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Bilanz eines Selbstdenkers

Wie Wolfgang Herles mit konformistischen Medien und politischem Populismus abrechnet. Von Barbara Stühlmeyer

Wolfgang Herles moderiert neue ZDF-Literatursendung
Fernsehmoderator Wolfgang Herles. Foto: dpa

Wolfgang Herles ist ein Mann mit Grundsätzen. Einer, der sein eigenes Reden, Denken und Tun an ihnen misst und auch von anderen erwartet, ihr Handeln an Werten auszurichten. Dass eine solche Haltung ihren Preis haben kann, hat Herles erfahren, als er auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl von der Redaktionsleitung für das ZDF-Studio in Bonn entbunden wurde. Aufgehalten hat ihn das nicht. Und in seinem Buch „Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik“ rechnet Herles nun ab. Nicht nur mit der Politik, der er rückgratloses, geschichtsvergessenes und oftmals von christlichen Grundsätzen losgelöstes Verhalten vorwirft, das einzig von dem Interesse gesteuert ist, bei der nächsten Wahl wieder einen warmen Platz im Bundestag zu ergattern, sondern auch mit der journalistischen Szene. Auch ihr attestiert Herles, dass sie über weite Strecken die Verbindung zu jenen Werten verloren hat, die geformt haben, was heute wieder als christliches Abendland beschworen wird.

„Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen“, zitiert Herles Mark Twain und legt damit den Finger in die Wunde. Politiker wollen wiedergewählt werden und sagen deshalb oft, was der Mehrheit gefällt, anstatt sich für das einzusetzen, was zu tun notwendig wäre. Und Journalisten sind von gründlichen Rechercheuren und Menschen, die korrekt und sachlich fundiert über komplexe Zusammenhänge informieren, zu Quotenjunkies geworden. Wenn eine Zeitung oder eine Sendung geplant werden, zählt oft nur noch das, was die Anzahl der Leser, Zuhörer oder Zuschauer in die Höhe treibt. Nachrichtensendungen sind deshalb ebenso wie einst fundierte Magazine wie beispielsweise ZDF History zum Boulevard verkommen. Auf diese Weise aber wird der notwendige politische Diskurs zum flachen Smalltalk.

Die Schuldigen für den Abwärtstrend in Politszene und Kultur macht Herles auf beiden Seiten aus. Wer vor allem gefallen will, traut sich nicht mehr zu, initiativ zu werden, sich für eine Debattenkultur einzusetzen, in der mehr als Schlagworte zum Einsatz kommen oder den Lesern ein kulturelles Segment vorzustellen, zu dem nur wenige Zugang haben, das aber mehr Aufmerksamkeit verdient. Dabei zeigt gerade der mitunter überraschende Erfolg dieser Nischenprodukte, dass genau solche Vorstöße höchst erfolgreich sein können. Als der Gregorianische Choral in der katholischen Kirche in Deutschland kaum noch rezipiert wurde und Kirchenmusiker mitunter sogar von ihren Vorgesetzten zu hören bekamen, dass sich niemand für diese Musik interessiert und sie doch lieber eine Band gründen sollen, stürmten die Mönche von Silos die Charts. Da der Geist es den Gemeinden lange genug gesagt hatte, seine Worte vielerorts jedoch ungehört verhallt waren, verschaffte er sich offenbar auf diesem Wege Aufmerksamkeit.

Es ist nicht nur Gefallsucht, die Herles anprangert. Er attestiert der gesamten Gesellschaft moralische Selbstgefälligkeit, Fortschrittszweifel und Scheu vor Konflikten, auch dann, wenn deren Austragung höchst notwendig wäre. Denn die Liebe zum Konsens wird uns nicht helfen, die gewaltigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, zu bewältigen. Auf Frage nach dem Grund für das ebenso unnatürliche wie gefährliche Bedürfnis nach lähmendem Konsens gibt Herles eine klare Antwort: „Offenbar“, so sagte der Autor, „kommt das Bedürfnis, sich dem Mainstream anzupassen, aus dem Verlust von Gewissheiten.“ Für Katholiken übersetzt: Wer seinen Glauben verliert, dem schwindet der Boden unter den Füßen und er wird zwangsläufig versuchen, sich mit faulen Kompromissen über Wasser zu halten.

Als verhängnisvoll brandmarkt der Autor, der selbst stets unterhaltsam und pointiert formuliert, den Politikwissenschaftler Werner Patzelt zitierend, den „Kanon dessen, was an Betrachtungsweisen, Begriffen, Sprachformeln und Argumenten in Deutschland ,geht‘ oder eben nicht ,geht‘. Wer sich daran hält, darf am öffentlichen Diskurs teilnehmen, wer sich gegen diesen Kanon vergeht, ist auszugrenzen.“ Genau hier liegt der Grund dafür, dass mittlerweile größere Teile der bundesdeutschen Gesellschaft den Medien eine mehr oder weniger ausgeprägte Skepsis entgegenbringen. Doch es sind die Denkverbote, die unsere Gesellschaft in die heutige, von Spaltung, Unruhe und Unsicherheit geprägte Situation gebracht haben. Verdrängung erzeugt wirkmächtige Gegenbewegungen, die sich nicht selten in eruptiven Ausbrüchen artikulieren. Sie wieder zu einem vernunftgemäßen Diskurs zurückzuführen ist weitaus mühsamer, als sich der Herausforderung zu stellen, auf das, was hinterfragt werden muss, Antworten zu finden.

Herles belegt, und genau dies macht sein Buch so entlarvend, jede seiner Thesen mit zahlreichen Beispielen aus der Politszene und der Medienlandschaft. Er beschreibt, wie Redakteure für ausgezeichnete Sendungen gemaßregelt werden, wenn sie nicht die erwünschten Einschaltquoten bringen. Das Opfer war damals er selbst und die Sendung „Aspekte“, ein respektables Kulturjournal, dem kürzlich mehr Sendezeit zugebilligt wurde und das daraufhin, um trotz der späten Sendezeit noch eine akzeptable Quote zu erzielen, prompt boulevardisiert wurde.

Er thematisiert aber auch den Gebrauch der Sprache, wenn etwa beim CDU Parteitag die überraschende und vorher nicht mit der allmächtigen Kanzlerin abgesprochene Kandidatur eines Parteimitgliedes für den Vorstand als „für Unruhe sorgend“ charakterisiert wurde. Ist es normal, dass ein demokratischer Vorgang für Unruhe sorgt? Müsste es nicht eher erfreulich sein, dass sich jemand engagieren möchte, den man nicht im Blick hatte? Offenbar nicht, stattdessen formulierte ein Journalist, Merkel habe, indem sie Hermann Gröhe drängte, seine Kandidatur zurückzuziehen, eine Blamage verhindert und der Partei einen Konflikt erspart. Parteitage sollen offenbar ähnlich wirken wie Opiate. Bloß keine Aufregung. Aber ist das richtig und sollten Journalisten dies auch so sehen?

Auch die Spezialsendungen nimmt Herles detailliert aufs Korn. Dass Gefühle gefragt sind, ist klar. Aber ist es deshalb notwendig, nach einem zweifellos tragischen Flugzeugabsturz, bei dem 150 Menschen gestorben sind – im Straßenverkehr starben 2015 insgesamt 3 475 Personen – stundenlange Sondersendungen zu veranstalten, bei denen im Viertelstundentakt die wenigen bekannten Fakten gebetsmühlenartig wiederholt werden?

Herles nimmt die Leser in seinem drei Teile und elf Kapitel umfassenden Buch auf einen Parforceritt durch die gesellschaftspolitische Landschaft der Gegenwart mit. Er ermutigt, genauer hinzusehen, zu analysieren, sich die notwendige Zeit für das Nach- und Mitdenken zu nehmen. Und er hat Recht. Denn wer das, was er im Zerrspiegel betrachtet, für real hält, sich in der Konformismusfalle fangen lässt, wird am Ende von der Seichtigkeitsspirale in den Abgrund gezogen. Deshalb gilt: Augen auf bei der richtigen Medienwahl.

Wolfgang Herles: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik. Knaus Verlag, München 2015, 245 Seiten,

ISBN 978-3-8135-0668-6, EUR 19,99

 

 

Wer Selbstdenker sein und damit Grundsätze haben will, wird heute schnell am Rande des gesellschaftlichen Mainstreams stehen. So verbreitet Wolfgang Herles seine Beiträge – früher solide in der bürgerlichen Mitte platziert – heute auch bei „Tichys Einblick“ („Herles fällt auf“, sehr zu empfehlen). Genießbar allerdings nur für Selbstdenker, die das Geschriebene differenziert wahrnehmen, kritisch abwägen, Zustimmung oder Ablehnung präzise formulieren können. Dies scheint aber in heutigen vor-gestanzten Schablonen des „like“ oder „Dislike“ zunehmend verloren zu gehen. Daumen hoch oder runter, selber denken scheint für viele zu anstrengend (oder vielleicht „uncool“).

Wirkliche Debattenkultur mit seriös ausgetauschten, sachlichen Argumenten ist im öffentlichen Raum bereits immer seltener anzutreffen, die stereotypen Schlagworte überwiegen. Allzu häufig reicht bereits ein anderer Blickwinkel, das Infrage-stellen von Behauptungen, um per se als Feind aufgefasst zu werden, nach dem plumpen Motto: Wenn „der“ „uns“ kritisiert, wird „der“ wohl zu „denen“ gehören („den Rassisten“, „den Gutmenschen“ etc.). „Wir“ gegen „die“ – was genau gesagt wird, spielt dann bereits keine Rolle mehr. Dann fällt das Visier und man sieht die Welt nur noch durch Helmschlitze: andere Auffassungen werden mit gekünstelter Empörung und Schnappatmung „beantwortet“, in rotzigem Ton abqualifiziert oder der Austausch gleich abgebrochen. Häufig werden dabei eigene Feindbilder in das Gegenüber projiziert („diese Verpappten“, „die Revoluzzer“ u. ä.) und deren Aussagen im Kopf um das „ergänzt“, „was diese Typen  ja eigentlich meinen„. Genau lesen oder hinhören gilt als Zeitverschwendung, man weiß ja sowieso, was die sagen„, denn „die kennt man ja„. Also reicht es, Reizworte zu lesen oder zu hören, um reflexhaft Parolen mitzublöken, die von anderen gezielt vor-gedacht wurden.

Eigentlich schade drum.

 

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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