Wie ein Fensterputzer ein Volk von Atheisten begeisterte (welt.de)

Wie ein Fensterputzer ein Volk von Atheisten begeisterte

Von Hans-Jörg Schmidt, Prag 

 

Miloslav Vlk während einer Messe in Prag im Jahr 2010. Der Kardinal verstarb am Samstag im Alter von 84 Jahren
Miloslav Vlk während einer Messe in Prag im Jahr 2010. Der Kardinal verstarb am Samstag im Alter von 84 Jahren

Quelle: dpa

Kardinal Miloslav Vlk erklärte seinen Landsleuten nach dem Ende des Kommunismus 1989 das Christentum. Eine schwierige Lebensaufgabe: Denn Tschechen und Religion – das ist eine seltsame Begegnung.

„Weshalb fällt Ostern nicht jedes Jahr auf dasselbe Wochenende? Bestimmt das der Papst jedes Jahr neu, oder wer?“ „Hat Jesus wirklich gelebt?“ „Könnte Jesus nicht auch eine Frau gewesen sein?“ „Wie viele tschechische Priester haben für die Stasi gearbeitet?“ Immer wieder hat der Prager Kardinal Miloslav Vlk solche und ähnliche Fragen beantwortet. Mit der sprichwörtlichen Engelsgeduld. Im öffentlich-rechtlichen tschechischen Radiosender Radiozurnal, in dem er lange Jahre jeden Samstag eine eigene Sendung hatte. Am Samstag starb Miloslav Vlk im Alter von 84 Jahren. Für die Tschechen ist das der vermutlich größte Verlust seit dem Tod von Ex-Präsident Vaclav Havel.

Als ich 1990 als deutscher Korrespondent nach Prag kam und auf die erwähnten Sendungen stieß, war ich im ersten Moment sprachlos. Da marschierte tatsächlich jede Woche eine kluge und zugleich selbst wissbegierige Redakteurin des Senders ins Erzbischöfliche Palais neben der Prager Burg, damit Kardinal Vlk den Tschechen das Christentum in allen Details erklären konnte. Etwa so wie das kleine Einmaleins. Und er sprach dabei mitunter so geduldig wie ein der Verzweiflung nahes Elternpaar mit seinem Kind, das sich in der Pubertät befindet.

Studium der Theologie – unter Kommunisten nicht möglich

Denn die Tschechen und das Christentum – das ist eine seltsame Begegnung. Nach den Menschen in der früheren DDR waren und sind die Tschechen die wohl größten Atheisten in ganz Europa. Vlk und mit ihm die katholische Kirche des Landes insgesamt hofften, dass die Revolution 1989 da eine Wende bringen würde. „Die Menschen suchten nach etwas Neuem, nach einem neuen Halt. Und wir glaubten, sie würden ihn mehr oder weniger automatisch in der Kirche finden“, erzählte der Kardinal in einem ersten großen Interview, das ich als Prager Korrespondent mit ihm führen durfte. „Wir haben uns geirrt. Niemand hat uns die Kirchentüren eingerannt“, bekannte Vlk gleichzeitig. Etwas traurig, aber nicht resignativ. Schon damals erwies sich der Primas der katholischen Kirche Tschechiens als großer Kämpfer.

 

Sein Hauptthema war aber ein anderes. Das erklärt sich aus seiner Biografie. Vlk durfte nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 nicht wie gewünscht Theologie studieren. Das gelang ihm erst im fortgeschrittenen Alter. 1968 erhielt er die Priesterweihe. Von 1978 bis 1989 wurde ihm jegliche priesterliche Tätigkeit untersagt. In diesen Jahren arbeitete er als Fensterputzer und Archivar. Seine Priestertätigkeit führte er im Geheimen aus. 1990 wurde er dann zum Bischof von Budweis ernannt. Nach dem Rücktritt des Prager Erzbischofs Frantisek Tomasek ernannte Papst Johannes Paul II. Vlk 1991 zu dessen Nachfolger. Im gleichen Jahr wählte ihn die Tschechische Bischofskonferenz zu ihrem Vorsitzenden. Das blieb er bis zu seiner Pensionierung.

Seine Lebensaufgabe: der Wiederaufbau der Kirche in Tschechien

Vlk setzte sich außerdem für die Rückgabe des von den Kommunisten geraubten Eigentums der Kirchen in der einstigen Tschechoslowakei ein. Der größte schlechte Witz dabei: Die majestätische Veits-Kathedrale auf dem Prager Burgareal gehörte dem Staat, nicht etwa der Kirche. Vlk verhandelte. Über Jahre. Ohne Ergebnis. Dann rief er die Gerichte an. Bis er merkte, dass dort zu Teilen Leute „Recht“ sprachen, die das auch schon zu kommunistischen Zeiten getan hatten. Vlk stachelte das nur zusätzlich an. Am Ende stand ein fauler Kompromiss, demzufolge die Kathedrale gemeinsam mit dem Staat verwaltet wird. Vlk fand das abartig. „Was hat der Staat mit der Verwaltung eines Kirchenhauses zu tun?“, fragte er verbittert.

 

Vlk sah die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen als eine seiner Aufgaben. 2004 empfing er die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel in Prag
Vlk sah die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen als eine seiner Aufgaben. 2004 empfing er die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel in Prag

Quelle: picture alliance / AP Photo

Als er aus Altersgründen aus dem Amt schied, kam mit Dominik Duka ein Nachfolger, der des lieben Friedens willen einen Kompromiss nach dem anderen mit dem Staat einging. Das führte immerhin dazu, dass die katholische Kirche in Tschechien heute nicht mehr als „raffgierig“ bezeichnet wird. Ein Stempel, der ihr unter Altkardinal Vlk im Stillen, aber mitunter auch laut namentlich von den politischen Parteien angehängt worden war, die keinerlei Unrechtsbewusstsein wegen der Kirchenenteignung verspürten und verspüren. Vlk hat das nie an sich herangelassen. Und scheute sich auch nicht, zu sagen, dass er mit der Kompromissbereitschaft Dukas Probleme hatte.

Vlk gehörte zu den prägenden Gestalten der Kirche in Mittel- und Osteuropa und genoss über Tschechien hinaus hohes Ansehen. In besonderer Weise setzte er sich auch für die Aussöhnung zwischen Tschechen und Deutschen ein.

https://www.welt.de/politik/ausland/article162975295/Wie-ein-Fensterputzer-ein-Volk-von-Atheisten-begeisterte.html

Schön, auch einmal solche Artikel in der „Welt“ zu lesen.

Vielleicht aber auch nur ein „Quotenartikel“ mit obligatorischem Merkel-Foto?

Leser des NEUEN DEUTSCHLAND wissen es noch: Erich währt am längsten – in jedem Artikel wenigstens ein Bild von ihm…

😉

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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