Zensuren gefällig? (http://www.die-neue-ordnung.de/)

Nr. 1/2017 Februar         71. Jahrgang

Editorial

Zensuren gefällig?

Konservativen Katholiken fällt es immer noch schwer, Papst und Bischöfe zu kritisieren, selbst dann, wenn diese förmlich dazu herausfordern, in Interviews etwa, die oft unerleuchtet erscheinen. Früher hatten brave Katholiken eher den Drang, die hohe Geistlichkeit in Ehrfurcht und Gehorsam gegen Angriffe zu verteidigen. Ganz früher konnten sie dabei auf amtskirchliche Inquisition, Zensuren und auf den „Index der verbotenen Bücher“ zurückgreifen. Heute liegen in Rom und zumal in Deutschland die Dinge anders: Papst und Bischöfe werden von denen gelobt, die einst zu den schärfsten Kirchenfeinden zählten. Allerdings nur unter der Bedingung des politischen Entgegenkommens und um den Preis, Abstriche von der traditionellen Lehre zu machen. Den Beifall von der „falschen Seite“ muß man nicht unbedingt verachten, wenn von daher ausnahmsweise gute Argumente kommen. Aber gute Argumente sind in emotional aufgewühlten „revolutionären“ Zeiten eher selten. Das gilt für beide Seiten, sogar für die kirchenamtliche, von der man eigentlich annehmen sollte, daß sie sich von zeitgeistigen und machtpolitischen, von hypothetischen und kontingenten Urteilen leichter lösen könnte als jene flüchtigen (partei)politischen Gestalten und Chimären, die kommen und gehen.

Der gegenwärtige, nicht immer geistesgegenwärtige Papst erweckt – anders als seine die Kontinuität von Amt und Lehre betonenden Vorgänger – gelegentlich den nervösen wie enervierenden Eindruck eines wenig souveränen, aber aktuell populistischen Zeitgenossen, der per Zeitungsinterviews seine höchst persönliche Meinung über Gott und die Welt von sich gibt. Seine erprobten Mitarbeiter kämpfen, solange sie noch nicht abgelöst worden sind, mit der Schwierigkeit, die unausgegorenen Spontanäußerungen ihres sprunghaften Chefs sinnvoll zu interpretieren und einzuordnen. Und einige Kardinäle stellen kritische Fragen. Jenseits der Unfehlbarkeit entfuhr es kürzlich Seiner Heiligkeit, daß ihn die gegenwärtigen populistischen Tendenzen in Europa an die Weimarer Republik mitsamt der nationalsozialistischen Machtergreifung durch Adolf Hitler erinnerten. Doch diese gefährliche Erinnerung ist trügerisch und verharmlost das NSRegime, denn es hätte ja schon gereicht, wenn Papst Bergoglio auf seine eigenen Erfahrungen im Kontext des populistischen Peron-Regimes hingewiesen hätte. Näherliegend wäre auch die unangenehme Erinnerung an die argentinische Militärdiktatur gewesen. Immerhin bekennt sich Papst Franziskus zur klassischen katholischen Moral- und Soziallehre von der Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens auch und gerade der Ungeborenen. Das ist wohl der Grund dafür, daß sich der Papst bisher noch nicht vom neuen US-Präsidenten Donald Trump distanziert hat, zu dessen ersten Amtshandlungen die Sistierung staatlicher Beihilfen zur organisierten Tötung ungeborener Kindern gehört. Es war übrigens die Mehrheit der katholischen Wähler in den USA, die Trump zum Sieg verhalf.

Dort lassen sich sogar die Bischöfe pro life aktivieren – anders als jene müden Oberhirten in Deutschland, die sich lieber der etablierten political correctness unterwerfen. Von den amerikanischen Wirklichkeiten und Wirksamkeiten ist die Deutsche Bischofskonferenz noch weit entfernt. In ihrem Vorsitzenden bewegt sie sich, im Unterschied zur traditionell katholischen, aber auch zur konservativ protestantischen Wählerschaft, in Richtung auf eine sozial-liberal-grüne Klientel, der das Katholisch-Christliche völlig fremd ist. Mögen auch die früher maßgeblichen Vorbehalte gegenüber einer dem Rechtsstaat und dem Völkerrecht entgegengesetzten unkontrollierten Einwanderung plötzlich durch Angela Merkels Entscheidung außer Kraft gesetzt worden sein, gibt es immer noch Bischöfe, die diesem regierungsamtlichen Treiben begeistert zustimmen. Und zwar mit Argumenten, die der endzeitlichen Ethik Jesu, also der gnadenhaft-individuell adressierten Bergpredigt entnommen sind, aber nicht den Zehn Geboten, die den Inhalt eines vernünftigen Naturrechts ausmachen, weil sie universalisierbar sind und reziprok gelten. Nicht die Gerechtigkeit im Rechtsstaat, sondern die gläubig gefühlte Barmherzigkeit ist hier zur politischen Richtschnur geworden. Hier vermischen sich Glaube und Politik, und die klassische Unterscheidung, die ursprüngliche Gewaltenteilung zwischen imperium und sacerdotium löst sich auf. Besonders in Wahlkampfzeiten sollten sich deutsche Bischöfe parteipolitisch zurückhalten, denn sie sind weder hinreichend sachlich kompetent noch theologisch legitimiert, Urteile über die Wählbarkeit von Parteien zu fällen, deren Programme sie nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Natürlich ist die AfD keine ausdrücklich „christliche Partei“, aber das sind die anderen Parteien, einschließlich der CDU, auch nicht (mehr) – und sollten diesen allzu hohen Anspruch auch nicht mehr erheben.

Aber nach welchen Maßstäben kann man sie kirchlicherseits messen? Eine politisierende Eminenz aus München riskiert ihre Amtsautorität und hat kürzlich in einem Interview eine „rote Linie“ gezogen, die sich erwartungsgemäß allein von der AfD abgrenzt: „Zum Beispiel bei Ausländerfeindlichkeit, Verunglimpfung anderer Religionsgemeinschaften, bei einer Überhöhung der eigenen Nation, bei Rassismus, Antisemitismus, bei Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, auch bei der Art und Weise, wie wir miteinander reden. Wo grob vereinfacht wird, wo Parolen zur Feindschaft beitragen – da kann ein Christ eigentlich nicht dabei sein.“ Aber stimmen diese Insinuationen überhaupt? Oder sind sie nicht selber eher „grob vereinfacht“ und geeignet, als „Parolen zur Feindschaft“ beizutragen? Wo bleiben die Kriterien von Ehe, Familie, Kinder und Lebensrecht? Wo wird die aggressive Islamisierung erwähnt, vor der sich Frauen, Homosexuelle, Juden und Christen zu fürchten haben? Solche Sorgen werden künftig wohl ausradiert, und zwar durch neue Formen (halb)staatlicher Zensur, welche fake-news und hate speech im Internet verbieten will. Sollte sich die Kirche an dieser Meinungsfreiheitsberaubung beteiligen, plädiere ich für die Wiedereinführung der Inquisition, die sich wenigstens noch um rechtsstaatliche Fortschritte verdient gemacht hat.

Wolfgang Ockenfels

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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Eine Antwort zu Zensuren gefällig? (http://www.die-neue-ordnung.de/)

  1. Marianne Lenz schreibt:

    wie schön, dass es diesen ocken – FELS gibt!!!

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