Hermeneutik der Kontinuität (Guido Horst, die-tagespost.de)

Im Blickpunkt: Hermeneutik der Kontinuität

Von Guido Horst

06. Mai 2016

Das Referat von Kardinal Gerhard Müller über „Amoris Laetitia“ ist lang (siehe Seiten 6 bis 8). Aber es hat nach soundsovielen Stellungnahmen aus kirchlichem Mund das unbestreitbare Verdienst, das Hauptanliegen von Papst Franziskus wieder in das Zentrum zu rücken: Die Kirche begleitet und beschützt die Eheleute und ihre Familien, sie hilft ihnen, den Individualismus zu überwinden und unterstützt die Kultur wirklicher Liebe durch eine „Seelsorge der Bindung“. Vor allem versichert die Kirche den Ehepartnern, dass sie sie in allen Situationen begleitet und sie nicht alleine lässt, wenn sie Prüfungen zu bestehen haben. Schon die Verlobungszeit ist eine solche Phase, in der es nicht nur um ein, zwei Stunden im Ehevorbereitungsseminar geht, sondern darum, die jungen Menschen zu lehren, dass sie mit dem Jawort auch ein Ja zu dem Plan Gottes für sie, zu ihrer ehelichen Berufung sagen. Gelebte Barmherzigkeit heißt eben nicht, dass sich die Seelsorger hinter dem Ambo, die Theologen in ihren Studierstuben oder die Berufskatholiken hinter ihren Stellungnahmen und „Forderungen“ verschanzen, sondern dass sich die Kirche zu den Menschen begibt, um mit ihnen zu leben, ihre Sorgen zu teilen und für jeden jenes kleine Stück Kultur zu schaffen, in dem die wahre Liebe aufblühen kann.

Aber der Präfekt der Glaubenskongregation muss zur Kenntnis nehmen, dass sich nach dem synodalen Prozess und nach dem nachsynodalen Schreiben unterschiedliche Interpretationen gehäuft haben – gerade in jener sattsam bekannten Streitfrage, ob denn zivil Wiederverheiratete in einzelnen Fällen die Sakramente empfangen können. Darum widmet er die Hälfte seines in Spanien gehaltenen Vortrags dieser Frage. Der Philosoph Robert Spaemann hat in diesem Zusammenhang eine bedrückende Warnung geäußert (siehe DT vom 30. April) – Spaemann verwendet eine Hermeneutik des Bruchs. Die Antwort von Kardinal Müller ist da eher beruhigender: Sie interpretiert „Amoris laetitia“ im Sinne einer Hermeneutik der Kontinuität. Da wo das Schreiben von Papst Franziskus irreguläre Situationen im Allgemeinen beschreibt, also jemanden, der objektiv nicht nach den Geboten Gottes lebt, dies aber subjektiv noch nicht in vollem Umfang erfassen kann, widerspricht das noch nicht die Lehre der vergangenen Päpste, die in einem ganz konkreten Einzelfall, eben dem der zivilen Wiederverheiratung, im Einklang mit der Tradition der Kirche eine ganz präzise Feststellung getroffen haben. Kardinal Müllers Wort hat da von Amts wegen starkes Gewicht.

Geradezu rührend versucht hier Guido Horst für die Tagespost-Redaktion, dem Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, beizuspringen, wenn er Amoris Laetitia im Sinne einer „Hermeneutik der Kontinuität“ auslegt. Seine Antwort sei zum einen „eher beruhigender“ als die Stellungnahme von Robert Spaemann. Ist denn Beruhigung wichtiger als die Stärke und Richtigkeit der Argumente? Die folgenden lavierenden Eiertanz-Sätze, die versuchen, halt irgendwie alles miteinander kompatibel erscheinen zu lassen, bleiben notwendigerweise blass und vermögen nicht zu überzeugen. Wohl in der Erkenntnis des eigenen Scheiterns sein Schlusssatz: „Kardinal Müllers Wort hat da von Amts wegen starkes Gewicht“.

Viel Überzeugungskraft scheint er dessen Argumentation aber nicht zuzutrauen, wenn er dessen Amt derart in den Vordergrund rücken muß…

 

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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