Europa und das Christentum (http://www.die-neue-ordnung.de/)

 

Astrid Meyer-Schubert

Europa und das Christentum

Wozu braucht Europa Gott?

Außerhalb Europas hat man es längst erkannt. Europa ist ein bloß bürokratisches Mach- und Regelwerk, mit dem Euro als Symbol, ein ökonomisch-politischer Zusammenschluß. Da diesem Gebilde das Wort Kultur für seine Belange im Grunde unbekannt ist, propagiert es schon seit einiger Zeit das Bild einer toleranten Multikulturalität, die sich aus Zivilisationen zusammensetzt, welche in aussereuropäischen Regionen entstanden sind. Der Erneuerung Europas liegt die Vorstellung einer Vielfalt an Lebensformen zugrunde, welche aber im toten Winkel der europäischen Rechtsprechung liegen. Daß dieses künftige Europabild einem gefährlichen Irrtum verfällt, soll im folgenden aufgezeigt werden. Denn das Recht, auf das staatliche Institutionen sich gründen – im vorliegenden Fall die Menschenrechte – ist Produkt einer bestimmten Tradition. Wenn wir das europäische Rechtssystem beibehalten wollen, so müssen wir konsequenterweise auch die Bedingungen aufrechterhalten, welche es hervorgebracht haben. Diese sind vom Christentum entscheidend mitgestaltet worden. Deshalb besteht die Notwendigkeit einer christlichen Leitkultur für Europa. Um sagen zu können, was Europa in der Vergangenheit war, in der Gegenwart ist und in Zukunft sein soll, welche Aufgabe ihm im globalen Kräftemessen zufallen könnte und welche weltpolitischen Ziele und Visionen es zu formulieren hat, braucht es eine Rückbesinnung auf seine Wurzeln, einen festen Kern, ein Selbst, mit dessen Hilfe es seinen Standort in der Welt und eine Abgrenzungsmöglichkeit zu anderen Kulturen benennen kann. Nicht die sich schleichend durchsetzende Multikulturalität der EU oder etwa die geschlechterpolitische Kunstsprache, welche die Zweigeschlechtlichkeit destruieren, in eine phantastische Vielgeschlechtlichkeit verwandeln will und damit den Nihilismus einer Nicht-Identität provoziert, verhilft diesem alten Kontinent zu einem Selbstsein, sondern die Formulierung eines gemeinschaftlichen Seins, das Europa zu neuen Ufern aufbrechen läßt. Denn Europa angesichts der organisierten Flut an Flüchtlingen, einer modernen Art der Landnahme, einer Invasion orientalischer Kultur, schon jetzt verloren zu geben, wäre verfrüht. Zunächst ist allerdings davon auszugehen, daß die autochtone europäische Bevölkerung auszusterben droht, weil der Nachwuchs durch die geringe Anzahl von Kindern gefährdet ist, Immigranten die zukünftige Mehrheit bilden werden und damit die Gefahr einer kulturellen und religiösen Eroberung vor der Tür steht. Da die sogenannte Multikulturalität durch die EUPolitik gefördert wird, zeigt die Befürchtung einer künftigen religiösen Besitznahme Europas ihre politische Relevanz. Während es im hausgemachten Nihilismus versinkt, schafft es Raum für fremde Religionen und Einflüsse.

Vergangenheit

In Hinblick darauf, daß Europa auf den vielzitierten drei Hügeln, Athen – Rom – Jerusalem beruht, und in der Absicht, zur Revitalisierung des christlichen Geistes dieses Kontinents einen Beitrag zu leisten, sei ein kurzer Überblick über die historische Faktenlage gegeben. Europa hat im Gegensatz zu Amerika eine Geschichte, die seine ganz eigene Spezifik ausmacht. Die bis in unsere moderne Zeit Spuren hinterlassende griechische und römische Kultur kann mit Recht als zwei der eben genannten Hügel Europas bezeichnet werden. Die Wurzeln der klassischen geisteswissenschaftlichen Sparten, die in der gegenwärtigen universitären Vermittlung immer dünner vertreten sind, stellen den Beginn politischer und rechtlicher Traditionen dar, die bis heute tragen. In Griechenland wurde der Grundstein einer Denkungsart gelegt, welche sich durch die weitere Geschichte Europas zieht. Solon, Vorbereiter der attischen Demokratie durch die Stärkung der athenischen Bürgerschaft und der Ausbau demokratischer Strukturen durch Perikles hatten und haben eine ebenso starke gesellschaftspolitische Gestaltungskraft wie das Denken der Philosophen Platon und Aristoteles einen prägenden Einfluß auf die gesamte europäische Geistesentwicklung verzeichnet. Idealismus und Empirismus waren und sind bis heute die beiden methodischen Kontrahenten geistes- und naturwissenschaftlicher Erfassung von Wirklichkeit. Aber auch die griechische Mythologie hat ihren Beitrag geleistet, die, von den Römern übernommen, die Renaissance in ihrer künstlerischen Vielschichtigkeit ermöglichte. Die Infrastruktur des römischen Reiches hat der Verbreitung des Christentums gedient, von seinem Verwaltungssystem haben die späteren Jahrhunderte gelernt und seine Auffassung vom Recht war die Grundlage unseres heutigen Rechtssystems, das durch die historische Rechtsschule des Romantikers Carl Friedrich von Savigny Anfang des 19. Jahrhunderts eine Besinnung auf das römische Recht einleitete. Im Mittelalter gab es noch kein einheitliches Rechtssystem. Der dritte Hügel, auf dem Europa ruht, ist Jerusalem, der Ort des christlichen Anfangs Europas. Christi Botschaft durchdringt schließlich den ganzen Kontinent. Mit der Verbreitung des Christentums unter Karl dem Großen ging eine gezielte Förderung von Wissenschaft und Kunst einher, die eine Erstarkung der Schriftkultur zur Folge hatte. Die lateinische Sprache, damals Basis für kulturellen und geistlichen Austausch, galt es vor dem Verfall zu bewahren. Die neu ausgestaltete Hofbibliothek sollte das vorhandene Bildungsgut sammeln, bewahren und pflegen. Kloster- und Domschulen wurden reformiert und verstärkt gefördert. Antike Autoren wie Ovid, Virgil, Sallust, Horaz und andere antike Texte wurden kopiert und damit am Leben erhalten. Ebenso galt das Interesse ‚alten Heldenliedern‘. Goldschmiedearbeiten, Buchkunst und Handschriften standen im Zentrum der Unterstützung künstlerischer Arbeiten. Die Teilung des Frankenreichs in ein Ost-und Westfrankenreich brachte im 10. Jh. Frankreich und das Heilige Römische Reich hervor, welche sich über den christlichen Gott legitimierten. Im 11. Jahrhundert erblühten Venedig und Florenz wirtschaftlich und kulturell, die ersten Universitäten wurden gegründet. Das 14. Jahrhundert leitete mit dem Humanismus und der Renaissance eine neue Hinwendung zur europäischen Antike ein. Mensch und Natur wurden ins Zentrum der wissenschaftlichen und künstlerischen Betrachtung gestellt und damit Erfahrung mit und Beobachtung der Natur. Damit wird eine ‚Weltlichkeit‘ eingeleitet, welche den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Ja, der Mensch ist so frei – und das mache nach Pico della Mirandola seine Würde aus – alles zu werden, was er nur will. Er kann vegetieren wie eine Pflanze, sich gebärden wie ein Tier und ein Engel auf Erden sein. Ja, er schafft es sogar zur göttlichen Perfektion. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, daß die Denker, Wissenschaftler und Künstler der damaligen Epoche nie ihren christlichen Gottesglauben aufgegeben haben. Ob ein Petrarca, Boccaccio oder Erasmus von Rotterdam, ein Albrecht Dürer oder William Shakespeare – sie waren Christen und der moderne Humanismus ist ohne die Existenz des christlichen Glaubens nicht zu denken. Das Zusammenspiel beider (aber auch der Kampf gegeneinander) ermöglichte eine fruchtbare Entwicklung europäischer Ordnungen. Die Auseinandersetzung mit antiken Quellen, die Unterstützung wissenschaftlicher Neugier und der weiterhin bestehende Glaube an den christlichen Gott schufen ein spirituelles Klima, das im modernen Europa dem Nihilismus preisgegeben wird. In diesem Zusammenhang ist Martin Luther von Bedeutung. Seine Forderung nach einer selbstverantworteten direkten Rede zu Christus über die Evangelien und das alleinige Vertrauen auf den Glauben des einzelnen Menschen an Gott rief eine Volksbewegung hervor, die dem Humanismus nicht gelang, aber durch ihn auf intellektuellem Niveau vorbereitet wurde. Der ‚bessere‘, humanere Mensch sollte durch Bildung hervorgebracht werden, die Evangelien für jeden lesbar sein. Der Protestantismus leitete jedoch durch eine hohe Kompromißbereitschaft der Säkularität gegenüber und durch eine Entspiritualisierung des Glaubens eine Schwächung kirchlicher Institutionen ein. Dieses Phänomen zeigt sich ebenfalls im heutigen Europa. Die durch den aufkommenden Protestantismus entstandenen Spannungen mit dem Katholizismus führten zum dreißigjährigen Krieg. Der 1648 geschlossene Frieden war das Produkt jahrelanger Verhandlungen, an denen sich alle Kriegsparteien beteiligten. Eine politische Neugliederung Mitteleuropas begann, die Verfassungsordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation übernahm die neuen Regelungen. Damit erfolgte die Gleichstellung von Katholizismus und Protestantismus. Die Motivationen für die Friedensverhandlungen waren Kriegsmüdigkeit und Mangel an notwendigen Ressourcen. Jetzt begrenzte die nüchterne Weltlichkeit die Religion. Allgemein kann man sagen, daß die zahllosen Schlachten und Kriege, die Fähigkeit zu Bündnissen sowie die Kraft zum Frieden, den die einzelnen Kleinstaaten und Fürstentümer und späteren Nationen immer wieder schlossen, den Kontinent die Jahrhunderte hindurch kulturell erstarken ließen. Die durch die ethnischen und regionalen Abgrenzungen und die Entstehung der Nationen aufkommende Vielfalt zeichnet sich aber durch eine Gemeinsamkeit aus: den christlichen Glauben. Er gab allen Auseinandersetzungen Europas eine gemeinsame Note. Diese christliche Leitkultur war im Laufe der europäischen Geschichte auch immer wieder siegreich gegenüber den Herausforderungen durch den Islam. Man denke dabei an folgende Ereignisse: Seit dem 8. Jahrhundert fand der Islam mittels der Araber Verbreitung über das Mittelmeer von Kleinasien über Sizilien nach Spanien. Im Jahre 732 gewannen die fränkischen Truppen unter Karl Martell die Schlacht von Tours und Poitiers und beendeten damit die islamische Invasion Richtung Westen. Ab Ende des 11. Jahrhunderts begannen die Kreuzzüge, die bis ins 13. Jahrhundert andauerten. Zu denken ist selbstverständlich auch an die Türkenkriege, wo das christliche Europa wiederum ernsthaft durch den Islam bedroht wurde. Abgesehen von anderen außereuropäischen Mächten, z.B. den Awaren und Mongolen (13. Jahrhundert Ost-bzw. Mitteleuropa), war es immer wieder der Islam, der Zugang zu Europa forderte. Der Islam fand bis 1492 auf der iberischen Halbinsel Verbreitung, wo er aber schließlich durch die Reconquista endgültig besiegt wurde. Die Eroberung des Byzantinischen Reiches und Konstantinopels durch die Osmanen im 15. Jahrhundert leitete für die Historiker das Ende des Mittelalters ein. Aber auch geistesgeschichtlich ist darauf hinzuweisen, daß sich die Philosophie eines Avicenna (Ibn Sina, 980-1037) und Averroes (Ibn Roschd, 1126-1198) in vom Islam beherrschten Teilen der Welt nicht entwickeln konnte. Beide nahmen aristotelische Arbeiten in die islamische Glaubenshaltung auf und verarbeiteten sie. „Die Materie, in der sich aus Gott strömende Formen verwirklichen, den Grund der Vielheit der Individuen, erklärt Avicenna für ewig“1, schreibt Ernst von Aster in seiner Geschichte der Philosophie. Averroes´ „Werke sind Paraphrasen und Kommentare der Aristotelischen Schriften. Die Religion ist ihm bildliche Darstellung der philosophischen Wahrheit, das credo ut intelligam wandelt sich also hier in den Gedanken, daß der religiöse Glaubensinhalt nur eine andere – exotische – Form der philosophischen Vernunfteinsicht ist.“2 Anhand des Umgangs mit diesen Philosophen, aber auch anderen geistigen Strömungen, wie z.B. dem von der griechischen Philosophie beeinflußten Mutazilismus, zeigt sich die Grenze des Islam, weil sie von Mohammeds Botschaft her die Differenz zwischen Weltlichkeit und Religion nicht versteht. Bildungsgut aus der Antike, das innerhalb europäischer Geschichte zur intellektuellen Beweglichkeit beigetragen hat, wurde vom Islam ignoriert.

Gegenwart

a) Fakten Unsere gegenwärtige Zeitepoche beginnt im 19. Jahrhundert. Die Theorien des Marxismus, Liberalismus und des Nationalismus wurden hier ideologisch bzw. philosophisch und literarisch erarbeitet, der christliche Glaube mehr und mehr geschwächt. „Jede rein moralische Wertsetzung .. endet mit Nihilismus: dies für Europa zu erwarten!“ schreibt Nietzsche. „Man glaubt mit einem Moralismus ohne religiösen Hintergrund auszukommen: aber damit ist der Weg zum Nihilismus notwendig.“3 Die Abwesenheit eines transzendenten Gottes erfordert immanente Gottheiten. So sorgt das 19. Jahrhundert für Ersatzreligionen, die für die Werte des Geistigen, der Emotion bzw. Einbildungskraft und des Gemeinschaftlichen einstehen. Die ‚Gesellschaft‘ ersetzte den Begriff des Geistes, die Romantik schuf für den einzelnen das ‚tiefe Gefühl‘, um dem nüchternen aufgeklärten Alltagsdenken ein Gegengewicht zu bieten und die Nation gab der Gruppe, der ‚Solidargemeinschaft‘, dem ‚Wir- Gefühl‘4 eine Identität. „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat.“5 Der liberale Gedanke bietet dem Individuumsbegriff eine Entfaltungsmöglichkeit, verkommt aber heute zum bloß egoistischen Welthaben, weil einerseits der Bezug zum Allgemeinen und andererseits die Metaphysik fehlen. Sozialismus und Nationalismus sind romantisch untermalt und bieten ein Surrogat für die Religion. Bis heute regiert das 19. Jahrhundert unser politisches Leben, welches mit den Worten ‚rechts‘ und ‚links‘ das öffentliche Handeln instrumentalisiert. Es nimmt nicht Wunder, wenn das Christentum mehr und mehr im Hintergrund versinkt. Der Deutsche Idealismus, der mit der Vorstellung eines sich absolut entfaltenden Geistes, einer Identität von Geist und Natur oder des absolut gesetzten Subjekts den christlichen Gott zu verdrängen droht, entwickelt sich aus dem Werk Immanuel Kants. Dieses ist noch dualistisch, begrenzt die Erkenntnisfähigkeit des Ich durch die Formen der Anschauung (Raum und Zeit), mit denen der Mensch der Welt des Gegebenen, des Materiellen, der Natur begegnet. Gott gehört in den Bereich des ‚Dinges an sich‘, das für das denkende Individuum unerkennbar ist, jedoch praktische Bedeutung hat. Der Idealismus in Gestalt Fichtes, Schellings und Hegels wiederum nimmt dieses ‚Ding‘ in sein Erkenntnissystem hinein. Was bei Kant noch als ein ‚Apriori‘ vorausgesetzt wird, mutiert bei Fichte zum Subjekt, das ‚sich selbst setzt‘ und das ‚Du‘ als Nicht-Ich ansieht. In Schellings Philosophie wiederum sind Natur und Ich identisch, wobei beide in sich eine Dynamik haben. Hegels ‚Identität der Identität und Nicht-Identität‘ faßt die Vielheit in eine Einheit, den Geist, zusammen. Die Philosophie als höchste zur reinen Abstraktion fähige Stufe des Geistes ersetzt die Religion. Hier nimmt die Absolutheit des Geistes die Position Gottes ein. Ist für Aufklärung und Idealismus trotz des Ichzentrismus der Gottesglaube noch in den Denksystemen integriert, so verliert er sich im 20. Jahrhundert weitgehend im analytischen Denken und wissenschaftlichen Positivismus. Der Mensch ist Mittelpunkt, anthropologische Erklärungsversuche erobern so wie der Empirismus die intellektuelle Schau. Zusammenfassend kann man sagen, daß das ‚Cogito, ergo sum‘ des Descartes die Linie des neuzeitlichen Humanismus bis heute vorgibt, das Ich im Prozeß menschlichen Erkennens eine zentrale Rolle spielt. Dabei gerät die Ethik ins Hintertreffen und verfängt sich im Netz der Relativität.

Denn der Mensch ist das Maß aller Dinge. Was aber ist der Mensch ohne Bezug zu Gott? Die Frage nach der Selbstdefinition Europas ist umso schwerer zu beantworten, je mehr es sich von seinen Wurzeln entfernt. „Was war geschehen? Es war geschehen, daß die Väter (der europäischen Charta, Anm. der Autorin), weil sie Europa weder auf seine Geschichte bauen wollten noch konnten und sich entschlossen, es auf ein Ideal (Werte und Prinzipien) zu bauen, es in ein juristisches Empyreum projiziert hatten, das nicht zufällig ‚gemeinsamer Raum‘ genannt wird und in das Europa zwar eingeht, aber desinkarniert, gereinigt, enthistorisiert, in der Gestalt einer abstrakten Gemeinschaft abstrakter Individuen.“6 Der heutige europäische Nihilismus ist selbstgemacht. Auguste Comte, John Stuart Mill, Ludwig Feuerbach, Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche sind schon Gefangene eines Europas, das im geistigen Niedergang begriffen ist. Doch die jetzige Kraftlosigkeit, welche die moderne europäische Intellektualität ausmacht, muß nicht das Ende dieses Kontinents einleiten. Denn der Hügel Golgatha kann freigeschaufelt werden durch Anknüpfung geisteswissenschaftlicher Aktivitäten an den christlichen Glauben und dem damit verbundenen erneuten Zugang zu den Evangelien. Europäische Wissenschaft und Kunst gewannen ihre herausragende Gestaltungskraft durch die Auseinandersetzung mit der christlichen Religion, welche sich im Kampf gegen den Islam profilierte. Die jetzige kulturelle Sackgasse, in der sich Europa in Form der EU gefangen sieht, könnte durch eine erneute Hinterfragung der Sinnhaftigkeit menschlichen Handelns umfahren werden. Verantwortlich für die fehlende intellektuelle Kraft in Europa gegenüber dem Eindringen anderer Kulturen und Religionen sind der Nihilismus7 und ein Toleranzdenken, das auf eine gezielte Schwächung der europäischen Tradition hinausläuft. Deshalb muß das christliche Fundament der Rechtsstaatlichkeit herausgearbeitet werden, die als bloßes Regel – und Normsystem zu abstrakt ist, um Europa einen Sinngehalt zu geben. Wofür, so stellt sich die Frage, braucht der europäische Mensch also den christlichen Gott? Bevor diese Frage diskutiert wird, seien zunächst ein paar kritische Hinweise gegeben. Um dem geistigen Verfall Europas Einhalt zu gebieten, werden Bürger und Bürgerinnen gebraucht, die ein realistisches Engagement für den Erhalt seiner Werte zeigen, die ihnen Freiheiten und Menschenrechte brachten, welche einmalig auf der Welt sind. Der derzeitige Tiefschlaf der Bewohner Europas ist nicht nur ihrer sozialen Abgesichertheit und der paradiesischen Möglichkeit ihres haltlosen Konsumierens geschuldet. Es ist neben einer narzißtischen Selbstgefälligkeit auch ein Mangel an Gemeinschaftsgefühl, ein fehlendes Wir-Bewußtsein, das in isolierter Einzelhaft Gleichgültigkeit, Lethargie und Apathie hervorbringt. Gleichwohl bedeutet dies die Aufzehrung der Kräfte der Europäer in einer immer hektischer werdenden Arbeitswelt, die sie privat die Augen schließen läßt vor einer Politik der leeren Versprechungen. Der Sinngehalt eines allfälligen politischen Engagements scheint zu fehlen.

Wen aber wundert diese Lethargie? Wer keine Werte hat, kein Ziel, kann die Kraft für einen Kampf nicht aufbringen. Wer den aufziehenden Taifun nicht zu sehen vermag, weiß seine Standfestigkeit nicht einzuschätzen. Die europäische Kultur sinkt mit Hilfe der EU vollends auf den Nullpunkt. Ihr Nihilismus ist seit langem vorbereitet. „Die nihilistischen Folgen der Newtonschen Himmelsmechanik hat der Wissenschaftshistoriker Alexandre Koyré treffend als die ‚Zerstörung des Kosmos‘ bezeichnet. Das wissenschaftliche Denken nach Newton habe alle Überlegungen aufgegeben, ‚die auf Wertvorstellungen wie Vollkommenheit, Harmonie, Bedeutung und Zweck beruhen‘; am Ende stehe ‚die völlige Entwertung des Seins, die Scheidung der Welt der Werte von der Welt der Fakten‘. Und noch einmal sei das Nietzsche-Wort zitiert: ‚Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Zentrum ins x.‘“8 Die Naturwissenschaften der letzten Jahrhunderte, die Philosophie, die Psychologie, soziale und literarische Bewegungen wie die Romantik und daraus entstehende politische Bewegungen, aus denen wiederum menschenfeindliche Systeme (Nationalsozialismus/Sozialismus) erwuchsen, haben Europa auf einen wertmäßigen Tiefpunkt gebracht. Gleichzeitig vermitteln sie uns aber auch ein Wissen, auf das nicht verzichtet werden kann. Die technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften sowie medizinische Erkenntnisse haben eine angenehmere und reichere Lebenswelt geschaffen und den Menschen aufgrund von Wohlstand – zumindest seinem Anspruch nach – friedlicher werden lassen. Daß die materiellen Gesetzmäßigkeiten der Natur errechnet und im Dienst des Mikroskops Mikrowelten und mit Hilfe des Fernrohrs Makrowelten erkannt werden konnten, das Ego des einzelnen Menschen erst einmal wertfrei und ohne sofortige Tabuisierung formuliert werden durfte, sind sicherlich einer positiven Entwicklung der europäischen Kultur zuzuschreiben. Allerdings zeigt sich die negative Seite in der Unwissenheit des richtigen Umgangs mit den Produkten unserer mannigfaltigen wissenschaftlichen Erkenntnis. So sagt Günther Anders: „Glaube heute vormittag einem neuen Pudendum auf die Spur gekommen zu sein; einem Scham-Motiv, das es in der Vergangenheit nicht gegeben hat. Ich nenne es vorerst für mich ‚Prometheische Scham‘; und verstehe darunter die ‚Scham vor der ‚beschämend‘ hohen Qualität der selbstgemachten Dinge‘.“9 Die ‚prometheische Scham‘ überschattet also die heißersehnte und erkämpfte menschliche Freiheit. Der europäische Mensch ist im Begriff an ihr zu scheitern. Auf den Gebieten der Philosophie und Psychologie steht das Ich im Zentrum des Interesses. Als theoretische Benennung des Individuums gehört es seit der Neuzeit zum Werkzeug im Kampf um die Mündigkeit des Menschen und seiner Emanzipation von Gott als dem Alleinverantwortlichen allen Geschehens auf Erden. Als empirisches, aber auch absolutes und ewiges Ich sucht der Mensch die Letztverantwortung für sein Handeln zu übernehmen und durch Gesetze zu regeln. Rechtsphilosophie und -wissenschaft formulieren die menschliche Pflicht bezüglich der Richtigkeit des Handelns in Form staatlicher Gesetze, Philosophie und Psychologie nehmen das Ich als Träger individueller Vernunft- und Urteilskraft, während die Psychoanalyse ein das menschliche Subjekt unterjochendes Unbewußtes in der Psyche annimmt, das mit Hilfe ihrer Technik den einzelnen aus dessen Gefangenschaft zum Ich hin befreien soll. b) Anforderungen Was aber ist das Ich, und was soll es im Sinne des Christentums in der Bedeutung von personaler Einmaligkeit sein? Profan verstanden, ist es die ständige Hierheit, das Bewußtsein im Hier und Jetzt, welches das alltägliche Dasein des säkularen Menschen regelt.10 Mit seiner Hilfe kann der Mensch sich selbst und seiner Umwelt bewußt sein. Das dem gesamten Bewußtsein zugrundeliegende (neutrale) Ich ist die Instanz, welche die nötige Distanz zwischen Individuum, seinen alltäglichen Sorgen und der Gesellschaft schafft. Es ist analog zur Wissenschaft und zum Rechtsstaat das nüchterne Auge, das in Erfassung des weltlichen Seins den vernünftigen Rahmen stellt und die Form des Handelns benennt. Von der Wertigkeit aus betrachtet, ist es allerdings ein bloß verschwindender Punkt. Damit das Ich sich nicht grenzenlos ausbreitet und seine gesamte Umwelt zum Nicht-Ich degradiert, braucht es ein Du. Um dieses menschliche Gegenüber in einer Gemeinschaft zu erfassen und zu berücksichtigen, muß das Ich sich begrenzen durch die Anerkennung eines anderen Ich. Dies geht nicht ohne Gottesvorstellung. Martin Buber und Ferdinand Ebner können hier als Zeugen aufgerufen werden. „Buber, der drei Sphären der Beziehung kennt – nämlich das Leben mit der Natur, mit den Menschen und mit den geistigen Wesenheiten –, hebt hervor, daß in jeder Sphäre dieser Beziehungsmöglichkeiten der Saum des ewigen Du sichtbar werde. Freilich allein im Leben mit den Menschen vollendet sie sich so, daß sie in Rede und Gegenrede Sprache werden kann. Die Beziehung zum Menschen wird damit zum eigentlichen Gleichnis der Beziehung zu Gott.“11 Martin Buber und Ferdinand Ebner arbeiten beide eine Dialogik auf religiöser Basis heraus. Ferdinand Ebner fokussiert das christliche Wort auf das menschliche Zwiegespräch: „Weil das Gottesverhältnis ein persönliches ist und sein soll, kann es nur als das Verhältnis des Ichs zum Du verstanden werden, der ‚ersten‘ zur ‚zweiten Person‘, wie man in der Grammatik sagt und dabei selbstverständlich keine Rangordnung zum Ausdruck bringt. Da nun aber dieses Verhältnis wieder zugleich auch das der ‚sprechenden‘ zur ‚angesprochenen Person‘, also die geistige Atmosphäre ist, in der das Wort atmet und lebt, das Wort aber von Gott kommt und seinem ersten und letzten Sinn nach im Menschen zu Gott zurückwill, so ist es auch als geistige Situation der Sprache in der Aktualität ihres Gesprochenwerdens im letzten Grunde nichts anderes als das Verhältnis des Menschen zu Gott.“12 Das Ich als erste Person Singular entspricht dem Wir als erster Person Plural. So wie das Ich eine Begrenzung durch das Du erfährt, findet das Wir die seinige durch das Ihr. Aber es gibt auch eine Begrenzung von innen heraus und darin besteht die Identität des Ich und des Wir.

Eine Gruppe hat ein Wir-Bewußtsein und dieses formuliert sich als ein Allgemeines im Gegensatz zu einem Besonderen, dem Individuum. Dieses tritt als ein Besonderes dem Allgemeinen der Familie, der Nation oder dem Staat gegenüber. In diesem Spannungsfeld des Besonderen und Allgemeinen verhält sich der einzelne oder das Ich gegenüber dem Wir. Im Gemeinsamen des Wir findet sich das Ich als Person wieder, wenn es sich in der Gruppe betätigen und an vereinten Handlungen beteiligen will. Hier muß es Abstriche angesichts eigener Interessen machen, um dem allgemeinen Sinnzusammenhang der Gruppe zu dienen. Wenn der einzelne sich identisch mit einer Idee oder einem Glauben fühlt, kann er mit seinen Glaubensgenossen zusammen ‚Wir‘ sagen. Das ‘Du-lose‘ Ich ist aber einer Gefahr ausgesetzt. Es gewährt zwar eine Distanz zur Umgebung, versinkt jedoch ohne Gottesbezug in seiner Vereinzelung. Personen beispielsweise, die meinen, dem herrschenden Schönheitsideal nicht zu entsprechen, nehmen chirurgische Torturen auf sich. Sie verwechseln ihr Ich mit dem Körper und bilden sich ein, ihr vermeintliches Unglück könne durch technische Eingriffe behoben werden. Der Körper aber ist von seiner Begriffsgeschichte her ein Gegenstand, ein Objekt, das vor allem für den Blick des anderen einen Platzhalter darstellt. Verschwindet der Betreffende in ihm, so macht er sich auch mit seiner ganzen Person zum Gegenstand und liefert sich dem begehrenden Blick seines Gegenübers aus. D.h. er kann der Erwartungshaltung des jeweiligen Umfeldes, in dem er lebt, nicht standhalten, verleugnet sein Geschlecht oder seinen – am Ideal gemessenen – eigenen Körper und will zum anderen werden. Dieser Körperkult liegt auch der Gender-Ideologie zugrunde. Das eigene Geschlecht soll so manipulierbar wie möglich werden, um dem Ideal der körperlichen Begehrlichkeit soweit wie möglich zu entsprechen. Die nur noch körperlich sich verstehende Person verleugnet ihren eigenen Körper und will zu einem anderen Körper werden. Anders verhält es sich bei der christlich verstandenen Person. Auch bei ihr spielt der Körper eine zentrale Rolle, allerdings ist dieser eingebunden in eine Geistigkeit, welche der Kraft Gottes entspringt. Dadurch wird der Körper zum Leib und sein Ich übernimmt als ein Kind Gottes die Führung im menschlichen Leben. Jesu Worte, die aus dem göttlichen Sein hervorgehen, zeigen den Menschen die Sinnhaftigkeit ihres Lebens auf. Wenn sie Christus in sich aufnehmen, haben sie Teil am göttlichen Sein. Der Leib des einzelnen wird so mit Hilfe des Ich, das sich in den Dienst Gottes stellt, umhüllt von der Wertewelt Jesu, die ihn vor den rein menschlichen Begehrlichkeiten und Erwartungen schützt. Denn letztere neigen im Kampf eines jeden gegen jeden dazu, ihn so zu vereinnahmen, daß er sich in seinen Möglichkeiten nicht entfalten kann. Der herrschende Körperkult wäre ein Beispiel dafür. Das christliche Ich-Du-Verhältnis sollte allerdings auch Grundlage und Motiv für politisches Handeln sein. Der Staat kann immer nur Rahmenbedingungen schaffen, aber nicht Sinn stiften. Gemeinsames Handeln benötigt einen verbindlichen Konsens, der staatlichem Handeln voraus liegt. Hier beginnt die Gemeinschaft. Wenn diese sich äußert, sagt sie „Wir“. Und hier fängt die Schwierigkeit des Zusammenlebens an. Wie können Individuen in einer Gruppe über einen langen Zeitraum hinweg existieren, ohne sich gegenseitig zu vernichten? Eine bloß weltliche Antwort gibt der Philosoph Hobbes. Er schlägt einen Staat vor, einen Leviathan, der darüber wacht, daß sich der Mensch nicht als ein Wolf seinem Mitmenschen gegenüber ausleben kann. Der Staat soll aber dem Anspruch nach ein bloß formales Gebilde sein, der einen Rahmen dafür schafft, daß seine Angehörigen die von ihm überwachte Ordnung einhalten und daß er damit den einen vor dem anderen schützt. Der moderne Rechtsstaat garantiert, daß jedes Ich mitsamt seinem Eigentum das Recht auf Existenz hat und damit das eine Individuum mit dem anderen koexistieren kann, womit der gesetzliche Rahmen für das Zusammenleben vieler Menschen in einem Raum garantiert wird. Der Staat darf jedoch nicht die letzte Instanz sein, welche Europa vor einem Auseinanderfallen der Individuen in Iche und kleinste Interessensgemeinschaften bewahrt. Ein supranationaler Staat wäre fatal. Um dem Europäer ein neues Verständnis von sich und seiner Identität zu geben, wäre das christliche Moment mit einzubeziehen. Eine Rückbesinnung auf die christlichen Fundamente Europas wäre vonnöten.

Zukunft

Vereinigte Staaten von Europa wären nicht das non plus ultra eines vereinigten Europas. Europa ist nicht vergleichbar mit Amerika (deshalb kann es auch kein Einwanderungskontinent sein). Europa kann höchstens ein Staatenbund sein. Dieser, d.h. ein Bund souveräner Einzelstaaten, braucht zum Zusammenhalt mehr als Ökonomie und Bürokratie. Einzelne Nationalstaaten sind in einer globalisierten Welt verloren, wenn sie keine Bündnisse eingehen. Vereinigen sie sich zu einem europäischen Gebilde, müssen sie sich auf ihre Gemeinsamkeiten berufen, die es im kulturellen und religiösen Bereich gibt. Ein vereinigtes Europa braucht Bürger, die sich als Europäer fühlen, ein Europa, das den Europäer zu bergen, zu beheimaten versteht, ihm sozusagen ein Zuhause gibt. Die kulturellen Werte, welche Europa hervorbrachte, sind vor allem der Auseinandersetzung mit dem Christentum zu verdanken. Daraus ist auch die Aufklärung entstanden. Säkularität und Religion stehen beide für sich und befruchten sich gegenseitig. Daß die säkulare Welt von sich aus keine transzendenten Werte generieren kann, läßt sich verstehen. Woher sollte sie diese auch nehmen, wenn nur noch der Mensch das Maß aller Dinge ist; denn allzu schwankend ist er eingeschlossen im Reich seiner Wünsche und Begierden. Die Verbundenheit der einzelnen europäischen Staaten könnte die christliche Religion gewährleisten. Sie wäre dem Europäer nicht wesensfremd und würde der europäischen Geschichte gerecht. Als Grundlage für europäische Werte wird jedoch von der EU lediglich das humanistische Weltbild angesehen. Der Mensch steht im Mittelpunkt, die Vernunft gilt als Entscheidungsquelle, die Säkularität ist der Religion gegenüber vorrangig, Grundgesetze und Verfassungen garantieren Gerechtigkeit, Demokratie ist die beherrschende politische Form und die Menschenrechte sind universelle Gesetze, die von Menschen für Menschen gemacht sind.13

Allein das humanistische Ideal ist aber für Europa von seiner Verwurzelung und historischen Gestaltung her nicht ausreichend. Die dritte Wurzel hat Europa den tieferen Handlungssinn, ja die Seele gegeben. Und da die Väter des Humanismus der Renaissance, die Begründer der Aufklärung, des Idealismus und der Romantik Christen waren, kann der europäische Humanismus nicht ohne das Christentum gedacht werden, ja geht sogar von dem christlichen Habitus der jeweiligen Denker und Künstler aus. Den Menschen nur immanent zu denken, ohne eine transzendente Kraft, heißt, ihm eine Schöpfungsmacht zuzugestehen, die er nicht hat. Dies kann eine Überschätzung seiner – doch letztlich nur menschlichen – Fähigkeiten bedeuten. Deshalb sollte er aus einer Transzendenz heraus Grenzen erkennen, die sein Handeln regulieren. Schließt die EU also das Christentum als historische gestaltende europäische Kraft aus, beschneidet sie sich selbst und nimmt der europäischen Kultur ein wichtiges Standbein. Diese Amputation rächt sich in dem Augenblick, wo es um die Frage nach einer europäischen Identität geht. Die von der EU bevorzugte Multikulturalität offenbart sich dabei als Bankrotterklärung. Deshalb müßte die christliche Leitkultur Europas wieder belebt werden. Über unsere Gesetzeslage, z.B. die neutral formulierten Menschenrechte, öffnen wir nämlich die Tore für Kulturen, die uns unsere hart erkämpften Rechte wieder nehmen könnten. Folgende drei Beispiele für das christliche Fundament der Menschenrechte lassen sich ins Treffen führen: Artikel 1, 3 und 4 besagen: – Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

– Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

– Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden.

Erst der christliche Glaube legt den Grund für diese Rechte frei. Das Wort ‚Jeder‘ benennt die unverzichtbare Würde des Individuums, das erst mit Jesus Christus als menschgewordenes göttliches Wort in die Welt gekommen ist. Mit Christus wird uns die Einmaligkeit und Unaustauschbarkeit der einzelnen Person bewußt gemacht, die mehr ist als nur eine Erscheinung, eine leibliche Hülle, ein namenloser Mensch. Mit der Verwurzelung in einem Sein, das nicht rein optisch und bloß rational erfaßt werden kann, bekommt das Menschsein eine Bedeutung, die den hohen Wert der Unvergänglichkeit des Personseins herausstellt. Deshalb hat der Mensch als einzelner in seiner Verbundenheit mit Gott ein besonderes Gewicht, hat ein Recht auf Leben wie jeder andere auch, weil alle Brüder und Schwestern sind. Die Abschaffung der Sklaverei ist ein christliches Produkt. Kein Mensch darf sich über den anderen erheben. Diese christliche Botschaft verleiht den Menschenrechten erst die eigentliche historisch gewachsene inhaltliche Ausrichtung. Das christliche Individuum findet seine Begründung in Jesus Christus anhand seiner „Ich-bin-Worte“: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.14 Mit der Existenz Christi vermag die einzelne Person in Gott zu sein und über den Glauben an Christus ihren Lebensweg zu gehen. Hier hebt sich das oben dargestellte liberale Ich auf und lebt seine Beziehung zum Du über die göttlichen Werte. So kann ein Wir entstehen, dessen Inhalt für Europa verbindlich wäre. Die moderne Technik käme der Verbreitung dieses Inhalts entgegen, verkürzt den Raum und verändert damit das Verhältnis der Mitmenschen zueinander. Sie garantiert zwar kein Du-Verhältnis, erleichtert aber sein Zustandekommen über die räumliche Entfernung hinweg. Es entsteht eine neue, nie dagewesene Relation, über die der Fernste zum Nächsten wird. Ein europäisches Wir wäre auf diese Weise möglich, ein gemeinschaftliches Denken, das, anknüpfend an die europäische Tradition, ein Welthaben vermittelt, das einzigartig ist gegenüber dem Rest der Welt. Zur christlichen Fundierung der Menschenrechte und zur Frage, wozu Europa eine christliche Leitkultur braucht, sei abschließend auf den katholischen Theologen Konrad Hilpert verwiesen: „(Die) Einbindung der Menschenrechte in den Zusammenhang letzter Sinndeutungen stärkt die Menschenrechte, weil sie ihnen ein Gewicht gibt, das sie in den weltanschaulich pluralen und heterogenen Gesellschaften wie der modernen westlichen aus sich selbst heraus nicht mehr freisetzen können. Es spricht einiges dafür, daß die Anerkennung der Nichtverfügbarkeit des Menschen und die Anerkennung unbedingter einzelner Menschenrechte vor allem in Situationen und unter Umständen, in denen solche Anerkennung mit aufwendigem Einsatz, mit Risiken und Verzichten verbunden ist, bei Einzelnen wie bei sozialen Gruppen davon abhängt, wie lebendig die Vorstellung in ihnen ist, daß der Mensch im letzten von einer unbedingten Macht gehalten, bejaht und ihr rechenschaftspflichtig ist. In einer völlig sinnleeren Lebenswelt hingegen können sie, wenn der eigene Leidensdruck entfällt, schnell ihre Dringlichkeit an narzißtische und konsumistische Orientierungen verlieren.“15 Die Worte Hilperts sind auch für den künftigen Europäer von Bedeutung. Zusätzlich ist zu bedenken, daß sich die globalen Herausforderungen verstärken werden. Die Öffnung für Kulturen, die von den abendländischen Humanwerten nichts halten, aber selber darauf bestehen, als menschlich im Sinne unserer Menschenrechte anerkannt und behandelt zu werden, wird unseren sozialen, politischen und rechtlichen Rahmen sprengen. Standhalten können wir nur mit einer erneuten Rückbesinnung auf unsere Wurzeln.

Anmerkungen 1) Ernst von Aster, Geschichte der Philosophie, Stuttgart 1975. S.146. 2) Ebda. S. 147. 3) Friedrich Nietzsche, Werke IV, hg. von Karl Schlechta, Frankfurt 1972, S. 473. 4) Hagen Schulze, Staat und Nation in der europäischen Geschichte. 2. Auflage. München 2004. S. 111. 5) Ernest Renan, Was ist eine Nation? Vortrag in der Sorbonne am 11. März 1882. https://archive.org/stream/RenanErnstWasIstEineNation/ 6) Marcello Pera, Warum wir uns Christen nennen müssen. Augsburg 2009, S. 93.

7) „Was bedeutet Nihilismus? Daß die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel. Es fehlt die Antwort auf das ‚Wozu?‘“ Nietzsche, ebda. S. 149. 8) Jochen Kirchhoff, Nikolaus Kopernikus mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1985, S. 118f. 9) Elke Schubert, Günther Anders mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1992, S. 51. 10) Vgl. Astrid Meyer-Schubert, Das Leiden des Menschen am Menschen. Traktat. Berlin 2003. 11) Gerhard Wehr, Martin Buber. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1968, S. 90. 12) Ferdinand Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten. Pneumatoloische Fragmente. Wien 2009, S. 24. 13) Vgl. http://europaeischewerte.info/33.html. 14) Bei Johannes gibt es 7 „Ich-bin-Worte“: Ich bin das Brot des Lebens (Joh. 6,35); Ich bin das Licht der Welt (Joh. 8,12); Ich bin die Tür (Joh. 10,9); Ich bin der gute Hirte (Joh. 10,11); Ich bin die Auferstehung und das Leben (Joh. 11,25); Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14,6); Ich bin der wahre Weinstock (Joh. 15,1). 15) Konrad Hilpert, Die Menschenrechte. Geschichte Theologie Aktualität. Düsseldorf 1991. S. 200f.

Dr. phil. Astrid Meyer-Schubert war Lehrbeauftragte in Berlin und Bukarest und wirkt als freie Publizistin in Wien.

Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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