Unser täglich Brot (die-tagespost.de)

Unser täglich Brot

Vom Glück und der Gelassenheit der Mönche von Sainte-Madeleine du Barroux in der Provence. Von Anja Menzel

Bruder Stephan Etienne arbeitet in der Klosterbäckerei. Foto: Fotos: Anja Menzel

Es ist kurz vor halb zehn am Morgen. Stephan Etienne steht an der kleinen, hölzernen Seitentür der Abtei Sainte-Madeleine du Barroux und schließt die Augen. Für einen Augenblick genießt er den warmen Wind und die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Er nimmt einen tiefen Atemzug. Ein leichter Hauch des Geruchs von frisch gebackenem Brot mischt sich unter den Duft der Pinien. Zikaden zirpen, Vögel zwitschern, Kirchenglocken fangen an zu läuten. In wenigen Minuten wird die Messe beginnen. Stephan Etienne ist Mönch. Seit fünfzehn Jahren lebt er in einer Benediktinerabtei in Südfrankreich, in der Nähe von Avignon. „Gott hat mich gerufen. Nicht mit einer Stimme, die vom Himmel kommt“, sagt er und seine Augen leuchten. „Du weißt es, wenn er Dich ruft.“

Das Kloster ist eine junge Gemeinschaft. Sie wurde 1970 von Dom Gérard Calvet gegründet. Er verließ in den Zeiten der Liturgiereform seine Abtei. Zunächst lebte er als Einsiedler, um mit dem Segen seines Abtes ganz nach den traditionellen Regeln des heiligen Benedikt von Nursia zu leben: „Bete, arbeite und lies.“ Die Stundengebete auf Latein, die traditionelle Liturgie und die gregorianischen Choräle waren ihm wichtig. Schon sehr bald schlossen sich ihm junge Novizen an. Eine Gemeinschaft entstand. Auf einem Hügel in der Nähe der kleinen Ortschaft Le Barroux wurde dann im März 1980 der Grundstein für den Klosterbau von Sainte-Madeleine gelegt. Er trägt die Inschrift: „Pax in Lumine“, Frieden im Licht.

Der Tag von Stephan Etienne beginnt um zwanzig nach Drei, wenn die Glocke im großen Kreuzgang zum nächtlichen Gebet ruft. Bevor er sich anschließend dem Studium der heiligen Schrift widmet, tauscht er die schwarze Mönchskutte gegen sein weißes Bäckergewand und feuert den Holzofen in der Backstube an. Besonders für das knusprige Olivenbrot mit den klostereigenen Oliven ist die Abtei in der Region bekannt. Die Mönche verkaufen es neben hauseigenem Olivenöl, Wein und Honig im kleinen Laden des Klosters.

Die Terz ist das dritte Gebet des Tages

„Das ist ein früher Tagesbeginn“, schmunzelt Bruder Stephan, „doch nach dem Konvent, der letzten Gebetszeit am Abend, beginnt das große Schweigen. Wir gehen um halb neun zu Bett, da bekommen wir ausreichend Schlaf.“ Der Tagesablauf der Mönche ist durch die Gottesdienste gegliedert. Die Messe um halb zehn am Morgen, die Terz, ist das dritte Gebet des Tages.

Nur wenig Licht dringt durch die kleinen Fenster in den hohen, schlichten Kirchenraum. Es ist angenehm kühl und still. Eine Handvoll Besucher sitzt still und voller Erwartung in den wenigen Kirchenbänken. Einer nach dem anderen betreten die Mönche die Kirche. Sie setzen die spitzen Kapuzen ihrer Gewänder auf, verbeugen sich vor dem Altar, setzen sich in ihre Bänke – jeder Schritt, jede Handbewegung nach einem jahrhundertealten Ritual.

Für moderne Zeiten offen

Sie bewegen sich wie von unsichtbarer Hand geführt. Der gregorianische Gesang, ihre melodischen Gebete, erfüllen den Raum. Die Stimmen sind sanft und kraftvoll zugleich. Ruhig, still und langsam, wie sie die Kirche betreten haben, verlassen die Mönche sie wieder. Zurück bleiben die Besucher. Regungslos lassen sie das Erlebte nachwirken.

Vor dem großen Hauptportal der Kirche ist indessen einiges los: Eine Großfamilie versammelt sich, um gleich die Taufe des jüngsten Familienmitgliedes zu feiern. Ein Pärchen wartet auf die Öffnung des Kirchenbüros, um seine Hochzeit anzumelden. Eine junge Frau möchte ihr Holzkreuz weihen lassen und im Klosterladen herrscht Hochbetrieb. In der langen Kassenschlange hat jeder mindestens ein Baguette unter dem Arm. Geduldig warten die Kunden darauf, bedient zu werden. „Das Olivenbrot hier ist für mich das beste in ganz Frankreich“, schwärmt Jeanne, die in der Nähe ein Ferienhaus hat und so oft wie möglich bei den Mönchen einkauft.

Bruder Edmund, der an der Kasse sitzt, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine Gelassenheit scheint auf den ganzen Raum auszustrahlen. „Ich bin vor 24 Jahren aus England in dieses Kloster gekommen, weil ich nach den alten Traditionen des heiligen Benedikt leben wollte“, erzählt er.

Ein wichtiges Element des benediktinischen Lebens ist die Aufnahme von Gästen auf der Durchreise. In der Abtei St. Madeleine können Männer eine Woche lang in der Gemeinschaft der Mönche leben und arbeiten. Auch für die modernen Zeiten sind die Mönche hier offen. Es gibt eine Webseite und eine App, mit der jeder die Möglichkeit hat, viermal am Tag beim Gottesdienst in Le Barroux dabei zu sein.

Es ist kurz vor zwei Uhr am Nachmittag. Stephan Etienne steht vor der kleinen hölzernen Seitentür der Kirche. Er lässt seinen Blick schweifen. Über die Weinstöcke, die Olivenbäume und die Lavendelfelder, die lila in der Sonne leuchten. Gleich beginnt der Gottesdienst.

Sehr empfehlenswert zu diesem Kloster die DVD „Veilleurs dans la nuit , Une journée monastique à l’abbaye Sainte-Madeleine du Barroux“ im französischen Original, dt. Untertitel einstellbar (http://www.laprocure.com/veilleurs-nuit-journee-monastique-abbaye-sainte-madeleine-barroux-eddy-vicken/3770001583013.html). Sehr ruhig und faszinierend erzählt Michael Lonsdale vom Tagesrhythmus im Kloster. 52 Minuten lang ist der Zuschauer beim Breviergebet und der Messe im überlieferten Ritus dabei, zahlreiche Kurzinterviews mit den Mönchen liefern interessante Einsichten. Übrigens auch über das bewegte Vorleben von Br. Stephan Etienne… 😉

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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