles Phänomen, kein von Natur aus gegebenes. Wird dem Islamkritiker Rassismus vorgeworfen, so instrumentalisiert man den Begriff der Rasse und verhindert damit jede Kulturdebatte. Somit wäre der Islam eine biologistische Erscheinung, was völligen Widersinn bedeutete. Daß die Menschenrechte den Begriff Rasse dem Diskriminierungsverbot unterstellen, ist allerdings notwendig, denn oft genug erhoben sich Menschen aus genetischen und biologischen Gründen über andere Menschen. Der europäische Rassebegriff ist ein Begriff, der eine ganz bestimmte Festlegung des Menschen von Seiten der Natur beinhaltet. Im 17./18. Jahrhundert taucht er als naturwissenschaftlicher Klassifizierungsbegriff auf, der im 18. Jahrhundert verstärkt auf den Menschen hin sich ausrichtet, um sich dann im 19./20. Jahrhundert zu einem geschichtlich-politischen Begriff (Gobineau, Chamberlain) zu entwickeln oder im Zusammenhang mit darwinistischen Theorien gebraucht zu werden. Als Rechtfertigung für die Inferiorität von Teilen der Menschheit benutzt, die von Natur aus geistig oder körperlich minderwertig seien, wird er zur Begründung der Existenz verschiedener Menschenarten herangezogen. Johann Gottfried Herder wendet sich gegen die Anwendung des Rassebegriffs auf die Menschen überhaupt: „Endlich wünschte ich auch die Unterscheidung, die man aus rühmlichem Eifer für die überschauende Wissenschaft dem Menschengeschlecht zwischengeschoben hat, nicht über die Grenzen erweitert. So haben einige z.B. vier oder fünf Abteilungen desselben, die ursprünglich nach Gegenden oder gar nach Farben gemacht waren, Rassen zu nennen gewaget; ich sehe keine Ursache dieser Benennung. Rasse leitet auf eine Verschiedenheit der Abstammung, die hier entweder gar nicht stattfindet oder in jedem dieser Weltstriche unter jeder dieser Farben die verschiedensten Rassen begreift.“7

Und Hegel gab folgende Antworten auf rassentheoretische Begründungen seiner Zeit: „Man hat dieser Frage eine Wichtigkeit beigelegt, weil man durch die Annahme einer Abstammung von mehreren Paaren die geistige Überlegenheit der einen Menschengattung über die andere erklären zu können glaubt, ja zu beweisen hoffte, die Menschen seien ihren geistigen Fähigkeiten nach von Natur so verschieden, daß einige wie Tiere beherrscht werden dürften. Aus der Abstammung kann aber kein Grund für die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft geschöpft werden. Der Mensch ist an sich vernünftig; darin liegt die Möglichkeit der Gleichheit des Rechtes aller Menschen, – die Nichtigkeit einer starren Unterscheidung in berechtigte und rechtlose Menschengattungen.“8 Die Existenz der Menschenrechte beweist, daß dieses Problem erkannt und der Mensch seinesgleichen als würdig und gleichwertig behandeln soll. Deshalb kann nicht oft genug betont werden, daß Islamkritik sich im kulturellen Bereich bewegt, die nichts mit ‚natürlicher Abstammung und körperlicher bzw. genetischer Minderwertigkeit‘ zu tun hat. Religion steht im Zusammenhang mit Tradition, ist aber nicht durch irgendeine genetische Determiniertheit charakterisierbar. Eine rhetorische Falle wird aufgebaut, wenn Islamkritik im Zeichen des Rassismus zu orten ist. Eine in die Nähe zu Nationalsozialismus und Kolonialismus gebrachte Islamkritik führt zu einer Blockade jeder weiteren Argumentation. Aus diesem Grund ist zu betonen notwendig, daß der Islam ein Kulturphänomen ist und nicht mit Rassismus in Verbindung gebracht werden darf. Dem steht leider entgegen, daß seit Jahrzehnten daran gearbeitet wird, die Grenze zwischen Rasse und Kultur aufzuweichen, ja zu zeigen, daß Kultur gleichbedeutend ist mit Rasse. Sich auf Adorno berufend, versuchen gewisse „Wissenschaftler“9 nachzuweisen, daß es ‚Rassismus ohne Rassen‘ oder ‚kulturellen Rassismus‘ gibt. Bei Adorno heißt es: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“10 Im Gefolge dieser Ansicht melden sich Psychologen, Soziologen und Philosophen zu Wort, um neue Argumente gegen den sogenannten Neofaschismus oder ‚neu-rechte Ideologien‘ zu finden. Man versteht Kultur als ‚kodiertes‘ Wort für Rasse und auch das Wort Ethnie sei so zu interpretieren. Wer Kultur als essentiell oder nicht als Gemachtes behandele, sei ein Rassist. Identität werde produziert und der ‚Andere‘ sei ein Konstruktionsbegriff. Damit aber wird der Mensch zum oberflächlichen Produkt seiner selbst. Der Kulturbegriff jedoch beruht auf Tradition. Vergessen wird bei diesen modernen Theorien, daß ein Kern, ein nicht machbares Selbst individuell sowie kulturell anzusetzen ist, damit überhaupt von Entwicklung gesprochen werden kann. Dieses Selbst aber ist nicht biologistisch zu verstehen. Papst Benedikt XVI. hat dies klar formuliert: „Die Freiheit ist in uns ursprünglich von unserem Sein und dessen Grenzen bestimmt. Niemand formt eigenmächtig das eigene Bewußtsein, sondern alle bauen das eigene ‚Ich‘ auf der Grundlage eines ‚Selbst‘ auf, das uns gegeben ist. Wir können über andere Menschen und auch über uns selbst nicht verfügen. Die Entwicklung des Menschen verkommt, wenn er sich anmaßt, sein eigener und einziger Hervorbringer zu sein.“11 Weil es sich um eine geistige Dimension handelt, die in heutigen wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Erörterungen völlig ausgeklammert wird, bleibt das Selbst unverstanden. Das hier dargestellte Problem kann daher nicht adäquat gefaßt werden. Ferner ist ein eigenes Sein nur durch Abgrenzung von einem anderen Sein möglich. Grenzen sind notwendig für die menschliche Orientierung, woraus nicht automatisch Dominanz oder Abwertung der jeweiligen Gruppierungen untereinander geschlußfolgert werden muß. Konsequenterweise müßte dann jedes individuelle Abgrenzungsbedürfnis mit dem Wort ‚rassistisch‘ umschrieben werden. Diese ideologische Auslegung des „Rassismus ohne Rassen“ verliert also den Boden der Realität und zeigt, daß der Europäer selbst das Problem ist. Der kulturelle Suizid durch Verteufelung und Verneinung der Tradition öffnet dem Islam die Türen. Die ideologische Verdammung der gewachsenen Lebensformen Europas gibt ihm die Mittel in die Hand, um sich Raum zu schaffen und sich rechtlich zu etablieren. Denn über obige Auslegung von Kultur ist jede Art von Grenzschutz und Verteidigung abendländischer Lebensregeln aussichtslos. Daß sich die Intellektuellen Europas hierüber nicht einigen können, zeigt die Gespaltenheit dieses Kontinents, die dem muslimischen Missionierungsdrang sehr entgegenkommt. Mit dem Instrumentarium des Wortes ‚Rasse‘ wird der ‚Kampf der Kulturen‘ geleugnet und hat damit eine einladende Wirkung auf Menschen orientalischer Gesinnung. Denn die Europäer verbieten sich hier selbst das Wort, indem sie das zu Kritisierende, nämlich die Kultur des Islam, mit dem Tabubegriff ‚Rasse‘ belegen und sich auf irrtümliche Weise nicht nur als Rassisten von anderen bezeichnen lassen, sondern in falsch verstandener Schuldhaftigkeit sich selbst als Rassisten vorkommen. Dem Europäer ist es dann nicht erlaubt, seine eigene Kultur, die über die Tradition erst verständlich wird, zu verteidigen, was er aber tun muß, um sich gegenüber anderen Kulturen behaupten zu können. Die notwendige Formulierung der eigenen Identität, auf welcher die muslimischen Einwanderer auch bei sich selbst beharren, wird damit bekämpft, zunichte gemacht und der Boden des Nihilismus bereitet. Nicht zu vergessen ist, daß die Menschenrechte ins Leben gerufen wurden, um Verfolgungen und Diskriminierungen zu vermeiden und die Würde des Menschen zu bewahren. Jetzt aber werden die Rechte dazu genutzt, die europäische Kultur zu annullieren. Muslimen wird aufgrund des Asylrechts wahllos Zutritt verschafft, d.h. Menschen, die völlig andere Lebenswelten verteidigen und Rechtsbegriffe haben, die mit unseren nicht kompatibel sind.

Die Religionsfreiheit

Das Menschenrecht der Religionsfreiheit (EMRK, Art. 9) stärkt die Entscheidungsmacht, sich für oder gegen eine Religion entscheiden zu können. Da der Rechtsstaat in erster Linie ein Formalstaat ist, kann er verschiedenste Religionen innerhalb seiner Grenzen akzeptieren und die Religionsangehörigen entsprechend ihrer Riten und Kulte leben lassen. Die Voraussetzung ist, daß die Religionsanhänger die Gesetze des Staates, die Gewaltenteilung und Exekutivorgane anerkennen. Das humanistische Menschenbild ermöglicht mit der Aufklärung seine staatliche Gestaltung derart, daß der einzelne Mensch, mit oder ohne religiösen Glauben, für würdig erachtet wird, in seiner Lebensgestaltung geschützt zu werden, allerdings unter der Bedingung der Achtung der Gesetze. Daß im abendländischen Kulturkreis überhaupt zwei Welten nebeneinander existieren, nämlich eine religiöse und eine säkulare, liegt, worauf oben schon hingewiesen wurde, an der Botschaft Christi. „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“ (Joh.18, 36) und … gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Lk. 20, 25)12 sind zwei Fundamente, aufgrund derer die christliche Religion mit der Säkularität umzugehen vermag und sich bereitzeigt, letztere nicht für sich zu vereinnahmen. Der Islam hingegen versteht sich als politische Religion, welche auf ein Kalifat oder Imamat hinausläuft. Die abendländische Religionsfreiheit kann von den Muslimen in Wirklichkeit aber nur beansprucht werden, wenn sie ihre islamisch formulierten Menschenrechte aufgeben und sich den unseren unterordnen. Auch zeigt der Islam keine wechselseitige Begrenzung zwischen rechtsstaatlicher Gesetzlichkeit und individueller Religionsfreiheit. Weder die eine noch die andere in Europa vorhandene Freiheitsvorstellung sind in der islamischen Welt vorhanden und damit auch nicht die Fähigkeit zur Eigenverantwortlichkeit und demokratischer Optionalität. Da Muslime in Europa eine Religionsfreiheit einfordern, die sie selbst von ihrer geistigen und moralischen bzw. lebensweltlichen Konstitution her nicht gewähren können, führt ihr Anspruch gegenüber dem europäischen Wertesystem zu einer Asymmetrie mit sozialer Sprengkraft. Asylanten, die sich auf unsere Menschenrechte berufen und auf das Gebot freier Religionsausübung bestehen, setzen sich dem Verdacht aus, unsere Rechtsstaatlichkeit nur scheinbar zu akzeptieren und sie für ihre Zwecke zu nutzen, um in Wahrheit eigene kulturelle Motive und Handlungsrituale auszuleben. Wird die religiöse Rechtsprechung der Fiqh und der Scharia nicht aufgegeben, ist sie mit der abendländischen Religionsfreiheit nicht verträglich, weil der Islam damit eine Religion ist, die mit dem Rechtsstaat in Konkurrenz tritt. Und einen islamischen Staat im Staate duldet keine westliche Menschenrechtserklärung. Aufgrund dieser Asymmetrie bezüglich Staats- und Religionsauffassungen ist der Islam in Europa nicht integrierbar. Um so mehr wächst das Mißtrauen gegenüber Muslimen, wenn sie auf europäischem Boden sogar ihre Rechtsprechung anbieten, um Streitigkeiten unter Muslimen zu schlichten. Gleichzeitig wird die Hilflosigkeit der Europäer und deren staatlicher Autorität sichtbar. Ob gläubige Musliminnen verschleiert vor Gericht treten, weil Allah es will, sich aber mit Ignoranz über die europäische Gesetzeslage hinwegsetzen, die besagt, daß das Gesicht der Person bei der Wahrheitsfindung zu sehen sein muß, oder ob das Prinzip persönlicher oder familiärer Rache aufrechterhalten wird, obwohl es europäische Gesetze nicht erlauben, sind nur zwei Beispiele einer langen Reihe von Fällen, die auf gravierende Differenzen im Freiheitsverständnis der Kontrahenten hinweisen.

Gläubige Musliminnen, die als Lehrerinnen Kopftücher tragen und europäische Kinder unterrichten, dürfen sich aufgrund der prinzipiellen Asymmetrie zwischen Europa und dem Islam nicht darauf berufen können, daß Kreuze in den Klassenräumen hängen. Auch wenn die Aufklärung Religionsfreiheit zu ihrem Prinzip gemacht hat, ist dies keine Einladung für Muslime, welche von ihrer Kultur her der Trennung von Staat und Religion verständnislos gegenüberstehen, ihre Symbolik in staatlichen Institutionen zur Schau zu stellen (noch dazu in Lehranstalten, wo das Personal Vorbildfunktion in der Erziehung von Kindern zu mündigen Staatsbürgern und -bürgerinnen hat). Kreuze in den Klassenzimmern weisen immerhin auch darauf hin, daß die Aufklärung christliche Wurzeln hat. Läßt man Anhänger des muslimischen Glaubens getreu ihren religiösen Regeln leben, ergibt sich im Verhältnis zwischen dem Islam und der europäischen Rechtskultur ein massives Ungleichgewicht bei der Rechtfertigung politischen Handelns. Da die europäische Menschenrechtskonvention sich eine Religion mit inkompatibler Rechtsprechung nie vorgestellt hat, weil sie sich der Europafreundlichkeit von Christentum und Judentum sicher sein konnte, hat sie sich für das Recht auf Religionsfreiheit ausgesprochen. Sonst hätte es nämlich nie eine Freiheit für und von der Religion geben können, weil sich die Menschenrechte selbst als Grundlage für die Grundgesetze der europäischen Staaten sahen. Die Gewaltenteilung ist eine europäische Errungenschaft. Abgesehen davon, daß sich die christlichen Werte überhaupt im Menschenrechtskatalog niedergeschlagen haben, hat der Islam nicht das Recht, die Scharia in europäische Gesetzgebungen einfließen zu lassen.13

Rückbesinnung auf die christliche Religion

Ist gemäß der Aufklärung die Herrschaft der Vernunft gefragt, welche in der Erstellung von Gesetzen und Prinzipien die Willkürherrschaft einzelner Personen und religiöser Institutionen unterbinden soll, so sieht sich die Religion zuständig für die Bereiche Lebenssinn, Gefühl und Transzendenz. Die Einheit von Gott, Mensch und Natur, durch religiöse Autoritäten, kirchliche Einrichtungen und Ritualisierungen der Lebensbereiche vertreten und kultiviert, darf allerdings durch das aufgeklärte Individuum mit dem Impetus nach Eigenständigkeit und Verantwortlichkeit in Denken und Handeln in Frage gestellt werden. Der für die Freiheit des Individuums notwendige Spielraum zwischen eigenem Tun und dem Gesetz des Staates muß gewahrt bleiben, wobei die Wahl der Religion dem einzelnen selbst überlassen bleibt. Der heutige politische und von den Medien unterstützte Mainstream hat sich seit dem zweiten Weltkrieg dahingehend entwickelt, daß Europa angesichts seines verheerenden Blutvergießens auf seinem Boden menschenfreundlich, gewaltfrei und weitgehend rechtsstaatlich handelt. Es gibt sich sozial mit dem Anspruch der Aufgeschlossenheit für Andersdenkende und setzt weltpolitisch auf Diplomatie, d.h. auf Dialog und wechselseitige Anerkennung.

Daß es im globalen Raum allerdings immer weniger ernstgenommen wird, kommt ihm in dieser seiner Überzeugung gar nicht erst in den Sinn, was die Gefahr einer Selbstschädigung in sich birgt; ist doch die wert- und gemeinschaftsbildende Kraft einer tragenden Religion leider nicht vorhanden. Vor allem Westeuropäer, die in unendlicher Empirie nach Werten suchen, stehen unter dem Zwang, ihre mit scheinbar immer neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Sinnangeboten unterschiedlicher Religionen gepflasterten Lebenswege zu beschreiten. Eine alles dominierende Ökonomie berauscht den einzelnen durch die ständige Erweckung neuer Bedürfnisse, die ablenken sollen von dem einen Bedürfnis unserer rationalistisch geführten Welt, – den ‚Sinn dieses Lebens’ zu finden. Dieser ist aber ohne Einbeziehung von Religion nicht zu erschließen. Der so oft gefeierte und die sogenannte Freiheit der westlichen Welt garantierende Pluralismus macht die Not zur Tugend und damit Freiheit zum Phantasiegebilde. Der europäische Mensch, vom Leistungs- und Erfolgsdruck getrieben, in einer kommunikativen Überaktivität durchs Leben gepeitscht, wird im Räderwerk der Meinungsvielfalt auf- und zerrieben, sich selbst entrissen in der Illusion, dem Freiheitsdrang seines Egos gerecht werden zu können. Seine Kinder werden in andauernden Schulreformen zermürbt, durch Überreizung der Sinne nervlich belastet und durch Informationsakkumulation von substantieller Reflexion ferngehalten. Übrig bleiben eine innere Leere und die Verzweiflung eines einsamen, in sich ausgebrannten Menschen. Mit einer Tortur ohnegleichen gehe dieses Zeitalter zu Ende, prophezeit Nietzsche14 und sieht damit den vom Werte- und Religionspluralismus durchdrungenen, europäischen Nihilismus voraus. Durch leicht konsumierbare ‚geistige’ Kost werden Intellektualität und eine sogenannte Wissensgesellschaft seitens der Medien vorgetäuscht. Zahlreiche Psychotherapien vermögen die Süchte ihrer Patienten nicht zu heilen, weil diese Ausdruck der Suche nach einer tiefer fundierten Stabilisierung der menschlichen Lebenspläne sind. Der christliche Gott scheint wirklich tot zu sein. Da aber, mit Heidegger gesprochen, „nur noch ein Gott uns retten kann“15, so wäre es ratsam, im Sinne des christlichen Auferstehungsgedankens zu handeln. Denn auch gegenüber äußeren Bedrohungen reagiert Europa mit Psychologismus, dessen Wurzeln bis ins 19. Jhdt. zurückreichen und der entscheidende Impulse von Seiten der Psychoanalyse erfahren hat. Dabei erweist er sich aber als Teil des Problems, nicht als dessen Lösung. Die Attitüde, islamistische Attentäter als psychisch kranke Menschen hinzustellen, als Individuen, die mangels entsprechender Integrationsangebote als gescheiterte und frustrierte Existenzen anzusehen sind, verkennt ganz im Sinn der hier dargelegten Asymmetrie der Menschenbilder, daß solche Attentäter im Zeichen eines religiösen Bewußtseins handeln, auch wenn dies von sogenannten Islamexperten bestritten wird. Es zählt aber leider zu den größten und nachhaltigsten Moden der heutigen westlichen Zivilisation, ideologisch motivierte Taten zu subjektivieren und einer kranken Einzelpsyche zuzuschreiben. So aber wird bestenfalls der Patient, nicht aber das dahinterstehende gesellschaftliche Problem ernst genommen. Da der westliche Psychologismus überhaupt nicht versteht, was Religion bedeutet und diese nur noch als zu heilende Neurose ansieht, ist er auch außerstande, religiös begründete Taten im Zeichen des Islam als das zu interpretieren, was sie de facto sind: Missionierungsversuche. Der aufgeklärte westliche Mensch meint – durch die Pille des Psychologismus ruhig gestellt – hier nicht weiter nachfragen zu müssen. Auf diesen geschwächten Europäer trifft nun eine politische Religion, welche unsere Menschenrechte zwar nicht achtet und sich ihnen sogar überlegen fühlt, sie aber für sich in Anspruch nimmt, um die islamische Wertewelt nach Europa zu tragen. Immer wieder fällt daher das unterschiedliche Auftreten von Muslimen und Europäern auf. Die Differenz ihres Erscheinens muß auf verschiedene Selbstbilder zurückgeführt werden. Zu beobachten ist die anhaltende Forderung (statt einer mit Bescheidenheit und Zurückhaltung vorgetragenen Bitte) der Muslime, daß sie Verständnis gegenüber ihrer Religion von den Ländern erwarten, in denen sie sich niedergelassen haben. Es ist die Selbstverständlichkeit ihrer Raumbeanspruchung, die den kritischen Beobachter zunächst irritiert. Nicht Europa fordert ein Verstehen seiner Kultur, sondern es vollzieht sich hier eine erstaunliche Umkehrung. Statt um etwas zu bitten, wird beansprucht. Die Selbstsicherheit im Auftreten von Angehörigen des Islam kann abgeleitet werden von ihrer Überzeugung, Vertreter des einzig richtigen Glaubens in der Welt zu sein. Nicht um Integration in unsere Kultur sind sie bemüht, sondern um Belehrung unserer Welt. Von ihrem Glauben und ihrer Lebensweise überzeugt, machen sie uns durch ihr Auftreten klar, wie labil und selbstauflösend unsere Kultur geworden ist. Das zeigt sich am aktuellen Selbstbild des europäischen Menschen. Fragt man ihn nach seinem Selbstverständnis, meint er den Endpunkt der Geschichte erreicht zu haben. Frei sein bedeutet für ihn das Abwerfen von Zwängen und Pflichten. Dem Fremden gegenüber will er sein ‚Gutsein‘ demonstrieren. Toleranz und Friedfertigkeit sind keine Produkte einer disziplinierten und bescheidenen Geisteshaltung, geschweige denn einer christlich geprägten Selbstzurücknahme, sondern Ergebnisse politischer Gleichgültigkeit und trägen Konsumverhaltens, aber auch säkularer Erlösungsphantasien. Die zu ihm gehörende vermeintliche Weltoffenheit geht sogar davon aus, daß sich die europäische Politik bei wachsender Anzahl von Muslimen und Musliminnen in Europa langsam deren Kultur annähern müsse. Wehren sich beispielsweise muslimische Patienten gegen die Behandlung durch die in unseren geographischen Breiten entstandene Medizin, so stellt sich letztere selbstverständlich der neuen kulturellen Herausforderung und bemüht sich um eine der islamischen Kultur entsprechende Therapie. Kann die Rechtsstaatlichkeit ohne die europäische Aufklärung nicht gedacht werden, so ist gleich hinzuzufügen, daß diese sich vom Christentum her ableitet, weshalb der Islam mit ersterer nicht zusammenpaßt. Denn Rechtsstaatlichkeit und die damit zusammenhängende Demokratie sind mit einem Machtverzicht verbunden, der sich letztlich nur von den Evangelien her verstehen läßt. So stellt sich die Frage, ob es in einem westlichen Staat, der den Rahmen für die Einhaltung von Menschenrechten, Gleichberechtigung der Geschlechter und Religionsfreiheit darstellt, einen gemeinsamen religiösen Ausgangspunkt und eine damit vorgegebene Zielrichtung der Argumentation geben kann. Die große Zeit der Nicht-Identität seit dem zweiten Weltkrieg und die intellektuelle Zertrümmerung europäischer Werte durch Dekonstruktivismus und analytisch ausgerichtete Philosophien haben uns zwar viele Unzulänglichkeiten abendländischen Denkens vor Augen geführt, aber auch im Zuge dieser Art von Aufklärung mit einem inhaltlichen Vakuum konfrontiert. Diese innere Aushöhlung Europas droht uns den Boden der Realität zu entreißen.

Was soll die individuelle Freiheit, wenn sie nur noch auf das Ego reduziert wird, und wofür sollen wir Verantwortung übernehmen, wenn wir uns auf keine tragfähigen Inhalte mehr einigen können? Wofür kämpfen wir, wenn wir Europa verteidigen, wie sieht seine Identität aus, zu deren Legitimation uns der Islam so stark herausfordert? Läßt sich mit Recht sagen, daß das europäische Gewissen, wenn auch vielfach säkularisiert, sich noch immer aus dem Christentum speist, so fällt uns in erster Linie seine soziale Kraft auf. Hilfsorganisationen, das Streben nach sozialer Gleichheit, das Prinzip der Gewaltlosigkeit, der Kampf gegen Armut und Krankheit, die Förderung der Schwachen, das alles läßt sich von einem christlichen Prinzip her aufrollen. Auch die Bereitschaft des gewaltfreien Widerstands gegen Atomkraft, Naturzerstörung und Krieg, der Wille zum Frieden und das Vertrauen auf die Kraft des Wortes und den Dialog bei globalen politischen Problemen weisen auf eine Religion hin, die dem Verstehen der Menschen untereinander und der göttlichen Vernunft Raum gibt. Die christlichen Werte der Nächstenliebe, Einmaligkeit und Unaustauschbarkeit des einzelnen Menschen, des Individuums, der Person sind vor allem für die Alltäglichkeit menschlichen Handelns von Relevanz. Den skeptischen Relativismus und den verworrenen Pluralismus unseres Kontinents gilt es zu überwinden, damit gemeinsames gesellschaftspolitisches Handeln wieder an Kraft gewinnen kann.

Anmerkungen

1) Anders dagegen die chinesischen Menschenrechte. Diese seien nur am Rande erwähnt, weil sie den Unterschied zum westlichen Menschenbild deutlich aufzeigen. China hebt ganz im marxistischen Sinn hervor, daß es in erster Linie das Kollektiv sei, das dem einzelnen seine Existenz ermöglicht und dieser gegenüber in seinen Rechten vorrangig ist. So sind der Staat und die Wirtschaft, die dem Volk zu Wohlstand und höherer Lebensqualität verhelfen, für den Menschen da und gewähren sein Recht auf Leben. Nach der marxistischen Lehre sind menschliche Rechte, abgesehen von ihrer Überbaufunktion, in ständiger Entwicklung und damit Produkt gesellschaftlicher und ökonomischer Reifung. Damit wird die Beachtung der Würde des Einzelnen marginal. In der Rangfolge der Menschenrechte steht an erster Stelle die Gesellschaft, die, durch den Staat vermittelt, das Leben des einzelnen regelt und von der ökonomischen Grundlage abhängt. Je schlechter die Wirtschaftslage, je ärmer die Menschen, desto schlechter sei es um ihre Rechte bestellt. Das Individuum wird in seinen Rechten zurückgestellt, die Pflichten gegenüber der Gesellschaft folgerichtig in den Vordergrund gerückt. Vgl. https://de.wikipedia.org/ wiki/Menschenrechte_in_der_Volksrepublik_China.

2) http://www.humanrights.ch/upload/pdf/140327_Kairoer_Erklaerung_der_OIC.pdf.

3) Farideh Akashe-Böhme, Sexualität und Körperpraxis im Islam. Frankfurt a.M. 2006, S. 13.

4) Lk 20,25: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört und Joh. 18,36: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.

5) Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948.

6) Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a. M. 1973, S. 398.

7) Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Band 1, Berlin/Weimar 1965, S. 250f.

8) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, § 393. In: Werke in zwanzig Bänden, Bd. 10, Theorie Werkausgabe, Frankfurt a. M. 1970, S. 57.

9) Etienne Balibar, französischer Philosoph und Marxist, Stuart Hall, britischer Soziologe und Kulturhistoriker, Siegfried Jäger, deutscher Sprachwissenschaftler.

10) Theodor W. Adorno, Schuld und Abwehr. Eine qualitative Analyse zum Gruppenexperiment. In: Soziologische Schriften II, zweite Hälfte, Darmstadt 1998, S. 277.

11) Benedikt XVI., Die Liebe in der Wahrheit – Die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“. Freiburg Basel Wien (Ausgabe ohne Jahreszahl), S. 156.

12) Das Neue Testament. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Stuttgart 2009.

13) Vgl. Bat Ye’or, Europa und das kommende Kalifat. Der Islam und die Radikalisierung der Demokratie. Berlin 2013. Das spannend geschriebene Buch zeigt anhand der Auflistung mannigfaltiger Fakten eindringlich die reale Gefahr der Islamisierung Europas auf.

14) „Unsre ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: einem Strom ähnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“ Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre. In: Werke IV, hg. von Karl Schlechta, Berlin 1969, S. 226.

15) Vgl. Martin Heidegger, Nur noch ein Gott kann uns retten, Gespräch mit der Zeitschrift Der Spiegel, Nr.23, 30. Jahrgang vom 31. Mai 1976, S. 193.

Dr. phil. Astrid Meyer-Schubert war Lehrbeauftragte in Berlin und Bukarest und wirkt als freie Publizistin in Wien.

 

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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