Die Idee des Zweckfreien (die-tagespost.de)

Mein Tagesposting: Die Idee des Zweckfreien

Von Johannes Hartl

Der westliche Kulturimperialismus steht in seinem Zenit, als der japanische Kunstforscher Kakuzo Okakura 1906 sein berühmtes „Book of Tea“ veröffentlicht und darin den Westen der völligen Unkenntnis des reichen geistigen Erbes Asiens bezichtigt. In feinen Zügen zeichnet der Autor anhand der Tradition der Teezeremonie das, was das Japanische so grundlegend vom Westen unterscheide. Es sei der reine Kult des Schönen im ganz Einfachen. Der Westen sei in Progressismus erstarrt und habe seine innere Mitte im rasendem Streben nach Effizienz verloren. Die sicherlich idealisierende Gegenüberstellung hat noch 110 Jahre später etwas Anrührendes. Der in der einfachen Hütte im Bambushain zum leisen Murmeln des Bergbaches milde lächelnde Teemeister, der dem getriebenen Menschen der Moderne zuspricht: „Lasst uns vom Vergänglichen träumen und bei der wundersamen Torheit der Dinge verweilen.“ Die Teezeremonie zelebriert etwas, das nicht nötig wäre: es wird einfach Tee getrunken, dies jedoch in Formvollendung. Sie ist zweckfrei. Der Gedanke der Zweckfreiheit ist alles andere als nebensächlich. Eine Handlung, die um ihrer selbst getan wird, einfach so, die sich dem Um-Zu entzieht, steht in sich selbst. Hier kommt etwas zur Ruhe. Obzwar der zitierte Autor Asiate ist, ist die Idee des Zweckfreien nicht Besitz eines bestimmten Kontinents. Dass gerade ein Japaner das „christliche Abendland“ daran erinnern muss! Lehrt ein Meister Eckehart nicht in seiner 1. deutschen Predigt eine Lebenshaltung, die alles nur um Gottes Lobe willen tut und jede weitere Absicht vergisst, „davon ungebunden wie das Nichts“? Ein Johannes vom Kreuz bezeichnet den Weg des Gebets als einen der Liebe, die alle äußeren Motivationen loslässt und nur noch ihr eigener Grund ist? Und schließlich Romano Guardini, der die Liturgie als heiliges, zweckfreies Spiel kennzeichnet, in dem sich der Sinn des Menschen erfüllt? Der Gedanke der Zweckfreiheit ist kein asiatischer. Er ist zutiefst christlich. Am sechsten Tag ruhte Gott und freute sich an seiner Schöpfung. Im Letzten ist die ganze Schöpfung nur, weil Gott sie wollte. Nicht, weil sie einen Mangel stillt, sie entspringt der reinen Freude dessen, der wollte, dass sie ist. Was heißt das für das Geschöpf? Auch die Ursache und Grundlage unseres Seins ist kein Zweck, erst recht kein innerweltlicher. Das Sein ist geschenkt. Menschliche Hybris der fromm scheinende Gedanke, man könne oder müsse Gott durch gutes Benehmen oder religiöse Leistung dafür entlohnen! Das Leben verdankt sich dem freien Willen dessen, der seine Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen (Mt 5, 45). Und so ist der Dank die angemessene Reaktion des Geschöpfes. „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“, sagt die Beschenkte zum Rosenkavalier. Und sie spricht recht so, denn genau das kennzeichnet ein Geschenk: es wäre eben nicht nötig, es ist zweckfrei. Dass das Gebetsleben, dass die Liturgie und eigentlich jede Begegnung mit dem Schönen im Tiefsten zweckfrei ist, daran muss uns Westler vielleicht tatsächlich ein Japaner erinnern. Ist die Faszination, die für viele Europäer vom Zen ausgeht, nicht auch der Intuition geschuldet, dass ein völlig verzwecktes Leben kein echtes Leben sein kann? Buddhist muss freilich dafür niemand werden. Es genügt, die wahrhaft christliche Lehre vom Gebet, von der Liturgie und von der Allmacht Gottes wieder zu entdecken.

Der Artikel von Johannes Hartl „Die Idee des Zweckfreien“ reiht sich ein in eine unregelmäßige Abfolge von Versuchen, den authentischen Geist Japans auszuloten und gleichzeitig historische Kontinuitäten oder ideelle Brücken zum Christentum zu erschließen. Innerhalb der knappen Textvorgabe dem Zweck der japanischen Teezeremonie nachzugehen und als solchen die Zweckfreiheit zu entdecken, die Brücke zu den großen Mystikern Meister Eckehart und Johannes vom Kreuz zu schlagen und die Zweckfreiheit in Liturgie und Gebet zu unterstreichen, ist wirklich aller Ehren wert. Dass der Autor bei seinen Fingerzeigen kurz auch Zen streift, vervollständigt seinen wertvollen Impuls. Wie bereits vorher die Beiträge über die japanischen Wurzeln des Christentums sowie über Shintoismus und Herrscherhaus unterstreicht auch dieses Tagesposting ansprechend den Anspruch der DT, eine „Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur“ zu sein.

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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