Was nicht geht: Zwei Männer in Weiß (http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Was-nicht-geht-Zwei-Maenner-in-Weiss;art312,171092)

Was nicht geht: Zwei Männer in Weiß

Oder geht das doch? Ein streitbarer Artikel von Kardinal Walter Brandmüller rennt gegen den Gleichmut an, mit dem der Vatikan die Existenz eines amtierenden und eines emeritierten Papstes akzeptiert hat. Von Guido Horst

Kardinal Walter Brandmüller. Foto: KNA

Rom (DT) Papstrücktritte hat es in der Geschichte der Kirche nicht viele gegeben. Der Kirchenhistoriker und Konzilienforscher Walter Kardinal Brandmüller hat sie jetzt in einem Fachaufsatz zusammengefasst: Er beginnt die Reihe mit Papst Pontianus, der im Jahr 235 auf sein Amt verzichtete, nachdem er zur Zwangsarbeit in Minen auf Sardinien verurteilt worden war, und setzt sie fort mit Benedikt IX., der sich kurz nach der ersten Jahrtausendwende ebenso wie sein Nachfolger Silvester III. in politischen Wirren nicht halten konnte. Auch Simonie war damals im Spiel, ein weiterer Nachfolger der beiden, Gregor VI., musste deswegen abdanken. Und schon ist die Aufzählung bei dem Fall des berühmten Papstrücktritts von Coelestin V. im Jahr 1294, dem dann ein Jahrhundert später das große Abendländische Schisma folgte, während dem es über Jahrzehnte Päpste und Gegenpäpste gab – ein Zustand, der erst mit dem Konzil von Konstanz (1414–1418) und der Wahl von Martin V. beendet werden konnte. Brandmüller schlägt sodann einen langen Bogen in die Zeit Napoleons und Hitlers, in der die Päpste Pius VII. (1800–1823) und Pius XII. (1939–1958) den eigenen Rücktritt für den Fall ins Auge gefasst hatten, dass ihnen die jeweiligen Diktatoren die Ausübung des Papstamtes unmöglich machen würden. Und schon ist man bei Benedikt XVI., der am Rosenmontag 2013 überraschend ankündigte, dass er einem Nachfolger Platz machen wolle, was dann auch am 28. Februar desselben Jahres geschah.

Doch es sind nicht die Betrachtungen eines Kirchenhistorikers, die jetzt für ein gewisses Aufsehen sorgen: Brandmüller hat seinen Aufsatz in der kirchenrechtlichen Online-Zeitschrift „Stato, Chiese e pluralismo confessionale“ veröffentlicht und argumentiert durchweg kanonistisch. Das Kirchenrecht, so die Forderung des Kardinals, müsse eindeutig regeln, welchen Status ein ehemaliger Papst habe und wie er sich nenne, kleide und der Öffentlichkeit gegenüber zeige.

Zweieinhalb Zeilen Regelung sind dem Kardinal zu wenig

Der Codex des kanonischen Rechts kennt bisher für den Papstrücktritt nur zweieinhalb Zeilen: „Falls der Papst auf sein Amt verzichten sollte, ist zur Gültigkeit verlangt, dass der Verzicht frei geschieht und hinreichend kundgemacht, nicht jedoch, dass er von irgendwem angenommen wird“ (can. 232 § 2). Da besteht für Brandmüller – spätestens seit dem Rücktritt Papst Ratzingers – weiterer Regelungsbedarf, und der Kardinal hält mit seiner persönlichen Meinung nicht hinter dem Berg: „Der Amtsverzicht des Papstes ist möglich und ist vollzogen worden. Aber es ist zu hoffen, dass er nie wieder vorkommt“, lautet der letzte Satz seines Artikels.

Ganz anders klingen die Stimmen, die in der Weltkirche und auch in Rom über zukünftige Papstrücktritte im Allgemeinen und den Amtsverzicht von Benedikt XVI. im Besonderen zu hören sind. Angefangen bei Papst Franziskus, der immer wieder bewundernd über den Akt seines Vorgängers gesprochen hat, ihn den „Großvater“ im Vatikan nennt und regelmäßig trifft und aufsucht. Die Bilder von dem jüngsten Festakt für „papa emerito“ anlässlich seines 65-jährigen Priesterjubiläums im Kreise der in Rom anwesenden Kardinäle unter Vorsitz von Papst Franziskus waren dermaßen unspektakulär, dass man meinen könnte, die Anwesenheit und der gelegentliche öffentliche Auftritt eines ebenfalls weiß gekleideten, sich „Seine Heiligkeit“ nennenden Papstes im Ruhestand sei für den Vatikan selber inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Die Sorge, die Kardinal Brandmüller umtreibt, dass zwei Päpste – damit meint er auch den Fall eines amtierenden und eines emeritierten Nachfolgers Petri – die Einheit der Kirche gefährden und schlimmstenfalls ein Schisma zur Folge haben könnten, ist aus der Sicht des Kirchenhistorikers, der sich mit Kirchenkrisen, Schismen und Gegenpäpsten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit beschäftigt hat, durchaus verständlich, trifft aber nicht die Mehrheitsmeinung im Vatikan. Dort herrschen andere Sichtweisen vor.

Zum einen die ganz allgemeine: Die Fortschritte der Medizin ermöglichen es heute einem Menschen, einen langen Lebensabend zu verbringen, auch wenn ihn körperliche Kraft, geistige Spannkraft, Resistenz gegen Stress und Entscheidungsfähigkeit längst verlassen haben. Es habe zwar in früheren Zeiten sieche und auch geistig müde Päpste gegeben, aber das spielte sich nicht so wie heute vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab. Zum anderen eine ganz konkrete: Die Erinnerung an den heiligen Johannes Paul II. und seine lange Agonie ist noch lebendig, an die Jahre, in denen man nicht mehr das Gefühl hatte, dass dieser große Papst die Kirche führt, sondern ein Küchenkabinett das Regime übernommen hat – was durchaus der Grund dafür sein könnte, dass sich im Vatikan Zustände verfestigt haben, die heute eine Kurienreform nötig machen.

Dieser etwas pragmatischen Sichtweise stellt Brandmüller grundsätzliche Bedenken gegenüber. Mit dem Amtsverzicht von Papst Benedikt sei der irrige Eindruck entstanden, der „einzigartige und heilige“ Petrusdienst stehe nun auf der gleichen Stufe wie befristete demokratische Ämter. Ein solches „weltlich-politisches Verständnis“ berge die Gefahr, dass künftig Rücktrittsforderungen erhoben werden könnten.

Ein „zweiköpfiges“ Papstamt wäre ein Art Ungeheuer

In das Reich „erbaulicher Spekulationen oder religiöser Poesie“ gehöre die Vorstellung, der emeritierte Papst genieße eine „fortdauernde mystischen Teilhabe am Petrusamt“, schreibt der Kardinal. Tatsächlich waren vor kurzem Stimmen laut geworden, der emeritierte Papst Benedikt habe das Petrusamt um einen meditierenden Part erweitert. Ein „zweiköpfiges“ Papstamt wäre aber „eine Monstrosität“, hält Brandmüller fest. Da die Vorrangstellung des Papstes im Unterschied zu einem Weiheamt allein rechtlicher Natur sei, betreffe auch der Rücktritt die rechtlichen Aspekte des Amtes. In der Konsequenz sei der Zurückgetretene „nicht mehr Bischof von Rom, nicht Papst und auch nicht Kardinal“. Dringend zu klären sei der Status eines ehemaligen Papstes. Denkbar wäre, einen Papst unmittelbar nach seinem Amtsverzicht zu einem Kardinal ohne aktives und passives Papstwahlrecht zu machen, meint Brandmüller. Um den Eindruck zu zerstreuen, es gebe zwei Päpste, solle der frühere Amtsinhaber seinen Familiennamen wieder annehmen. Neben Fragen der Kleidung, des Wohnsitzes und der späteren Beerdigung seien auch die Sozial- und Medienkontakte des ehemaligen Papstes so zu regeln, dass unter Wahrung seiner Personenwürde „jede Gefahr für die Einheit der Kirche ausgeschlossen“ werde.

Der emeritierte Benedikt XVI. hat alles anders gemacht: Er blieb weiß gewandet, wurde weder Kardinal noch Alt-Bischof von Rom, sondern ist weiterhin „Seine Heiligkeit“. An die Gefahr eines Schismas oder einer Kirchenspaltung denken weder er noch sonst irgendjemand im Vatikan – eher ist „papa emerito“ eine kleine Attraktion, die schon viele aufgesucht haben. Das alles ist keine gute Voraussetzung, um Kardinal Brandmüllers Einwürfen kirchenrechtliche Taten folgen zu lassen.

In dem inhaltlich gut ausbalancierten Artikel, der die unterschiedlichen Sichtweisen der Problematik kurz und prägnant vorstellt, sollte man in diesen Zeiten wohl eher der warnenden Stimme des Kardinals Gehör schenken. Denn es scheint dem einfachen Gläubigen schon, dass im aktuellen Pontifikat eher die normative Kraft des Faktischen als die Norm des Kirchenrechts Gewicht hat. Wenn die einschlägige Norm bezüglich des Papstrücktritts (und damit bezüglich eines neuralgischen Punktes des Felsen Petris, auf dem unsere Kirche ruht) kaum etwas regeln, ist die Gefahr groß, dass sich die derzeitige (aus meiner unmaßgeblichen Sicht laxe) Sichtweise in Rom über kurz oder lang zu „Gewohnheitsrecht“ verfestigt. Mag dies in der aktuellen Personenkonstellation noch als obskure „Attraktion“ gutgehen und ein Schisma fern liegen, stellt sich aus grundsätzlicher Sicht schon die Frage, wie dieses „Modell“ denn bei 2 oder mehreren „emeritierten Päpsten“ funktionieren soll? Wenn ein Kirchenmann vom Format eines Kardinal Brandmüller übrigens in diesem Zusammenhang wörtlich von einer „zweiköpfigen Monstrosität“ (von der DT korrekt als „eine Art Ungeheuer“ übersetzt) spricht, braucht man kein apokalyptischer Hysteriker zu sein, um auf das 13. Kapitel, erster Vers der Offenbarung zu kommen.

Zumindest zur kritischen Reflektion sollte der ausgezeichnete Beitrag dem geneigten Leser dienen, damit das eigenständige Denken – bei eingeschalteter „Sicherung“ des gesunden Menschenverstandes“ 😉 – angeregt wird/bleibt.

Auf jeden Fall ein herzliches „Vergelt es Gott“ an seine Eminenz und die DT, die ihm eine Plattform bot!

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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