Entweltlichung (petrusbruderschaft.de/media/Infoblaetter/alte_Ausgaben/2016_11.)

Informationsblatt

der Priesterbruderschaft St. Petrus

November 2016

 

Entweltlichung

Vor fünf Jahren verabschiedete sich Benedikt XVI. mit einem Paukenschlag aus Deutschland. Es war ein Weckruf in die Krise unserer Kultur.

P. LIC. SVEN CONRAD FSSP

Wer die Ansprache von Papst Benedikt XVI. am 25. September 2011 im Konzerthaus von Freiburg vor der katholischen Elite mitverfolgt hat, wird sich an Journalisten und Intellektuelle erinnern, die der Hl. Vater mit seinen Worten förmlich aus der Fassung gebracht hat. Fünf Jahre sind seitdem vergangen, und nun legt der emeritierte Pontifex in dem von Peter Seewald besorgten Interviewbuch „Letzte Gespräche“ nochmals nach. Er erntet erneut Unverständnis: Der Theologe und Journalist Daniel Deckers etwa unterstellt ihm einen „Ton der Verbitterung“.

Um den Ruf nach Entweltlichung der Kirche einzuordnen, sind zunächst einige begriffliche Unterscheidungen notwendig. Welt kann in der Heiligen Schrift einerseits Gottes gute Schöpfung bedeuten bzw. die Schöpfung, die noch der Vollendung harrt. Sie ist prinzipiell das Objekt von Gottes Liebe und Zuwendung. „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3,16) Andererseits meint der Begriff auch das Gottwidrige, die Welt, insofern sie sich Gott und seinem Heilsplan entgegenstellt. „Denn alles, was in der Welt ist, ist Begierde des Fleisches, Begierde der Augen und Hochmut des Lebens.“ (1 Joh 2,16) Das wichtigste Prinzip des Weltbezugs der Kirche läßt sich aus Joh 17 ableiten. Demgemäß sind die Jünger „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“. Zum weiteren Verständnis hilft auch eine (noch) verbreitete Ausdrucksweise, die in schlichter Art klassische Theologie zum Ausdruck bringt. Wir sprechen von den Klerikern als „Geistlichen“ in Unterscheidung von den Gläubigen oder Laien, freilich nicht so, als hätten die Gläubigen nichts Geistliches an sich und die Kleriker keinen Glauben. Diese Begriffe bringen zum Ausdruck, daß der Klerus sich in einer besonderen Weise Gott weiht, stellvertretend für alle vor Gott steht und sich um die Verwaltung der geistlichen Belange des Gottesvolkes sorgt. Den Gläubigen hingegen ist in besonderer Weise die Sorge um die Welt anvertraut. Das II. Vatikanische Konzil betont zu Recht den Weltauftrag der Laien und konkretisiert ihn: „Die Laien aber, die am ganzen Leben der Kirche ihren tätigen Anteil haben, sind nicht nur gehalten, die Welt mit christlichem Geist zu durchdringen, sondern sie sind auch dazu berufen, überall, und zwar inmitten der menschlichen Schicksalsgemeinschaft, Christi Zeugen zu sein.“ (GS 43) Die Laien in der Welt stellen also den Weltbezug der Kirche dar, die Priester und Ordensleute hingegen sind, vor allem durch die gottgeweihte Ehelosigkeit, ein personales Zeichen für das Zukünftige, für die „Welt der Auferstehung“ (Benedikt XVI., Gebetsvigil 10. Juni 2010), jene letzte Einigung der Erlösten mit und in Gott, auf die alles zielt. (vgl. 1 Kor 15,28) Da kirchliches Leben entscheidend von der Hierarchie vorgegeben wird, muß folglich auch diese Welt der Auferstehung im Handeln der Geistlichen sichtbar werden, wenn sie ihrer Identität treu sind. Wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, so ist auffallend, daß die Kirche sich von Anfang an nicht neben der weltlichen Wirklichkeit zu etablieren suchte, also keine Parallelgesellschaft aufgebaut hat. Im frühchristlichen Brief an Diognet heißt es: „Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. … Sie sind im Fleische, leben aber nicht nach dem Fleische. Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze.“ Die frühe Kirche zeigt auch dadurch ein Naheverhältnis zu Welt und Gesellschaft, indem sie mit den „Diözesen“ die territoriale Untergliederung des Römischen Reiches für die Umschreibung der Sitze ihrer eigenen Amtsautorität übernahm. Diese enge Verbindung von Kirche und Welt ist eine Konsequenz der Inkarnation. Der Sohn Gottes ist seiner Menschheit nach Teil dieser Welt geworden. Im Mittelalter ist war es nicht selten, daß man ganze Städte „heilig“ nannte. Sie waren eben durch Kirchen und Klöster geprägt, und man kann davon ausgehen, daß Tag und Nacht immer wieder irgendwo eine Glocke Mönche und Nonnen der unterschiedlichen Orden ihrer Gewohnheit gemäß zum Stundengebet rief, dem sich auch das Volk nach seinen Möglichkeiten anschloß. Der weltliche Kalender entsprach den Buß- und Festzeiten der Kirche. Bis vor kurzem waren auch viele unserer Länder noch ganz vom katholischen Glauben geprägt, so etwa auch jenes Bayern, in dem Joseph Ratzinger aufgewachsen ist. Dagegen wendet sich sein Ruf nach Entweltlichung natürlich nicht! Die Kirche hatte hier eine solche Transformationskraft, daß sie die gesamte Kultur christlich durchtränkte.

Das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft ist nicht immer positiv. In einigen Ländern gibt es bis heute schlimme Christenverfolgungen. Die Neuzeit hat ihrerseits stets versucht, einen vom kirchlichen Leben unabhängigen säkularen Raum zu schaffen. Hier liegen die Wurzeln des modernen Staates. Es gibt beim Verhältnis von Kirche und Gesellschaft aber auch eine ganz subtile Gefahr. Genau auf diese weist Papst Benedikt hin und fordert hier konsequent die Entweltlichung. Die Kirche kann selbst gewissermaßen „satt“ werden, kann sich zu sehr einrichten in der Welt und sich weltlich-politische Maßstäbe zu eigen machen. Alles klingt im einzelnen dann wohlüberlegt und vordergründig vernünftig. Hier besteht die Gefahr, sich von der klaren Sendung der Kirche zu entfernen. Die Vertreter der Kirche vergessen in einem solchen Fall, daß die Gestalt dieser Welt vergeht (1 Kor 7,31). Sie vergessen, daß sie nicht der verlängerte Arm der Politik und des gesellschaftlichen Mainstreams sind, sondern berufen, Zeichen zu sein für die neue Welt der Auferstehung. Verweltlicht ist die Kirche ohne jede Bedeutung.

Papst Benedikt sagt: „Die Sendung [der Kirche] gründet zunächst in der persönlichen Erfahrung: ‚Ihr seid meine Zeugen‘ (Lk 24,48); sie kommt zum Ausdruck in Beziehungen: ‚Macht alle Menschen zu meinen Jüngern‘ (Mt 28,19); und sie gibt eine universelle Botschaft weiter: ‚Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen‘. (Mk 16,15) Durch die Ansprüche und Sachzwänge der Welt aber wird dieses Zeugnis immer wieder verdunkelt, werden die Beziehungen entfremdet und wird die Botschaft relativiert. Wenn nun die Kirche, wie Papst Paul VI. sagt, ‚danach trachtet, sich selbst nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden, in der sie doch lebt oder der sie sich nähert.‘ (Enzyklika Ecclesiam Suam, 60) Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie auch immer wieder Di- stanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen ‚ent-weltlichen‘.“ Das theologische Denken Joseph Ratzingers ist tief von den beiden Polen der Inkarnation und des Kreuzes bestimmt. Auf die Frage des Verhältnisses von Kirche und Welt angewandt bedeutet dies: Die Kirche sucht sich, der Logik der Menschwerdung gemäß, in die Welt zu verströmen, aber ohne sich an sie zu verlieren. Sie muß deshalb wie ihr Herr das Kreuz annehmen und ist somit berufen, teilzuhaben an seinem Paschamysterium. So wird sie immer mehr die Gaben des Heiligen Geistes empfangen, selbst in diesem Sinne vergeistigt werden und den Kosmos vergeistigen können. Indem sie zuweilen also das Eigene hingibt, trägt sie das Ihrige bei zur Heimholung der Welt. Benedikt XVI. verweist als historische Beispiele auf die Säkularisationen. Wenn die Kirche verweltlicht, verstellt sie den Blick auf das Kreuz. Sie arrangiert sich dann mit der Welt und lebt wie die, die keine Hoffnung auf Größeres haben. Sie wird wie ein Mensch, der die Güter der Schöpfung nicht nur dankbar gebraucht, sondern sich an sie verliert. Papst Benedikt fordert in seiner Freiburger Rede den freien Blick auf das Skandalon des Kreuzes, um missionarische Dynamik zu entwickeln. Bereits 1958/59 erkennt der junge Ratzinger in „Die neuen Heiden und die Kirche“ die Entweltlichung der Kirche als notwendig um des Glaubens willen. Er bleibt sich gleich und ist alles andere als verbittert! Damals wie heute richtet er sich gegen eine entleerte Struktur, die selbst nicht mehr tragfähig ist. Der emeritierte Papst wird nun sehr konkret und wendet sich gegen einen „etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten“ und plädiert für die Erneuerung der „Dynamik des Glaubens.“ (S. 247)

Seine Worte könnten dem Abendland eine Erneuerung schenken.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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