Stimmen zu Amoris Laetitia

Vielleicht nutzt der eine oder die andere diesen bescheidenen Blog mal hin und wieder als schnellen Überblick, daher habe ich in Auswahl einige Stimmen zu Amoris Laetitia zusammengetragen. Die Auswahl beansprucht keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Selbst möchte ich zu diesem Dokument nichts sagen, außer, dass ich Papst Franziskus noch stärker im Gebet begleiten werde.

Kardinal Kasper: Es sind Öffnungen da

Aachen (DT/KNA) Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper hat die Papstbotschaft zu Ehe und Familie als „bemerkenswertes Dokument“ gewürdigt. „Amoris laetitia“ („Freude der Liebe“) zeichne ein sehr realistisches Bild von Familie mit Bodenhaftung und kein abstraktes Ideal, sagte er am Freitagabend der Katholischen Nachrichten-Agentur in Aachen. Der Papst äußert sich laut Kasper sehr biblisch und pastoral, aber nicht lehrhaft. Das Schreiben gebe wichtige Hinweise für die Ehepastoral und -begleitung in der deutschen Kirche. „Da sind wir zum Teil noch Entwicklungsland“, sagte der frühere Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Nach Ansicht von Kasper vertritt das Dokument eine offene Position, mit der die Bischöfe in der Bundesrepublik gut arbeiten könnten. Zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, die nach katholischer Lehre vom Kommunionempfang ausgeschlossen sind, sagte der Kardinal: „Es sind Öffnungen da, ganz klar.“ Dem Papst gehe es um die Integration dieser Menschen in das Leben der Pfarrei. Am Freitag war im Vatikan das Schreiben des Papstes vorgestellt worden, das die Beratungen der beiden Weltbischofssynoden 2014 und 2015 zu Ehe und Familie zusammenfasst. Franziskus fordert darin von der katholischen Kirche mehr Respekt vor der Gewissensentscheidung des Einzelnen in moralischen Fragen. Zudem sei stets eine sorgfältige Prüfung des Einzelfalls und eine Güterabwägung nötig. Zugleich stärkt Franziskus die Rolle der Ortskirchen und der einzelnen Bischöfe, denen er mehr Eigenständigkeit und Interpretationsspielraum in der Anwendung der kirchlichen Lehre zugesteht.

http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Kardinal-Kasper-Es-sind-Oeffnungen-da;art312,168587

Nicht revolutionär, aber teilweise unterschiedlich interpretierbar

Ein Gespräch mit Kardinal Kurt Koch vom Päpstlichen Einheitsrat über das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“. Von Guido Horst

Kurienkardinal Kurt Koch bewertet das jüngste Papstschreiben als Einladung und Herausforderung. Foto: KNA

Eminenz, ist „Amoris laetitia“ ein revolutionäres Schreiben des Papstes? Schlägt es ein ganz neues Kapitel auf?Neu bei dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben ist, wie extensiv und intensiv Papst Franziskus die Ergebnisse der beiden Vollversammlungen der Bischofssynode aufgreift und sich zu Eigen macht. Neu ist der durchgehend pastorale Grundton des ganzen Dokumentes, in dem die Lebenssituationen der Menschen heute betrachtet werden. Charakteristisch dafür ist auch, dass nicht neue kanonistische Regelungen auf universaler Ebene eingeführt werden, sondern davon ausgegangen wird, dass auf regionaler Ebene inkulturierte Lösungen gefunden werden sollen. Zudem fällt der starke Akzent auf, den Papst Franziskus auf das Gewissen und die Gewissenbildung des einzelnen Getauften legt, und zwar in der Überzeugung, dass die einzelnen Lebenssituationen sensibel betrachtet werden müssen. Dies alles ist aber nicht revolutionär. Denn Papst Franziskus ist kein Revolutionär. Er ist in erster Linie Seelsorger, steht aber ganz auf dem Boden der Glaubenslehre der katholischen Kirche und in einer großen Kontinuität mit seinen beiden Vorgängern, wie die vielen Zitationen aus dem Magisterium von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zeigen.

Der synodale Prozess zu Ehe und Familie war auch von hitzigen Debatten geprägt. Es gab das Grundsatzreferat von Kardinal Kasper im Februar 2014, Bücher und Gegenbücher, auch von Kardinälen, zwei turbulente Synoden. Jetzt das Schlusswort des Papstes. Oder geht der Streit weiter? Etwa um die Kommunionzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen?Von Streit würde ich eher im Blick auf die öffentlichen Auseinandersetzungen vor den Synodenversammlungen, weniger während den Synoden selbst reden. Hier habe ich vielmehr – von wenigen Ausnahmen abgesehen – eine intensive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen von Ehe und Familie und ein ehrliches Ringen um glaubwürdige Antworten wahrgenommen. Das Dokument des Papstes ist zudem so einladend und zugleich herausfordernd geschrieben, dass ich hoffe, dass sich die Seelsorger und Hirten intensiv damit beschäftigen und nicht einen weiteren Streit fördern. Ein solcher scheint mir auch deshalb nicht angebracht, weil der Papst selbst die Frage der Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten nicht in einer prinzipiellen Weise entschieden, sondern deren Beantwortung ins „Forum internum“ verwiesen hat. Dennoch wird man davon ausgehen müssen, dass auch in diesem Apostolischen Schreiben verschiedene Passagen unterschiedlich interpretiert werden.

Begleiten, unterscheiden, integrieren – das sind drei Stichworte, die für das stehen, was sich Papst Franziskus für den pastoralen Umgang mit Paaren, Eheleuten und Familien wünscht. Gibt es da wirklich Defizite in der Seelsorge?Die drei Stichworte zeigen den pastoralen Ernst, mit dem Papst Franziskus die heutigen Herausforderungen in Ehe und Familie angeht. Sie vertragen sich weder mit einer rigoristischen noch mit einer leichtfertigen Einstellung. Sie muten sowohl den einzelnen Gläubigen als auch den Seelsorgern viel zu. Jeder Seelsorger und Hirte wird sich persönlich Rechenschaft darüber geben müssen, ob und wie er sich die ernste Grundhaltung des Papstes zu eigen machen kann und wo er eventuell selbst der Hilfe bedarf, um seine pastorale Aufgabe verantwortungsbewusst wahrnehmen zu können.

In Punkt 301 von „Amoris laetitia“ heißt es: „Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner so genannten ,irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.“ Also kann es sein, dass jemand in einer irregulären Situation, etwa in einer zweiten, zivil geschlossenen Ehe lebt, und dennoch im Stand der Gnade ist. Kann er dann zur Kommunion gehen?Dem ganzen achten Kapitel, das überschrieben ist „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“ liegt die Überzeugung zugrunde, dass eine Spannung zwischen einer objektiv schwerwiegenden, so genannt „irregulären“ Situation, und der subjektiven Wahrnehmung dieser Situation durch den Betreffenden bestehen kann. Es wird Aufgabe des Seelsorgers sein müssen, in der Begleitung der Menschen diese Spannung sensibel zur Sprache zu bringen und nach einer glaubwürdigen Bewältigung dieser Situation zu suchen. Welche Konsequenzen, auch im Blick auf den Kommunionempfang, dann daraus gezogen werden können, muss sich dann erst zeigen und lässt sich nicht von vorneherein prinzipiell beantworten. Aber es versteht sich von selbst, dass in diesem pastoralen Feld viel Gewissensbildung anstehen wird.

Gibt „Amoris laetitiae“ die Haltung der Mehrheit der Väter der letzten beiden Synoden wieder, so wie Sie es persönlich erlebt haben, oder ist da auch viel Eigenes des Papstes?Nach meinen persönlichen Erfahrungen der beiden Vollversammlungen der Bischofssynode hat Papst Franziskus sehr viel von den Beratungen aufgegriffen und sich die wesentliche theologische und pastorale Ausrichtung einer großen Mehrheit der Synodenväter zu Eigen gemacht. Er hat damit das Ringen während den Synoden darum, dem Papst eine gute und möglichst konsensfähige Abschlussrelatio überreichen zu können, anerkannt. Das Apostolische Schreiben geht aber inhaltlich auch weit über die Ergebnisse der Synode hinaus und ist auch vom persönlichen Stil des Papstes geprägt, der seine großen Lebens- und Seelsorgserfahrungen eingebracht hat.

Werden jetzt viele enttäuscht sein, die sich von Papst Franziskus Änderungen der kanonischen Regeln in der Ehe- und Sexualmoral erwartet hatten?Ent-Täuschungen sind manchmal auch das Ergebnis von Täuschungen. Denn sie haben die Ursache nicht nur bei jener Person, von der man enttäuscht ist, sondern auch in den eigenen Erwartungen, die möglicherweise von einer mangelnden Kenntnis der Person, auf die sich die Erwartungen beziehen, abhängen. Vom Papst beispielsweise zu erwarten, dass er die Glaubenslehre der katholischen Kirche ändern könnte und wollte, ist eine unrealistische Erwartung, die nur enttäuscht werden kann. Wer trotzdem enttäuscht worden ist, sollte sich nun in einer positiven Weise auf das konzentrieren, was der Papst von Hilfreichem und Weiterführendem geschrieben hat – und dies ist sehr viel.

http://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Nicht-revolutionaer-aber-teilweise-unterschiedlich-interpretierbar;art312,168633

 

„Amoris Laetitia ist ein „katastrophales Dokument“

13 April, 2016

von Roberto de Mattei

Mit dem am 8. April veröffentlichten Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia äußerte sich Papst Franziskus offiziell zu Problemen der Ehemoral, über die seit zwei Jahren diskutiert wird.

Beim Kardinalskonsistorium vom 20./21. Februar 2014 hatte er Kardinal Walter Kasper die Aufgabe anvertraut, die Debatte zu diesem Thema zu eröffnen. Die These von Kardinal Kasper, laut der die Kirche ihre Ehepraxis zu ändern habe, bildete das Leitmotiv[R.L1]  der beiden Familiensynoden von 2014 und 2015 und bildet heute das Gerüst des Schreibens von Papst Franziskus.

„Eine gefährliche schizophrene Pathologie“

Im Laufe dieser zwei Jahre haben illustre Kardinäle, Bischöfe, Theologen und Philosophen in die Debatte eingegriffen, um aufzuzeigen, dass es zwischen der Lehre und der Praxis der Kirche eine innige Übereinstimmung geben muss. Die Seelsorge beruht auf der dogmatischen und moralischen Doktrin.

„Es kann keine Seelsorge geben, die im Missklang mit der Wahrheit der Kirche und ihrer Moral und im Gegensatz mit ihren Gesetzen ist und nicht auf die Erreichung des Ideals des christlichen Lebens ausgerichtet ist!“, so Kardinal Velasio De Paolis in seinen Ausführungen vor dem Kirchengericht von Umbrien vom 27. März 2014.

Die Idee, das Lehramt von der seelsorglichen Praxis, die sich je nach Umständen, Moden und Leidenschaften entwickeln könnte, zu trennen, ist laut Kardinal Robert Sarah „eine Form von Häresie, eine gefährliche schizophrene Pathologie“ (La Stampa, 24. Februar 2015).

Der Umsturz liegt darin, „sich keine generelle Regelung erwarten zu dürfen“

In den Wochen, die dem nachsynodalen Schreiben vorausgegangen sind, haben sich die öffentlichen und privaten Interventionen von Kardinälen und Bischöfen beim Papst vervielfacht, mit dem Ziel, die Veröffentlichung eines Dokuments voller Fehler abzuwenden, die durch eine Vielzahl von Abänderungsempfehlungen deutlich wurden, welche die Glaubenskongregation am Entwurf anbrachte. Franziskus machte aber keinen Schritt zurück, sondern scheint die Letztfassung des Schreibens, oder zumindest einige der Schlüsselstellen, der Hand von Theologen seines Vertrauens überlassen zu haben, die eine Neuinterpretation des heiligen Thomas von Aquin im Licht der Hegel’schen Dialektik versuchten. Die Theologie der Praxis schließt nämlich jede doktrinelle Aussage aus und überlässt es der Geschichte, die Verhaltenslinien für das menschliche Handeln abzustecken. Deshalb „kann man verstehen“, so Papst Franziskus, „dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte“ (Amoris Laetitia, 300). Wenn man davon überzeugt ist, dass die Christen sich in ihrem Verhalten nicht nach absoluten Grundsätzen auszurichten, sondern auf die „Zeichen der Zeit“ zu hören haben, wäre es in der Tat ein Widerspruch, Regeln welcher Art auch immer zu formulieren.

Alle erwarteten sich die Antwort auf eine grundlegende Frage: Können jene, die nach einer ersten Ehe standesamtlich erneut heiraten, das Sakrament der Eucharistie empfangen? Auf diese Frage hat die Kirche immer mit einem kategorischen Nein geantwortet. Die wiederverheirateten Geschiedenen können die Kommunion nicht empfangen, weil ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse in objektivem Widerspruch stehen „zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht“ (Familiaris Consortio, 84).

„Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene gilt nicht mehr absolut“

Die Antwort des nachsynodalen Schreibens lautet hingegen: Grundsätzlich nein, aber „in gewissen Fällen“ (Amoris Laetitia, 301, Fußnote 351). Die wiederverheirateten Geschiedenen sollen „integriert“ und nicht ausgeschlossen werden (Amoris Laetitia, 299). Ihre Integration kann „in verschiedenen kirchlichen Diensten zum Ausdruck kommen: Es ist daher zu unterscheiden, welche der verschiedenen derzeit praktizierten Formen des Ausschlusses im liturgischen, pastoralen, erzieherischen und institutionellen Bereich überwunden werden können“ (Amoris Laetitia, 299), ohne die Sakramentenordnung auszuschließen (Amoris Laetitia, Fußnote 336).

Tatsache ist: Das Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene gilt nicht mehr absolut. Der Papst erlaubt nicht als allgemeine Regel die Kommunion für die Geschiedenen, er verbietet sie aber auch nicht. Kardinal Caffarra betonte in seiner Zurückweisung der Kasper-These: „Hier legt man Hand an die Doktrin. Zwangsläufig. Man kann auch sagen, dass man es nicht tut, aber man tut es. Und nicht nur das. Man führt einen Brauch ein, der diese Vorstellung langfristig nicht nur im christlichen Volk verankern wird: Es existiert keine absolut unauflösliche Ehe. Und das ist mit Sicherheit gegen den Willen des Herrn. Darüber gibt es keinen Zweifel“ (Interview in Il Foglio, 15. März 2014).

Für die Theologie der Praxis zählen nicht die Regeln, sondern die konkreten Fälle. Und was als Abstraktum nicht möglich ist, ist als Konkretum möglich. Kardinal Burke bemerkte jedoch richtig: „Wenn die Kirche den Empfang der Sakramente (auch nur in einem Fall) einer Person erlauben würde, die sich in einer irregulären Situation befindet, würde das bedeuten, dass die Ehe entweder nicht unauflöslich ist und damit diese Person nicht im Stand des Ehebruchs lebt, oder dass die heilige Kommunion nicht Gemeinschaft im Leib und Blut Christi ist, die hingegen die rechte Disposition der Person erfordert, nämlich die schwere Sünde zu bereuen und die feste Absicht, nicht mehr zu sündigen“ (Interview von Alessandro Gnocchi in Il Foglio, 14. Oktober 2014).

Welcher Hirte wird es noch wagen, die Kommunion zu verweigern?

Die Ausnahme ist zudem bestimmt, zur Regel zu werden, weil das Zugangskriterium zur Kommunion in Amoris Laetitia der „persönlichen Unterscheidung“ des Einzelnen überlassen wird. Die Unterscheidung erfolgt „Fall für Fall“ durch „das Gespräch mit dem Priester im Forum internum“ (Amoris Laetitia, 300). Welche Seelenhirten werden es aber noch wagen, den Zugang zur Eucharistie zu verweigern, wenn „das Evangelium selbst von uns verlangt, weder zu richten, noch zu verurteilen“ (Amoris laetitia, 308), und man „alle einzugliedern“ (Amoris laetitia, 297) und „die konstitutiven Elemente in jenen Situationen zu würdigen“ hat, „die noch nicht oder nicht mehr in Übereinstimmung mit ihrer Lehre von der Ehe sind“ (Amoris Laetitia, 292)?

Hirten, die die Gebote der Kirche einfordern möchten, riskieren laut dem päpstlichen Schreiben, sich „wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer“ zu verhalten (Amoris Laetitia, 310). „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufriedengeben, gegenüber denen, die in ‚irregulären‘ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. Das ist der Fall der verschlossenen Herzen, die sich sogar hinter der Lehre der Kirche zu verstecken pflegen, »um sich auf den Stuhl des Mose zu setzen und – manchmal von oben herab und mit Oberflächlichkeit – über die schwierigen Fälle und die verletzten Familien zu richten«“ (Amoris Laetitia, 305).

Kaspers Forderung verschämt in einer Fußnote versteckt

Diese ungewohnte Sprache, härter als die Herzenshärte, die den „Kontrolleuren der Gnade“ vorgeworfen wird, ist das Unterscheidungsmerkmal von Amoris Laetitia. Keineswegs zufällig bezeichnete sie Kardinal Christoph Schönborn bei der Pressekonferenz vom 8. April  als „ein sprachliches Ereignis“.

„Meine große Freude über dieses Dokument“, sagte der Kardinal aus Wien, liege darin, dass es „konsequent die künstliche, äußerliche, eindeutige Unterscheidung zwischen regulär und irregulär überwindet“.

Die Sprache drückt, wie immer, einen Inhalt aus. Die Situationen, die das nachsynodale Schreiben nur als „sogenannte irreguläre“ bezeichnet, sind der öffentliche Ehebruch und das außereheliche Zusammenleben. Für Amoris Laetitia verwirklichen sie das Ideal der christlichen Ehe, wenn auch nur „teilweise und analog“ (Amoris Laetitia, 292).

„Aufgrund der Bedingtheiten oder mildernder Faktoren ist es möglich, dass man mitten in einer objektiven Situation der Sünde – die nicht subjektiv schuldhaft ist oder es zumindest nicht völlig ist – in der Gnade Gottes leben kann, dass man lieben kann und dass man auch im Leben der Gnade und der Liebe wachsen kann, wenn man dazu die Hilfe der Kirche bekommt“ (Amoris Laetitia, 305) – „in gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein“ (was etwas verschämt in der dazugehörigen Fußnote 351 steht).

Amoris Laetitia Ausdruck der von den Päpsten verurteilten „neuen Moral“

Gemäß katholischer Moral können die Umstände, die den Kontext bilden, in denen eine Handlung stattfindet, die moralische Qualität der Handlung weder ändern noch eine in sich schlechte Handlung richtig und gut machen. Die Doktrin des moralisch Absoluten und des intrinsece malum wird durch Amoris laetitia in nichts aufgelöst. Das neue päpstliche Schreiben passt sich der „neuen Moral“ an, die von Pius XII. in zahlreichen Dokumenten und von Johannes Paul II. in Veritatis splendor verurteilt wird.

Die Situationsmoral überlässt es den Umständen und im Letzten dem subjektiven Gewissen des Menschen zu bestimmen, was gut und was böse ist. Der außereheliche Geschlechtsverkehr wird nicht als an sich unerlaubt gesehen, sondern sei – da ein Akt der Liebe – nach seinen Umständen zu bewerten.

Allgemeiner gesprochen gibt es demnach weder das in sich Böse nicht noch eine schwere Sünde oder Todsünde. Die Gleichsetzung zwischen Personen im Stand der Gnade (reguläre Situationen) und Personen im Zustand anhaltender Sünde (irreguläre Situationen) ist nicht nur sprachlicher Art: Ihr scheint die lutherische Theorie vom Menschen simul iustus et peccator zugrunde zu liegen, die durch das Dekret über die Rechtfertigung vom Konzil von Trient verurteilt wurde (DH, 1551−1583).

Amoris Laetitia „viel schlimmer“ als Kaspers Rede von 2014

Das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia ist viel schlimmer als die Rede von Kardinal Kasper vom Februar 2014, gegen die sich zu Recht so viel Kritik in Büchern, Artikeln und Interviews gerichtet hat. Kardinal Kasper hatte einige Fragen gestellt. Das Schreiben Amoris Laetitia liefert die Antwort: Es öffnet den wiederverheirateten Geschiedenen die Tür, es kanonisiert die Situationsmoral und leitet einen Normalisierungsprozess für alle Formen des Zusammenlebens more uxorio ein.

In Anbetracht der Tatsache, dass das neue Dokument zum nicht unfehlbaren ordentlichen Lehramt gehört, bleibt zu hoffen, dass es zum Gegenstand einer gründlichen kritischen Analyse von Seiten der Theologen und Hirten der Kirche wird, ohne dass man sich der Illusion hingibt, darauf die „Hermeneutik der Kontinuität“ anwenden zu können.

Der Text ist katastrophal. Noch katastrophaler ist, dass er vom Stellvertreter Christi unterzeichnet ist. Für jene aber, die Christus und Seine Kirche lieben, ist das ein guter Grund, zu reden und nicht zu schweigen. Machen uns also die Worte von Msgr. Athanasius Schneider[R.L2] , eines mutigen Bischofs zu eigen:

„‚Non possumus!‘ Ich werde weder ein nebulöses Gerede noch eine geschickt getarnte Hintertür zur Profanierung des Sakramentes der Ehe und der Eucharistie akzeptieren. Ebenso wenig werde ich es akzeptieren, dass man sich über das Sechste Gebot Gottes lustig macht. Ich ziehe es lieber vor, verlacht und verfolgt zu werden, als zweideutige Texte und unehrliche Methoden zu akzeptieren. Ich ziehe das glasklare ‚Antlitz Christi, der Wahrheit, dem Bild des mit Edelsteinen geschmückten Fuchses vor‘ (Hl. Irenäus), ‚denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe‘, ‚Scio cui credidi‘ (2 Tim 1,12).“

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von katholisches.info

Quelle:Distrikt Deutschland

Advertisements

Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
Dieser Beitrag wurde unter Franziskakophonie, Postkatholische Restrukturierung, Stimme der Anderen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s