Tagespost-Kommentar: Umdenken an der Nulllinie

Kommentar: Umdenken an der Nulllinie

Von Regina Einig

18. April 2016

An das Schwinden der Volkskirche haben sich die Gläubigen gewöhnt. Bei aller Routine lässt aber ein kirchlicher Ausbilder aufhorchen, der vor dem Weltgebetstag für geistliche Berufe unumwunden erklärt, das System stehe vor dem Aus. Hartmut Niehues, Vorsitzender der Deutschen Regentenkonferenz, hat die Weichen richtig gestellt, als er in der Münsteraner Bistumszeitung „Kirche und Leben“ aussprach, was viele Kirchgänger befürchten, aber nicht offen zu sagen wagen: Dass das bestehende System in der Seelsorge am Ende ist – und zwar sowohl in den Gemeinden, den Strukturen darüber, als auch in der Priesterausbildung. Bei den Seminaristen sieht der Geistliche die katholische Kirche in Deutschland „quasi an der Nulllinie“ angekommen und verweist pars pro toto auf das Bistum Münster. Nur ein einziger Priesteramtskandidat sei im März ins Gemeindejahr gestartet. Das klingt nach tiefer Diaspora – und zwar bis auf weiteres.

Der Weltgebetstag für geistliche Berufe am Sonntag kann als Korrektiv gesehen werden, den unermüdlichen Aktivismus auf einem Feld zu unterbrechen, wo die Saat in Ruhe reifen soll. Kaum eine Diözese hat in den vergangenen Jahren auf einschlägige Werbung verzichtet. Viel Phantasie und Experimentierfreude waltet, um die Kirche als attraktiven Arbeitgeber darzustellen. Wenn der Traum von geistlichen Berufungen dennoch an der Nulllinie endet, liegt das sicher zu einem Teil an den Laien, denen das Proprium des Weihepriestertums fremd geworden ist. Wer glaubt, ohne Sakramente leben zu können, betet auch nicht für Berufungen. Zum anderen fördert ein selbstreferenzielles System hohle Betriebsamkeit. Nicht wenige Geistliche fühlen sich auf kirchlichen und gesellschaftlichen Nebenschauplätzen heute wohler als im Beichtstuhl und vor dem Tabernakel. Kein noch so ausgeklügelter Ersatzfahrplan mit Haupt- und Ehrenamtlichen führt Priester und Gemeinde an der Grundentscheidung vorbei, was ihnen die Gottesfrage wert ist – und ob das Gebet für geistliche Berufe in der Pfarrei tief verwurzelt ist, oder als einmalige Pflichtübung im Jahr mehr oder weniger unwillig abgespult wird.

http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Kommentar-Umdenken-an-der-Nulllinie;art312,168723

Das richtige Thema, die richtige Frage, nur die Antwort der Tagespost fällt wieder – wie sattsam bekannt – gerade mal lauwarm aus…

  • Die Volkskirche schwindet dahin. Korrekt beobachtet.
  • Das bestehende System in der Seelsorge ist am Ende. Dito.
  • Laien, denen das Proprium des Weihepriestertums fremd geworden ist, glauben, ohne Sakramente leben zu können. Auch korrekt.
  • Unermüdlicher Aktivismus samt einschlägige Werbung. Auch richtig, aber: aktiv in welche Richtung? 

 Bereits der Satz „Viel Phantasie und Experimentierfreude waltet, um die Kirche als attraktiven Arbeitgeber darzustellen“ hätte zum zentralen Problem führen müssen: Welches Priesterbild herrscht heute denn vor? Der Opferpriester aller Zeiten oder der teamfähige, gremienerfahrene Pastoralmanager? Wohl letzteres. Warum wurde dies nicht thematisiert? Ist es vielleicht gerade dieses – cool und zeitgemäß ausgedrückt – „Jobprofil“, welches nicht auf Resonanz stößt? Warum boomen die Priesterseminare im überlieferten Ritus? Leider werden diese Fragen nicht gestellt. Nur der Satz „Ausgeklügelter Ersatzfahrplan mit Haupt- und Ehrenamtlichen führt Priester und Gemeinde an der Grundentscheidung vorbei, was ihnen die Gottesfrage wert ist (…)“ tippt kurz an, was bei deutschen Diözesanbischöfen bereits allgemeiner Grundkonsens zu sein scheint: das „Priestertum“ ist ein Auslaufmodell, wir brauchen unbedingt die priesterlose „Wort-Gottes-Feier“. Diese wird in den Ordinariaten vorangetrieben, vgl. Post „Es naht 2017 oder: Reformation 2.0“ auf diesem Blog. Sich händeringend um gute Priester sorgende Bischöfe sind in Deutschland dünn gesät, höflich ausgedrückt. Dies sollte uns alle „aufhorchen“ lassen…

 

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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