WIR gehen wählen! oder: „Sag mir, wo Du stehst…“

WIR GEHEN WÄHLEN! oder: „Sag mir, wo Du stehst…“

Wie am Wegesrand kaum zu übersehen, finden morgen in Hessen Kommunalwahlen statt. Wie früher empfinden die Bürger die aufgestellten Plakatständer eher störend und die Plakate mit den Kandidatinnen und Kandidaten meist unfreiwillig komisch. In den Jahren, in denen ich Kommunalwahlkämpfe mitgemacht habe, habe ich so ziemlich alle Reaktionen mitbekommen. Auch die Sprüche der Wahlkämpfer sind immer die gleichen gewesen, die Bitte, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen, gehörte natürlich auch ins Repertoire. In den Zeitungen kamen kurz vor dem Wahltag wohltemperierte Artikel und Kolumnen, doch vom Wahlrecht Gebrauch zu machen usw.

Als ich jedoch die „Frankfurter Neue Presse“ (Bad Vilbel) heute morgen in die Hand nahm, sah ich mit zunehmender Bestürzung, wie sich die politische „Wetterlage“ in Deutschland bereits gedreht hat. Auf der Titelseite und den folgenden kompletten drei Seiten wurde einer agitatorischen Kampagne Raum gegeben, in Riesenlettern prangt die Parole „Wir sagen Ja zur Demokratie“ in Fettdruck quer über die Seiten 2 und 3. Bekannte, unbekannte, berühmte und eher berüchtigte Zeitgenossen ließen sich meist mit dem Schild „Geht wählen!“ ablichten. Unter den über dreieinhalb Zeitungsseiten verteilten Fotos wurden Wahlaufforderungen abgedruckt, die von den Personen abgegeben wurden (oder zumindest stimmten diese wohl zu, dass man sie ihnen zuschreiben durfte…).

Damit klar wird, für welche politische Richtung die Kampagne steht, gibt der Chefredakteur gleich mal erfrischend offen die Gangart vor: „Wer nicht wählt, wählt auch. Im Zweifel jene, die man lieber nicht an der Macht sieht: Die Dummen. Die Hetzer. Die Polit-Gaukler. Wer nicht wählt, will vielleicht den etablierten Parteien eins auswischen. Aber jede verlorene Stimme macht jene stark, die besser schwach bleiben sollten. Deshalb gehe ich wählen. Ich bitte Sie, unsere Leser: Wählen Sie auch!“. Wenn man sich diesen Agitprop-Text auf der Zunge zergehen läßt, schmeckt man vor allem Hybris und Frechheit. Wer eine Auffassung hat, die Herr Chefredakteur nicht goutiert, darf sich unter die Dummen, die Hetzer und Polit-Gaukler einreihen. Die „man“ lieber nicht an der Macht sieht. Warum? Wer ist denn bitte „man“? Alle Gutdenker? Alle Anständigen? Mag dies unklar bleiben, klarer wird, wer die hetzenden Dummgaukler sind. Da denen die Stimmen zukommen, die nicht für die „etablierten Parteien“ abgegeben werden, sind es wohl offenkundig Wahlvorschläge jenseits dieses herrschenden Politkartells. Die sollen „besser schwach“ bleiben. Begründung fehlt leider. Warum sind die Unnennbaren dumm? In welcher Form hetzt wer? Wer ist warum Polit-Gaukler? Genaues weiß man nicht, man hört nur den geraunten Unterton „Sie wissen schon, wen wir meinen“. Vermutlich Emmanuel Goldstein und seine Bruderschaft aus Orwells „1984“…? Als Chefredakteur kann der gute Mann halt nicht so, wie er gerne möchte. Da ist „Maria Trawicka“ als „Verkäuferin“ schon besser dran, sie läßt da keine Unklarheiten entstehen: “Ich will nicht, dass die rechten Parteien stark werden. Jede Stimme, die nicht abgegeben wird, ist eine Stimme für diese. Darum werde ich morgen wählen gehen.“ Na, also, womit die Frage nach den dummen Hetzgauklern auch geklärt wäre. Die Rechten, natürlich.

Und in dieser Kerbe wird verbissen weiter gehauen. Michael Quast, Schauspieler, Regisseur und so weiter, stellt klar: „Zur Zeit ist es wichtiger als sonst, wählen zu gehen. Allein wegen dieser Stimmungsmache, die allem widerspricht, was Frankfurt so groß und stark gemacht hat. Das sind die Offenheit und Toleranz in dieser Stadt. Jetzt muß man sich für diese Tugenden einsetzen.“ Klarer Fall, Gutdenker setzen sich edel für Tugenden ein, Andersdenkende machen mies Stimmung. So einfach ist das. Wann tritt denn der Wohlfahrtsausschuss wieder zusammen?

Erinnert alles stark an das DDR-Lied „Sag mir, wo du stehst“, ein Agitationslied aus der DDR. Im Lied wird der Adressat Du von einem gleichsam gewissenserforschenden Kollektiv, das sich selbst auf der Seite des gesellschaftlichen Fortschritts sieht („wir bringen die Zeit nach vorn“), aufgefordert, Dich zu erkennen zu geben, sowie zur Abkehr vom zurückbleibenden Im-Kreis-Gehen, zum Ablegen der nickenden Maske und zur Offenbarung des wahren Gesichtes (zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Sag_mir,_wo_du_stehst).

Aber wir haben doch keine Wahlpflicht, warum schubsen die den Leser denn dauernd zur Wahlurne? Könnte man fragen. Die Antwort ist klar: Eben weil es keine Wahlpflicht gibt, muß geschubst (oder „genudged“) werden. Abgeleitet von Nudge: engl. für Stups oder Schubs. Unter einem Nudge versteht man eine Methode, das Verhalten von Menschen auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen. Seit deren Veröffentlichung findet der Begriff auch in anderen Gebieten Anwendung, etwa der Marketing-Kommunikation (Näheres dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Nudge). Oder mit den Worten von „Anneliese Krichbaum“, ihres Zeichens „Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins Mörfelden“: „Für mich lautet das oberste Gebot: Wahlrecht ist Wahlpflicht. Man kann nicht immer nur meckern, man muß versuchen, mitzugestalten wie in der derzeitigen Flüchtlingssituation“. Aha. Der Zusammenhang zwischen den Kreuzchen auf dem Wahlzettel und dem Management einer Jahrhundertkatastrophe bleibt zwar unklar, aber die politisch-korrekte Richtung stimmt wenigstens. Auch „Moderatorin Sonya Kraus“, bekannt geworden durch das „Glücksrad“, hat Erhellendes beizutragen: “Man muß wählen gehen, weil dies eine Bürgerpflicht ist“. Unterstützt werden die beiden (Wahl-)pflichtbewußten Damen von „Sylvia König, Marketingberaterin“, die feststellt: “Die Wahl ist politische Teilhabe. Es gibt das Wahlrecht, aber es sollte auch eine Pflicht sein“. Na, wer sollte den erfolgreich „nudgen“ können, wenn nicht eine Marketingberaterin? Eben. Da will auch Eintracht-Chef Heribert Bruchhagen im Chor der Pflichtbewußten nicht fehlen und läßt unter anderem fallen:“…Deshalb für mich und jeden anderen Pflicht, mit seiner Stimmabgabe die Demokratie zu stärken“. Für sich mag er Pflichten definieren, wie er lustig ist, aber er soll bitte „die anderen“ damit verschonen…

Dies gilt auch für die Zahl anderer Gutdenkender, die im enervierend belehrendem Tonfall das Wahlrecht zur Wahlpflicht umlügen, ob „Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des VCI“ („Wählen ist Bürgerpflicht!“) oder das Redaktionskollektiv der Korrektzeitung FNP, die unisono einzeln aufgeführt werden aber komischerweise alle dasselbe sagen. Vielleicht kann man ja erfolgreich eine Wahlpflicht herbeischwätzen…

Auch „Benjamin Halberstadt, Leiter der Bürgerhäuser Dreieich“ macht (vielleicht geschult im Zwiedenken?) aus dem Wahlrecht flugs die Wahlpflicht: „Ich sehe es als Pflicht an, sich an den Wahlen zu beteiligen“. Aber dann wird’s gefährlich originell: „Jenen, die der Urne fernbleiben, rate ich: Überlegt es euch gut – dann habt Ihr später auch kein Recht zu meckern“. Uaaaah, „jene, die der Urne fernbleiben“, klingt so zwischen biblischer Verfluchung und einem Satz von Erich Honecker Ende der 80er. Den beunruhigenden Schluß, ein Verzicht auf das Wahlrecht verwirke das Recht auf spätere Kritik, zieht auch „Joachim Heidersdorf, Leiter der Lokalredaktion“: „Wer das Wahlrecht verschenkt, hat auch kein Recht, nachher zu schimpfen“. So bereitet man schleichend gesellschaftliche und rechtliche Veränderungen vor…

Wie bei jeder Sektenkampagne gibt es aber auch den reuigen Büßer. Als solche Identifikationsfigur für bislang Selbstdenkende tritt der „Verleger Rainer Weiss“ vom Weissbooks-Verlag auf. Die Beichte lautet: „Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich nicht zur Wahl gegangen bin. Heute weiß ich wie dumm das wahr. Mit-Leiden, Mit-Leben, Mit-Gestalten, Mit-Verantworten fängt im Kleinen an, in deinem Haus, deiner Strasse, deinem Viertel, deiner Stadt. Deshalb ist wählen so eminent wichtig. Ich wähle gern“. Bei diesen reuigen Worten eines hartherzigen Sünders wird einem warm ums Herz! Im wehleidigen Tonfall einer Selbsthilfegruppe leistet Herr Weiss mutig Selbstkritik. Erinnert zwar ein bißchen an Winston im Cafe Kastanienbaum, als er erfolgreich von seiner lebenslangen Auflehnung gegen die Gemeinschaft geheilt wurde, aber die Richtung stimmt. Übrigens bekannte Winston auch in einem öffentlichen Prozess unter Tränen, dankbar und demütig seine Liebe zum Großen Bruder, der ihm half, den Sieg gegen sich selbst zu erringen. Soweit, so gut.

Markus Freitag, kaufmännischer Angestellter“ gibt in diesem bunten Strauß einförmig-korrekten Denkens dann aber fast so etwas wie eine Aussenseiterposition. Na, na, na! „Die Volksvertreter mögen das Volk nicht immer gut vertreten, aber die angeblichen Alternativen sind nicht wählbar. Wir müssen verhindern, dass sie im Rathaus Einfluss gewinnen.“ Riskanter Beginn, mein Lieber, aber ja noch mal die Kurve gekriegt: Alternativen nur angeblich, sind nicht wählbar, „wir“(?) müssen verhindern. Die „stillen Beobachter“ des Gesinnungsjustizministers seufzen beruhigt. Knapp an der Hassrede vorbei, aber gerade noch vertretbar.

Wer sich von dieser eindrucksvollen Parade gutdenkender Anständiger noch nicht gehörig beeindrucken hat lassen, dem hilft in einem kleinen Artikel unten auf Seite 2 Forsa-Chef Manfred Güllner auf die Sprünge:“Wer nicht wählt, der wählt radikal“. Und wer radikal ist, gehört nicht zu uns gutdenkenden Helldeutschen. Der sagt nicht JA zur Demokratie. Und das wollen Sie doch nicht? Bitte sagen Sie nicht, Sie wurden nicht gewarnt, nicht?

Haben Sie nun endlich ein unbehagliches Gefühl, wenn Sie morgen nicht wählen gehen, wie es anständige Gutdenker tun? Das Sie fahrlässig die freiheitlich-demokratische Grundordnung gefährden, wenn Sie egoistisch von einem Recht Gebrauch machen?

Gut so!

Sie sollten sowieso nicht so bockbeinig sein und sich ständig Ihres eigenen Verstandes bedienen wollen. Wo kommen wir denn da hin? Alle schön zusammen bleiben, nicht abseits stehen! Wer abseits steht, wird geschubst und ist dann selbst schuld, gell?

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Über Kirchfahrter Archangelus

Jhg. 1967; rk; Verh., 3 Kinder. (Noch-)CDU-Mitglied seit 1983, 12 Jahre Stadtverordneter der CDU. Angesichts des herrschenden Gutdenker-Mainstreams in Gesellschaft, Partei und Kirche bin ich zum unzeitgemäßen Gegenläufer mit abweichenden Auffassungen geworden. Ich pilgere so oft wie möglich als Kirchfahrter (altdt. “Pilger“) in die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. betreute Kapelle St. Athanasius (Hattersheim). Kurz zur Politik: Ratiophobe Psychopathologien wie „Gender“ u. ä. lehne ich ab, ebenso das derzeit einheitlich handelnde Parteienkartell. Gleichwohl denke ich noch selbst und erwarte den wiederkehrenden Messias und nicht den wiederkehrenden Kaiser aus dem Kyffhäuser. Skeptisch sehe ich Zeitgenossen, die sich vorgeblich um das „christliche Abendland“ sorgen, aber selbst das Julfest feiern. Oder lautstark Familienwerte proklamieren, selbst aber privat notorischen Ehebruch praktizieren, in gleichgeschl. Lebensgemeinschaft leben oder Partner+Kinder verlassen, um sich neu zu liieren. Freunde vorgestanzter Sprachschablonen und abwegiger Schnurrpfeifereien kommen i.d.R. nicht auf Ihre Kosten. Der Blog gibt ausschließlich meine persönlichen, in der Regel politisch wie kirchlich inkorrekten Ansichten wieder und soll zusätzlich als Verstärkungs-Plattform für Themen dienen, welche in Gesellschaft wie Kirche totgeschwiegen werden. „Rebloggte“ Beiträge sollen - wenn von mir auch nicht immer geteilt - zur inhaltlich differenzierten Auseinandersetzung anregen und kritisch mittels öffentlich zugängiger Quellen überprüft werden. Gefährlicher als Verschwörungstheorien sind Kräfte, die abweichende Auffassungen anderer perfide als "Verschwörungstheorie" tabuisieren, um diese dem Diskurs und der Reflektion zu entziehen. Mit dem Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch Anbringen eines Links auf seiner eigenen Homepage die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann man laut Gericht nur dadurch verhindern, indem man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Deshalb betone ich, dass ich keinerlei Einfluß auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten habe und distanziere mich ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten auf dieser Homepage. Diese Erklärung gilt für alle auf meinem Blog angebrachten Links.
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