Wartezeit Advent (die-tagespost.de)

Wartezeit Advent

Es ist soweit: Wir warten auf das Christkind. Aber können wir das überhaupt noch – warten? Läuft unser Umgang mit Zeit dem Warten nicht zuwider? Von Josef Bordat

„The city never sleeps“: Nicht nur in New York fällt es Menschen zunehmend schwer, den „Augenblick“ zu erhaschen, an dem… Foto: dpa

Zunächst: Niemand wartet gerne. Wartezeiten sind Phasen, in denen wir uns fremdbestimmt fühlen, von denen, auf die wir warten, oder vom dem, auf das wir warten. Der Philosoph Stefan Gosepath von der Freien Universität Berlin warnt jedoch: „Wenn wir das Warten verlernen würden, wäre das ein kultureller Verlust.“ Was verloren ginge, sind die kontemplativen Momente, in denen man ganz bei sich ist und die Chance hat, zur Ruhe zu kommen. „Man braucht die Phasen des Nichtstuns, auch der Langeweile, zum Beispiel während einer Fahrt in der U-Bahn, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen“, so Gosepath in der „Welt“.

Doch das reine Warten gibt es heute nicht mehr. Sobald wir nicht sofort bedient werden, zücken wir das Smartphone oder Ähnliches und lenken uns ab. Psychologen wollen herausgefunden haben, dass die Schwelle hin zur inneren Unruhe beim Menschen derzeit fünf Minuten beträgt. Haben wir fünf Minuten lang nichts weiter zu tun als zu warten, ohne jede Ablenkung durch selbstbestimmte Beschäftigung, werden wir ungehalten. Wir haben Angst, etwas zu verlieren, was gar nicht verloren gehen kann: Zeit. Woran liegt das?

Es hat kulturelle Ursachen. Zeit geriet durch die Entwicklung der Zeitmessung vom Naturzustand unterschiedlichen Zeiterlebens in den Zustand der gleichförmigen wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Seit Beginn der Neuzeit wird Zeit mit Geldwert in Verbindung gebracht und einheitlich bemessen: Time is money. Die Rhythmik der Zeit ist einer Monotonie gewichen, in der kaum noch zwischen Tag und Nacht, Werk- und Sonntag unterschieden wird. Die Struktur des Tages, die Jahrhunderte hindurch von Gebetszeiten bestimmt wurde (im Klosterleben noch nachzuvollziehen, im Stundengebet), ist weitgehend aufgehoben: The city never sleeps.

Die wirtschaftliche Nutzung der Zeit, ihre Stückelung in vermeintlich gleichwertige Abschnitte und die Kontrolle über ihre Verwertung im Sinne des Effizienzgedankens haben die Industrialisierung vorangetrieben (Schichtproduktion) und – durch eine immer weiter vorangeschrittene Verdichtung der Zeit – die Informationsgesellschaft hervorgebracht, die in Lichtgeschwindigkeit Daten als ökonomische Güter handelt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ergibt sich damit ein Problem für den weiteren wirtschaftlichen Umgang mit der Zeit: Sie lässt sich nicht weiter verdichten, denn es geht nicht schneller als in der Lichtgeschwindigkeit des Internet. Der Herausforderung optimaler Nutzung von Zeit kann die Wirtschaft bei gegebener Dauer heute also nicht mehr im Rahmen gesteigerter Sukzessivität (Verdichtung durch Beschleunigung), sondern nur durch progressive Simultanität (Parallelisierung) gerecht werden.

Zudem kann durch Anpassung (also: Umstellung) der Wert eines Zeitabschnitts gesteigert werden, etwa dadurch, dass mehr und länger andauernde Helligkeit in Phasen der „Freizeit“ zu Handlungen veranlasst, die sonst unterblieben. Denn: Auch – und gerade – Freizeit gehört zum Verwertungskalkül eines ökonomischen Umgangs mit Zeit. Freilich nur solche Freizeitgestaltung, die selbst wiederum Geld kostet, also ein Produkt der Unterhaltungsindustrie ist. Für Menschen, die einfach nur im Sessel oder auf der Terrasse sitzen, lohnt sich die Sommerzeit nicht. Der Versuch der neuen Ökonomie, Wachstum nicht mehr über Beschleunigung, sondern über Parallelisierung zu generieren (multi tasking, cross selling), wirft Probleme der Überforderung, Abhängigkeit und ökonomischen Ungerechtigkeit auf. Die Kritik an der Zeitparallelisierung bezieht sich zum einen auf die Qualität des wirtschaftlichen Produkts, dem keine Reifung mehr vergönnt ist (zu kurze Entwicklungszeiten technischer Produkte). Gut Ding will Weile haben. Das war gestern. Heute muss ständig etwas „Neues“ auf den Markt. Vor dreißig Jahren wusste kaum jemand, was „Windows“ ist, heute sind wir schon bei Nummer 10.

Zum anderen bezieht sie sich auf die im vorherrschenden Trend noch mehr aufgehobene Strukturiertheit des menschlichen Lebens (24-Stunden-Gesellschaft), auf die vom zusammenbrechenden Sozialsystem weiter forcierte Vereinzelung des zeitlich zur absoluten Flexibilität genötigten „Simultanten“ (Ego-/ Single-Gesellschaft), insbesondere aber auf die gesundheitlichen Risiken durch die hohe Belastung des Parallelitätsdrucks, die sich aus der Zerrissenheit zwischen dem Hier der physischen und dem Dort der psychischen Präsenz ergeben.

Viele Menschen fühlen sich gehetzt und meinen zu spüren, dass sie „zu nichts mehr“ kommen, obwohl sie ständig aktiv sind. Weil sie ihre Aktivität nicht mehr bewusst erfahren, können sie sich hinterher kaum noch daran erinnern. Im Bewusstsein ist dann so mancher Arbeitstag völlig leer, obwohl man dreißig E-Mails beantwortet und nebenbei den nächsten Urlaub gebucht und eine neue Küche geplant hat. Da alles gleichzeitig passiert, passiert es gar nicht. Zumindest nicht im Bewusstsein.

Man ist heute immer erreichbar. Damit ist man immer auch teilweise nicht da. Nicht erreichbar für die Situation, in der man de facto gerade ist. Man lebt nicht „im Augenblick“. Aufmerksamkeit und Konzentration (nicht nur in Bezug auf Beziehungen zu Personen, sondern auch zu Sachzusammenhängen) sind nur sehr begrenzt vorhanden. Das Dilemma von partieller An- und Abwesenheit, von der Trennung des körperlichen Hier und des seelischen Dort offenbart sich. Beziehungen werden oberflächlicher und fragmentarischer, weil eine Begegnung nicht mehr beendet wird, wenn sie „gesättigt“ ist, sondern wenn sie durch neue Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen wird (so etwa in Chats oder bei Anrufen auf dem Mobiltelefon, die „selbstverständlich“ Priorität haben).

Als Folge des Paradigmas der permanenten Erreichbarkeit steht die Schizophrenie fragmentarischer Raum- und Zeiterfahrung. Die Diskrepanz zwischen physischer und psychischer Anwesenheit ist häufig Ursache für fehlende Zufriedenheit mit realen Beziehungen, weil der Andere nur durch den Schleier des Telefon-Klingelns und der potenziell gegebenen anderen Kommunikationsmöglichkeit in Chats bruchstückhaft wahrgenommen wird. Man ist nicht bei sich, auch nicht bei dem, der vor einem steht, sondern man wartet stets auf die nächste Option, die verspricht, uns noch glücklicher zu machen. Oder, im Jargon der Zeit: noch mehr Spaß bereitet.

Und der Advent? Der will uns auf die eine Option vorbereiten, die alles ändert. Der uns ganz will. Der uns warten lässt. Der uns zu einer Vorbereitung auf Weihnachten einlädt, auf das Fest, das uns Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Die Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Das klingt sehr anspruchsvoll und ist es auch. Alfred Delp, Jesuit und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, hat es mit drastischen Worten ausgedrückt: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Geht das denn überhaupt: Erschütterung, wach werden, zu sich selbst kommen – zwischen Glühwein, Lebkuchen und verkaufsoffenem Sonntag? Worauf bereiten wir uns vor – im Advent? Denken wir Weihnachten von uns her, auf dass es ein schönes Fest werde, in der Familie oder im Freundeskreis? Oder stellen wir uns selbst zurück und denken Weihnachten von Gott her? Feiern wir es wirklich als Fest der Menschwerdung Gottes im Christuskind?

Dann können wir auch schon den Advent von Gott her begehen und mit dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer zu der Erkenntnis gelangen, dass es auf unser Tun dabei gar nicht so sehr ankommt. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge schreibt Bonhoeffer am 21. November 1943 aus dem Gefängnis Berlin-Tegel: „Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“

In der Tat – kein schlechtes Bild: die Tür, die nur von außen aufgetan werden kann. Das Volk, das im Dunkeln lebt, findet in der Dunkelheit keine Möglichkeit, sich selbst zu erleuchten. Das Licht muss von außen in die Nacht hineinkommen. Dadurch, dass Gott in die Welt kommt. Wenn wir also in den nächsten Wochen die Türen von Kaufhäusern und die Türchen des Adventskalenders öffnen – denken wir daran: Dass uns die Tür zur Krippe, in der Gott als Mensch liegt, ganz weit offen steht, ist nicht Resultat unserer Geschäftigkeit, sondern das Geschenk der Liebe Gottes. Es lohnt sich, auf dieses Geschenk zu warten.

Interessanterweise kann „warten“ im Deutschen auch bedeuten, dass man die Funktionstüchtigkeit eines technischen Systems überprüft, kleinere Störungen an Maschinenteilen behebt, die (noch) nicht der grundlegenden Sanierung oder des Austauschs bedürfen. Auch das ist eine Geduldsprobe, weil die Maschine in der Wartungszeit still steht. Ein Aufzug, der gewartet wird, lässt die Menschen warten. So wird die Wartezeit Advent auch zur Wartungszeit, zu einer Zeit der Selbstüberprüfung. Läuft alles rund? Oder gibt es schon Verschleißerscheinungen?

Wartung durch Warten. Vielleicht nur ein Wortspiel. Vielleicht aber auch die Chance, einen anderen Umgang mit Zeit und mit den eigenen Ressourcen zu erlernen. Dann wäre die Wartezeit Advent ein großer Gewinn für den modernen Menschen, der unter den Bedingungen der gegenwärtigen Zeitökonomie lebt – und leidet. Müsste man mal ausprobieren. Wenn dafür nur Zeit wäre!

Ausharren. Warten können. Geduldig sein.

Alles Begriffe von vorgestern. Heute ist man „auf der Überholspur“, „gibt Gas“ und „gestaltet“ Gottesdienste und „designt“ seine Freizeit. Bei aller Würdigung der durchaus sinnvollen und nützlichen technischen Möglichkeiten von Mobiltelefon und Computer, scheinen doch derzeit ganze Heerscharen selbstzufrieden im digitalen Delirium angekommen: laufen beim Pokemon-GO kreuz und quer durch die Gegend und rennen – Blick starr auf dem Display – jeden um, der nicht rechtzeitig zur Seite springt – und sei es im größten Gewusel am Hauptbahnhof. Nicht umsonst ist die chronische Überforderung überall anzutreffen, treibt immer mehr Menschen in Depressionen. Den „Architekten des Zeitgeistes“ gilt mittlerweile schon als verdächtig, wer ohne Facebookseite und Dauerempfang geschaltetes Mobiltelefon durchs Leben geht – am Ende hat der was zu verheimlichen? Der souveräne Umgang mit der (Frei-)zeit wird immer mehr zum Lakmustest: als Herdentier „angesagte“ (von wem?) Parolen mitblöken oder Medien auswählen, Standpunkte abwägen, reflektieren? Sucht man Ruhe oder Lärm? Hält man Stille aus oder sucht man die permanente audiovisuelle Reizüberflutung? Unterwerfe ich mich unkritisch dem sozio-kulturellen Mainstream oder erarbeite ich mir (m)einen eigenen Standpunkt? Akzeptiere ich vorauseilend Sonntagsarbeit, oder bin ich bereit, für mein intaktes Familienleben samt Glauben Nachteile in Kauf zu nehmen? Über kurz oder lang wird auch der zeitgeistigste Massenmensch diesen Fragen nicht ausweichen können…

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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