Echte und falsche Exorzismen (von Dr. Heinz-Lothar Barth) („Der 13.“)

Römisch-Katholisch

33. Jg./ Nr. 3

13. März 2017

Preis: 2,8 Euro (A); 2,8 Euro (D); sfr 4 (CH)

 

Echte und falsche Exorzismen

DR. HEINZ-LOTHAR BARTH*

 

Der „13.“ (Februar 2017, 4) beklagte zu Recht, es gebe in der heutigen Kirche eine große Nachfrage nach Befreiung von dämonischer Besessenheit, aber keine ausreichende Anzahl von Exorzisten. Was mindestens eben so schlimm ist: Der im Jahre 1999 revidierte Ritus der Dämonenaustreibung ist im Vergleich zur traditionellen Form weitgehend wirkungslos, wie der im vergangenen Jahr verstorbene prominente Vatikanexorzist Gabriele Amorth immer wieder in Büchern und Interviews bezeugt hat. Und das kann man auch leicht erklären.

Zunächst bleibt festzuhalten: Wer den Teufel und die Möglichkeit satanischer Besessenheit des Menschen leugnet, ist nicht katholisch. Die Exorzismen, die heute gerne als mittelalterliches Brimborium verspottet werden, gehen klar auf die Heilige Schrift zurück. So ist aus der Schule des bedeutenden protestantischen Exegeten Martin Hengel (Universität Tübingen) eine Arbeit erschienen, die den schon bezeichnenden Titel trägt: „Jesus the Exorzist. A Contribution to the Study of the Historical Jesus“ (WUNT 2, 54, Tübingen 1993). Graham H. Twelftree, ihr Autor, weist dort überzeugend nach, dass der historische Jesus Exorzist war, wobei es sich hierbei nicht um eine Art von Nebenfunktion, sondern um eine seiner zentralen Tätigkeiten handelte. Der theologische Hintergrund wird klar benannt: Mit Einsetzen der Endzeit (im weiteren Sinne des Wortes) beginnt das Binden Satans und seines Heeres, jener bösen Kräfte, die bei der abschließenden und endgültigen Einrichtung des ewigen Gottesreiches am Jüngsten Tag für immer besiegt sein werden. Eine nicht zu unterschätzende Rolle in diesem eschatologischen Kampf gegen die Mächte der Finsternis spielen die Exorzismen, in deren Ausübung CHRISTUS für sich und ebenso für seine Jünger eine ganz wichtige Aufgabe sah. Wie selbstverständlich spricht JESUS, weil ER GOTT selbst ist, den Dämon oder die Dämonen direkt und persönlich an und befiehlt ihnen, aus dem Besessenen auszufahren, ER bittet nicht etwa nur den himmlischen VATER um Befreiung. Das Verb befehlen steht ausdrücklich im biblischen Text, griechisch epitassei, lateinisch imperat (Mk 1, 27), es handelt sich also um einen imperativen Exorzismus.

Konkretes Beispiel

Das konkrete Beispiel lautet im Zusammenhang: JESUS war in die Synagoge von Kapharnaum/Kapernaum gegangen und lehrte dort die Menge. Dann ereignete sich folgendes: „Und gerade war in ihrer Synagoge ein Mensch mit einem unreinen Geist; und er schrie auf mit den Worten: ‚Was haben wir mit DIR zu schaffen, JESUS von Nazareth (wörtlich: Was [ist] uns und dir?). Bist DU gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer DU bist: DU bist der Heilige GOTTES.’ Und JESUS fuhr ihn an mit den Worten: ‚Verstumme und fahre aus ihm aus.’ Und der unreine Geist zerrte ihn hin und her und fuhr mit lautem Getöse aus ihm aus“ (Mk 1, 23-27).

Er gab ihnen Vollmacht

Aber der HERR führte nicht nur selbst zahlreiche Exorzismen durch (Mk 1,39), sondern übergab diese Aufgabe ausdrücklich auch seinen Aposteln und damit seiner Kirche. So heißt es in Mk 6,7: „Und ER (JESUS) rief die Zwölf herbei, begann sie zu zwei und zwei auszusenden und gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister.“ Hier ist also unter verschiedenen Aspekten ein eindeutiges Vorbild für jene Geistlichen gegeben, die in CHRISTI Namen und im Auftrag der Kirche den Exorzismus vornehmen. Man sieht beispielsweise, daß der unreine Geist zunächst mit Wort und Tat sich noch wehrt. Daher kann es, allgemein gesprochen, leicht zu einem langen Kampf mit ihm kommen. Das alte römische Exorzismusritual hatte in der Vorrede den Aspekt der Wiederholung der Formeln, die Notwendigkeit einer deutlichen und sich steigernden Sprache und die Ausdauer des Exorzisten im Kampf gegen den oder die Dämonen ausdrücklich betont: „Er möge auch beobachten, bei welchen Worten die Dämonen stärker erzittern, und sie öfter wiederholen; und wenn er an die Stelle gelangt, wo

eine Drohung ausgesprochen wird, soll er sie immer wieder vortragen, wobei er regelmäßig die Strafe noch vergrößert; und wenn er sehen sollte, daß er Fortschritte macht, soll er dabei zwei, drei oder vier Stunden verharren, und sogar – je nach Vermögen – noch länger, bis er den Sieg davonträgt“. Auch im Exorzismus selbst kommt der Gedanke vor, daß der Hartnäckigkeit des Dämons begegnet werden muß: Von all dem ist im neuen Ritenbuch nicht mehr die Rede – vermutlich, weil wir ja ach so aufgeklärt sind!

Lügen der Dämonen

Die Mahnungen an den Exorzisten erfolgen im alten Rituale im Unterschied zum neuen teilweise unter drastischer Schilderung der Verstellungskünste und Lügen des/der Dämon/en. So kann dem Priester eine schnelle Befreiung des Besessenen vom Widersacher vorgetäuscht werden, die gar nicht erfolgt ist (Caput 1 Nr. 6 und 9). Oder es wird eine rein natürliche Krankheit vorgegaukelt, damit der Exorzist die Teufelsaustreibung überhaupt nicht vornimmt (Caput 1 Nr. 7). Dies wäre dann für die leibliche und seelische Gesundheit des Leidenden genauso gefährlich, wie umgekehrt übernatürliche Einwirkung vorauszusetzen, obgleich es sich einfach um eine psychische oder physische Krankheit handelt (Caput 1 Nr. 3). Vernünftigerweise ist dem Exorzisten auch verboten, den ihm geistlich Anbefohlenen selbst mit Medikamenten kurieren zu wollen, ohne daß ein Arzt konsultiert wird (Caput 1 Nr. 18).

Echter Exorzismus

Was die Kirche immer unter einem echten Exorzismus verstanden hat, kann man noch in der 2. Aufl. des „Lexikon für Theologie und Kirche“ nachlesen: „Ein im Namen GOTTES (JESU) an den Teufel gerichteter Befehl, Menschen oder Gegenstände zu verlassen oder sie in Ruhe zu lassen.“ (2LThK 3/ 1959, 1314, s. v. Exorzismus). Da man mittlerweile bei den Texten im Fall echter Besessenheit massiv in den überlieferten Ritus eingegriffen hat, andererseits aber traditionstreuen Katholiken keinen Angriffspunkt bieten möchte, hat die Hierarchie in Rom flugs die Definition geändert. So wird im Rituale für den Exorzismus aus dem Jahre 1999 selbiger so bestimmt: „Wenn die Kirche öffentlich und mit Autorität im Namen JESU CHRISTI bittet, dass eine gewisse Person oder Sache gegen den Einfluß des Bösen geschützt und seiner Herrschaft entzogen wird, nennt man das einen Exorzismus.“ Dieselbe neue Definition findet sich auch schon im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK Nr. 1673).

Befreiungsdienst“

Und hier liegt das Hauptproblem des modernen „Befreiungsdienstes“ begründet: Man hat die alten, starken und mit apostolischer Autorität an den Teufel ergehenden Befehle, den Körper des Besessenen zu verlassen, weitgehend aufgegeben und betet jetzt nur noch eher harmlos zu GOTT, den Bedrängten vom Bösen zu befreien. In der Fachsprache ausgedrückt: Man hat, von einer abgeschwächten Formel abgesehen, die imperativischen Exorzismen durch deprekative ersetzt, die wesentlich schwächer bis zur Wirkungslosigkeit sind. Und diese Neuerung wurde eingeführt, obwohl die Anweisung JESU CHRISTI anders lautet und die Kirche sich stets an die Worte ihres HERRN und MEISTERS gehalten hat! Schon ein ganz frühes Zeugnis aus dem Jahre 1970 belegt unsere Diagnose. Im „Apologeticum“ Tertullians (23,15) lesen wir über die Dämonen: „Aber diese ganze Macht und Gewalt, die wir über sie haben, schöpft ihre Kraft aus dem Aussprechen des Namens CHRISTI und dem Schildern dessen, was ihnen von GOTT durch SEINEN Richter CHRISTUS drohend bevorsteht. Sie fürchten CHRISTUS in GOTT und GOTT in CHRISTUS und werden so unterworfen den Untertanen GOTTES und CHRISTI. Daher müssen sie unter unserer Berührung und unserem Anhauch, von der Vorstellung und Vergegenwärtigung jenes ewigen Feuers gepackt, sogar aus den Körpern auf unseren Befehl entweichen, widerwillig und niedergeschlagen…“

Im Namen Christi

Hier ist also klar vom Befehl der Exorzisten die Rede („de corporibus nostro imperio excedunt“), ganz entsprechend dem Auftrag CHRISTI und in seinem Namen. Es ging also nicht nur um ein fürbittendes Gebet zu GOTT. Außerdem spielt schon hier die Drohung mit dem ewigen Feuer, wie schon beim HERRN selbst im Neuen Testament und dann im traditionellen kirchlichen Exorzismusritual, deutlich eine große Rolle. Warum verzichtet man im neuen Ritenbuch auf dieses erfahrungsgemäß seit zwei Jahrtausenden so besonders wirksame Instrument?

Die Situation heute

GOTT sei Dank kann auch der alte Exorzismusritus in Ausnahmefällen noch benutzt werden. Aber dies bedarf der besonderen Zustimmung des Diözesanbischofs. Ich könnte eine ausreichende Anzahl von Bistümern nennen, wo eine solche Genehmigung wohl kaum erteilt wird. Ausführlicher bin ich der ganzen, sehr ernsten Problematik nachgegangen in folgendem Aufsatz: „Der Teufel: Seine Existenz, seine Macht und sein Abwehr durch die Kirche. Ein Beitrag zum Exorzismus“. Erschienen ist der Text in einer empfehlenswerten, wirklich katholischen Zeitschrift, und zwar der Una Voce Korrespondenz (46,4/2016, 504560).

*www.heinz-lothar-barth.de

 

 

Der 13.“ erscheint als Monatspublikation und bietet einen Überblick über das Geschehen in Kirche und Welt. Wenn Sie Probe-Exemplare bekommen möchten oder die Zeitung für 24 Euro im Jahr abonnieren möchten, schicken Sie eine E-Mail an office@der13.com.

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Die nächste Ausgabe der Zeitung „Der 13.“ wird voraussichtlich am 12. April 2017 gedruckt und in Österreich am gleichen Tag ausgeliefert.

Übrigens: Exemplare des „13.“ liegen ab jetzt am Schriftenstand der Kapelle St. Athanasius in Hattersheim bei Frankfurt aus.

Ein Besuch lohnt sich jetzt also doppelt… 😉

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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