Kirchliche Dialogverweigerung (http://www.die-neue-ordnung.de/)

Kirchliche Dialogverweigerung

 05.07.2016
Das „Hündlein Sinnlichkeit“ scheint -frei nach Friedrich Nietzsche -gelegentlich
auch den höheren Klerus anzufallen, vor allem wenn ihm die Argumente
ausgehen. Beim amtierenden Kölner Kirchenfürsten ist es die Zunge, beim pensionierten
Mainzer die Nase. Beide Sinnesorgane werden jetzt im Kampf gegen
die AfD mobilisiert. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk (15.5.2016)
lehnte Kardinal Karl Lehmann einen Dialog mit der AfD mit den Worten ab:
„das nationalistische ‚Gerüchlein‘ ist mir zu groß.“ Das „Gerüchlein“ verdichtet
sich hier in Verbindung mit Nationalismus zu einem Gerücht, das auf rationale
Nachweise verzichtet und gerade deshalb wirken soll – aber doch nicht wirkt.
Einer ähnlich üblen, unbedachten Nachrede, die wohl auf Sinnestäuschung beruht,
befleißigte sich auch Kardinal Rainer Maria Woelki, der in seinem Statement
im Domradio (24.4.2016) die AfD-Kritik an der politischen Ideologie des
Islams, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei, mit den geschmäcklerischen
Worten kommentierte: „Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen
lassen.“ Aber nicht die Zunge, sondern das Hirn sollte das bevorzugte Erkenntnisorgan
eines Kardinals sein. Dann wäre ihm auch nicht der Satz entfahren:
„Wer Ja zu Kirchtürmen sagt, der muß auch Ja sagen zum Minarett.“ Einspruch,
Eure Eminenz! Die Grenzen der Religionsfreiheit sind keine Geschmacksfrage,
sondern ein uraltes Rechtsproblem angesichts religiös-politischer Perversionen.
Und einen weiteren Einspruch gestatten Eure Eminenz. Er betrifft die Verwendung
eines maltesischen „Flüchtlingsbootes“ als Altar für die Fronleichnamsmesse
am Kölner Dom. Das Boot, ein kirchlich sinnliches Symbol, zugegeben.
Aber wozu dient diese politisierte Liturgie? Sitzt hier Christus in einem Boot mit
Schlepperbanditen, vermögenden Wirtschaftsflüchtlingen, supermännlichen
Islamisten und potentiellen Terroristen? Oder vielleicht doch mit verfolgten
Christen? Auch hier wäre eine rationale Differenzierung nötig gewesen. Zumal
geflüchtete Christen auch im deutschen Exil weiter verfolgt werden. Ich kenne
den Geschmack des gegenwärtigen Kölner Erzbischofs zu wenig und weiß auch
nicht viel über seine Doppelzüngigkeit, mit der er die Medien bedient.
Leider sind die kritisch-rationalen Stimmen selten geworden. Sonst wäre auch
das „Zentralkomitee der Deutschen Katholiken“ nicht auf die Schnapsidee gekommen,
bei ihrem jüngsten „Katholikentag“ AfD-Politiker auszusperren. Die-
ses Komitee führt gewohnheitsmäßig „Dialoge“ mit politischen Parteien, die
dem jetzigen politischen Kulturkatholizismus nützlich erscheinen. Auch mit der
SPD, der FDP, den Grünen und den Linken. Sogar mit Islamisten.
Wer seit fünfzig Jahren grundsatztreu der CDU angehört, die damals ähnliche
Wertpositionen vertrat wie heute die AfD, gerät in den Verdacht, senil oder sentimental
zu sein, wenn er nicht langsam über einen Austritt nachdenkt. Die Unfähigkeit,
Abschied von der CDU zu nehmen, nährt sich immer noch von der  Hoffnung, diese Partei könnte sich womöglich doch noch auf ihr konservativchristliches
Erbe besinnen und damit dem Schicksal entgehen, das der italienischen
Democrazia Cristiana (DC) schon 1993 blühte. Immerhin hatte Helmut
Kohl noch ein wenig den katholisch-sozialen „Stallgeruch“ behalten -und einen
wachen Sinn für koalitionsbedingte Kompromisse und demoskopische Anpassungen,
die ihm seine Machterhaltung garantierten. Er tolerierte sogar Gegner.
Seiner machtbewußten Nachfolgerin scheinen diese Fähigkeiten zu fehlen. Sie
paßt sich zwar de facto den masseneinwanderungskritischen Tendenzen an, in-
dem sie die Zugänge zu Europa einzugrenzen versucht, aber das tut sie so halbherzig
und zweideutig, daß sie die Zustimmung ihrer Wähler zunehmend einbüßt.
Die nämlich wählen vielleicht lieber das Original als die Kopie.
„Der Glaube kann Berge versetzen“ verkündete Angela Merkel in einem Fernsehgespräch
mit Anne Will, in der sie ihre Flüchtlingspolitik verteidigte. Jedoch
mir fehlt der Glaube, mit dem ich die Botschaft des Evangeliums sonst gerne
höre. Sobald sie aber politische Machtansprüche betrifft, werde ich mißtrauisch.
Denn die Problemberge, die sich die Bundeskanzlerin aufgehalst hat, lassen sich
nimmermehr quasireligiös abtragen beziehungsweise europäisch oder sonstwie
„versetzen“. Vielmehr wirft ihre „christliche“ Politik, mit der sie ihre CDU und
auch andere politischen Kräfte behelligt, Fragen auf, die früher als Theodizee-
Fragen diskutiert wurden: Wie kann ein gnädiger und zugleich gerechter Gott es
zulassen, daß eine unbegrenzte Zuwanderungspolitik ganz gegen den Willen der
jeweiligen Ureinwohner stattfindet?
Den Geschichtswillen Gottes kennt natürlich keiner, außer Frau Merkel und
ihresgleichen. Auf die C-Parteipolitik übertragen, läßt sich indes fragen: Wie
verhält sich ihre Flüchtlings-Gnadenpolitik zum Gerechtigkeitswillen eines Gottes,
dem schöpfungs-wie auch trinitätstheologisch die Ordnung näher liegt als
das Chaos? Und wie läßt sich die gegenwärtig chaotische Einwanderungspolitik
irgendwie „christlich“ rechtfertigen? Und was hat die CDU überhaupt noch mit
dem Christentum zu tun, wenn sie es nicht einmal mehr mit dem christlich tradierten,
d.h. vernunftbetonten Naturrecht der Gerechtigkeit zu tun haben will?
Gefühlte Barmherzigkeit ohne rationale Gerechtigkeit ist nicht christlich legitimierbar,
wußte schon Thomas von Aquin.
Nun gut, hier hilft nur noch beten. Aber Wunder in der Politik sind äußerst selten.
Die kirchliche Unfähigkeit zum sonst so geforderten Dialog mit allen möglichen,
noch so verrückten Positionen, erweist sich in ihrem sinnlich-affektiven,
aber wenig sinnvollen und nicht rational nachvollziehbaren Widerwillen, sich
einmal seriös mit dem Programm der AfD auseinanderzusetzen.
Parteipolitische Kampfspiele gehören eigentlich nicht zum geistlichen Auftrag
von Bischöfen. Wer gern mit Islamfunktionären Dialoge führt, die er den AfD-
Vertretern verweigert, verliert seine Glaubwürdigkeit. Er verspielt auch seine
Amtsautorität. Denn schließlich braucht der mündige und kundige Laie in der
Kirche keine Bischöfe, die sich als parteipolitische Gouvernanten aufspielen.
Zeitgeistliches Appeasement ist unerwünscht.
Wolfgang Ockenfels
Die Neue Ordnung ist eine seit 1946 erscheinende christliche Zeitschrift mit sechs Ausgaben pro Jahr. Chefredakteur ist der römisch-katholische Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels und Herausgeber das Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg, dessen Vorsitzender er ist.
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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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